Wetterleuchten : Den Widerstand verkabeln

Nr. 33 –

Anna Jikhareva hat ein revolutionäres Subjekt entdeckt

Datencenter: Es gibt wohl gerade kein besseres Symbol für die Zerstörungskraft techkapitalistischer Profitgier – in einem Sommer, dem die Leichtigkeit endgültig abhandengekommen ist. Einem Sommer, in dem sich die Klimakrise auch in Westeuropa so bedrohlich manifestierte wie nie. Überhitzte Städte, brennende Wälder, ausgetrocknete Seen und Zehntausende Tote hier, Serverfarmen, die so viel Energie und Wasser verbrauchen wie eine ganze Stadt, dort. An manchen Orten müssen eigens Gaskraftwerke gebaut werden, um den Energiebedarf der Center sicherzustellen, sogar neue Atomreaktoren sind im Gespräch. Was für ein Wahnsinn!

Weltweit soll es laut Schätzungen 12 000 Rechenzentren geben; allein in der Schweiz sind es gemäss Branchendiensten 120, Tendenz rapide steigend. Konzerne, die gewaltige Summen für Land zu zahlen bereit sind, treffen hier auf ein erfolgreiches Standortmarketing ganz nach den Vorstellungen der Techindustrie. Auf Gemeinden, die vor lauter Dollarzeichen offenbar übersehen, dass die Betonungetüme, die bald in ihren Industriezonen und auf ihren Wiesen stehen sollen, zwar der Bauindustrie nützen – ihnen selbst aber nichts bringen ausser Hitzeinseln und Dürreflecken. Auf Kantone, die sich der Folgen des Booms entweder nicht bewusst sind – oder diese einfach ignorieren. Auf den Bund schliesslich, der in guter helvetischer Manier die Verantwortung föderalistisch zurückdelegiert.

Oft weiss man nicht einmal, wie viel Energie so ein Center verbraucht, weil die Betreiber diese wesentliche Info gern verschweigen – aus Sorge, dass die exorbitant hohen Zahlen Unmut hervorrufen würden. Ich könnte an dieser Stelle noch viele weitere Ungeheuerlichkeiten im Zusammenhang mit dem Thema auflisten, gefunden auch mittels KI-Recherche (Achtung, Widersprüche!). Doch erfreulicherweise lassen sich immer mehr Leute nicht für dumm verkaufen. Von den USA und Irland über Deutschland oder Spanien bis nach Chile und in die Schweiz – überall wächst der Widerstand gegen die datengetriebene Landnahme.

Hotspot dieses Widerstands sind die USA, wo der Grossteil der Server steht: Über hundert Initiativen wurden in den letzten Monaten gegründet, mehr als tausend Klagen und Beschwerden sind hängig. Ein Dutzend Bundesstaaten diskutieren ein Moratorium für den Bau neuer Center, in New York ist ein solches bereits in Kraft.

In Irland dürfen neue Center nur unter strengen Auflagen gebaut werden, in der Region um Frankfurt am Main, wo die meisten Serverfarmen Deutschlands stehen, haben Bürger:innenkomitees nicht nur eine ­dringende Debatte angestossen, sondern auch handfeste Erfolge vorzuweisen. Und in der Schweiz protestierten kürzlich Aktivist:innen der «Aufstände der Allmende» gegen den Bau eines Datencenters im schaffhausischen Beringen, das so viel Strom bräuchte wie drei Viertel des ganzen Kantons – und in der Gegend nicht das einzige bleiben soll.

Oft sind die widerständigen Allianzen überraschend breit. In den USA etwa gehören neben indigenen Gemeinschaften, Gewerkschaften und prominenten linken Figuren wie Alexandria Ocasio-Cortez auch enttäuschte Trump-Anhänger:innen dazu. Auch in den Argumenten von links kann sich die Kritik gegen die zerstörerischen Auswüchse des Kapitalismus schon mal mit fortschrittsfeindlichem Kulturpessimismus mischen. Die modernen Maschinenstürmer:innen, die sich da rund um den Globus gerade formieren, im Blick zu behalten, lohnt sich allemal. Entgegen der gängigen Techpropaganda gibt es neben der menschlichen und der künstlichen Intelligenz schliesslich auch noch die revolutionäre. ●

An dieser Stelle nehmen die WOZ- Journalist:innen Anna Jikhareva und Daniel Hackbarth abwechselnd die politische Grosswetterlage unter die Lupe.