Literatur : Apokalypse ciao
Şeyda Kurt hat bereits die politischen Seiten von Liebe und Hass erkundet, in ihrem ersten Roman geht es nun um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.
Şeyda Kurt. Harriet Meyer
Nein, Şeyda Kurts «Zeit der Monster» ist keine Geschichte über die Apokalypse, die derzeit so viele von rechts bis links heraufziehen sehen, sondern eine Abrechnung mit der Apokalyptik. In ihrem ersten Roman geht Kurt der Frage nach, welche Folgen es hat, wenn Menschen eher an den Weltuntergang glauben als daran, dass Selbstbefreiung und ein gutes Leben für alle möglich sind. Sie beschäftigt also, was der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher (ein älteres Zitat des US-Marxisten Fredric Jameson aufgreifend) schon 2009 als Kennzeichen unserer Gegenwart formulierte: Es sei leichter, sich das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorzustellen. Fisher, der 2017 Suizid beging, ahnte vermutlich nicht, wie verbreitet keine zwanzig Jahre später Vorstellungen von der «Endzeit» tatsächlich sein würden; wie gross die linke Hingabe zur eigenen Niederlage, bevor man überhaupt in den Kampf gezogen ist.
Er schrieb seinerzeit im Angesicht der Weltwirtschaftskrise von 2008. Auch in Kurts Roman ist sie der Ausgangspunkt vieler Entwicklungen, die im chaotischen Heute zusammenfliessen. «Zeit der Monster» spielt zwischen stillgelegter Chemiefabrik, Kirche und Kneipe in einem Kiez, der dem Kölner Arbeiter:innenstadtteil Kalk, der Heimat der Autorin, nachempfunden ist.
Klinik, Brigade, Gemeinschaftsgarten
Von Aussenstehenden diffamierend und von Dazugehörenden liebevoll als «Sumpf» bezeichnet, ist dieser Stadtteil – im Roman noch mehr als in Wirklichkeit – sich selbst überlassen. Der fernen Bundeskanzlerin, die vielleicht Alice Weidel von der AfD ist, und den sich gelegentlich dorthin verirrenden Journalist:innen dient er als Schreckenszerrbild. Dabei ist er von den herzlichsten Gestalten, die sich in den vielen Sprachen des Mittleren Ostens und Kölsch Platt verständigen, bevölkert. Unterstützung gibt es keine, die Kalker:innen im Roman haben deshalb einen Nachbarschaftsrat und kümmern sich, so gut es eben geht, selbst um ihre Belange. In der «Soliklinik» werden Kranke versorgt, der Gemeinschaftsgarten bietet Erholung; gegen Faschos aller Art sowie gewalttätige Ehemänner geht die nach dem antifaschistischen Karnevalisten benannte «Brigade Karl Küpper» vor. Kurt erschafft eine Gegengemeinschaft, die sich stolz und mit der «Überlegenheit der Unterlegenen», wie sie der Philosoph Daniel Loick vor einigen Jahren beschrieben hat, durchs Leben schlägt.
Es mangelt an allem, das Viertel ist marode bis in die Grundmauern. Und als wäre das nicht genug, breiten sich unter den Bewohner:innen ein seltsames Fieber und zunehmend flirrende Unruhe aus – Letztere, weil kurz zuvor eine Tiktok-Prophezeiung den baldigen Weltuntergang angekündigt hat. In Umlauf gebracht wurde sie von Mira, der guten und auch ein bisschen manipulativen Seele des Kiezes, die damit ihr Fitnessstudiogeschäft ankurbeln, vor allem aber die Nachbar:innen zur Revolution aufstacheln will. Ein Plan, der fürchterlich aus dem Ruder läuft.
Schon vor der Kalker Apokalypse war der Schlamm da. In diesem angelt eine von Kurts Protagonist:innen nach Artefakten, der Schlamm scheint das Stadtviertel mit dem weit entfernten mesopotamischen Marschland zu verbinden. Ihm entsteigt zudem eine Art materialisierte:r Gesamtproletarier:in und weicht fortan Sanya, einer weiteren Protagonistin, nicht mehr von der Seite. Die geschlechtslose Kreatur ist von grosser Schönheit und Güte und nicht weniger als die verdichtete Gesamtheit der erniedrigten, geknechteten, verlassenen und verachteten Wesen aller Zeiten.
Keine höhere Macht
«Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst», stellte Karl Marx einst seinem kategorischen Imperativ voran, demzufolge alle Verhältnisse umzuwerfen seien, die uns zu solchen Wesen machten. Und wer sonst als der Mensch steckt hinter den titelgebenden Monstern? Die sind dem berühmten Gramsci-Gedanken entlehnt: «Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.» Die Verhältnisse, die wir im Roman vorfinden, sind wirklich monströs und dystopisch. Die brütende Hitze und die drückende Armut machen das Leben schwer – und dann ist da ja noch das seltsame Fieber. Doch die zunächst mystisch erscheinenden Gründe für all dies entpuppen sich als ganz und gar irdisch.
In «Zeit der Monster» ist es also nicht das nahende Gottesgericht, sondern die im Schlamm lauernde, menschengemachte Geschichte, die Gegenwart und Zukunft der Kalker:innen bestimmt. Dass die Siebentagestruktur des Romans dem biblischen Schöpfungsmythos entlehnt ist, unterstreicht die Botschaft nur: Keine höhere Macht, kein magischer Gegenstand, keine Kanzlerin in Berlin – am Ende können nur die Sumpf-Bewohner:innen selbst, egal woran sie glauben mögen, aus dem Schlamm Neues erschaffen.
Nein, Şeyda Kurts «Zeit der Monster» ist kein Buch über das Ende aller Tage. Es ist genau genommen das Gegenteil: eines, in dem die Autorin mit einer märchenhaften und oft witzigen Geschichte gegen den dieser Tage so starken Drang anschreibt, sich mit dem Weltuntergang abzufinden.●
▶ Şeyda Kurt liest am 8. September 2026 in Bern im Gaskessel, am 12. in Luzern im Kleintheater, am 13. in St. Gallen im Palace und am 14. September 2026 in Zürich im Kaufleuten.