Leitartikel : Verursacher unter der Gelddusche

Nr. 33 –

Die Schäden des Hitzesommers sind riesig. Zeit, darüber zu reden, wer dafür aufkommt, findet Daniel Stern.

Jedes Kind kennt das Prinzip: Ich füge niemandem Schaden zu; tue ich es trotzdem, muss ich dafür geradestehen. Es ist einer der Grundpfeiler des Zusammenlebens und findet sich als sogenanntes Verursacherprinzip auch im Umwelt- und Wirtschaftsrecht wieder. Doch dieser Tage sehen wir, wie wenig dieses Prinzip gilt, wenn es um die Schäden geht, die durch den Jahr für Jahr wachsenden Treibhausgasausstoss verursacht werden.

So sichtbar wie diesen Sommer war die Klimakrise in der Schweiz noch nie. Die Wiesen sind braun, die Wälder sehen aus, als wäre es Herbst. Quellen versiegen, Bäche trocknen aus, Flüsse werden zu Rinnsalen. Dabei bleibt vieles unsichtbar: die Hunderten Hitzetoten etwa, die in der Statistik lediglich unter Übersterblichkeit erscheinen. Oder die steigende Zahl von Herzerkrankungen, wie sie laut «Tages-Anzeiger» etwa das Zürcher Universitätsspital verzeichnet. Die Schweiz bekommt eine Ahnung der Konsequenzen der Klimakrise, die in anderen Weltregionen längst zum wiederkehrenden Normalzustand geworden sind.

Wer soll für all diese Schäden zahlen? Der Fall ist klar und wird kaum bestritten: Entschädigung gibt es keine. Wenn jemand wegen der Hitze stirbt, stirbt sie oder er halt. Manchmal springt der Staat ein, etwa indem er Landwirt:innen Zölle auf Futterimporte erlässt oder für Schäden an Gemeingütern wie Wäldern aufkommt. Den Rest regelt der Markt: Werden aufgrund von Ertragsausfällen bestimmte Güter knapp, steigen halt die Preise für die Konsument:innen.

Über die Schuldfrage wird nicht geredet. Die gängige Erzählung lautet: Mit unserem Konsumverhalten tragen wir alle zur Krise bei. Doch abgesehen davon, dass Menschen das Klima höchst unterschiedlich belasten, ist die Verantwortung stark konzentriert: Rund 180 staatliche und private Konzerne sind für etwa siebzig Prozent der Emissionen aus fossilen Brennstoffen und der Zementproduktion seit Beginn der Industrialisierung um 1750 verantwortlich. Viele Hitzewellen der letzten Jahre wären ohne Zutun dieser «Carbon Majors» gar nicht oder deutlich schwächer aufgetreten, wie auch eine ETH-Studie vor einem Jahr zeigte.

Angeführt wird die Liste von den acht grössten Ölkonzernen, darunter Saudi Aramco, BP oder Exxon Mobil. Zusammen haben sie allein im zweiten Quartal 2026 – dank der durch den Krieg in der Golfregion gestiegenen Profite – einen Reingewinn von mehr als neunzig Milliarden US-Dollar erwirtschaftet. Zu den Carbon Majors gehören aber auch die Schweizer Grosskonzerne Glencore mit seinem profitablen Öl- und Gasgeschäft sowie der Zementriese Holcim.

Eigentlich liegt es auf der Hand: Die Konzerne müssen endlich für die von ihnen verursachten Schäden haften. Und tatsächlich gibt es inzwischen erste Gerichtsverfahren, die genau dieses Ziel verfolgen, etwa die Klage von vier Bewohner:innen der indonesischen Insel Pari gegen Holcim (siehe WOZ Nr. 36/25). Doch von einem Durchbruch in der Haftungsfrage sind wir noch weit entfernt.

Ausserdem sollten die Konzerne für ihren weiteren Treibhausgasausstoss angemessene Kompensationen entrichten müssen, damit die künftigen Schäden gedeckt sind. Das würde ihr Geschäftsverhalten sofort radikal ändern, da sie, ganz gemäss dem Verursacherprinzip, die Kosten, die sie verursachen, selbst tragen müssten. Bis dahin müssten sie zudem deutlich stärker besteuert werden, um zumindest für einen Teil der vergangenen und künftigen Schäden aufzukommen.

Und obwohl das alles völlig logisch erscheint, wirkt es derzeit politisch kaum durchsetzbar, beinahe utopisch. Entscheidend ist jedoch: Es wäre gerecht – und eigentlich das Normalste der Welt. Letztlich liegt es an uns, dafür zu kämpfen. ●