Zürcher Theaterspektakel : «Sie leben in einer Art Zwischenstation»
Die Forscherin und Künstlerin Diana Rojas-Feile hat für ihr Stück «Corazón Rudo» ehemaligen zwangsrekrutierten Kindern und Jugendlichen in Kolumbien zugehört.
WOZ: Diana Rojas-Feile, Sie zeigen am Theaterspektakel mit «Corazón Rudo» (Raues Herz) ein Stück über ehemalige Kindersoldat:innen in Kolumbien. Allerdings kommt das Wort «Kindersoldat:in» in Ihren Presseunterlagen nirgends vor. Warum?
Diana Rojas-Feile: Während meiner Recherchen in Kolumbien hat man mir erklärt, dass der Begriff nicht mehr benutzt wird. Man spricht von der «Rekrutierung und Verwendung von Mädchen und Jungen im bewaffneten Konflikt». Der Begriff «Soldat» kann den Eindruck einer freiwilligen Beteiligung erwecken und suggeriert einen militärischen oder kämpferischen Einsatz. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen wurden aber nicht nur für Kampfhandlungen eingesetzt, sondern auch für zahlreiche andere militärische und nichtmilitärische Aufgaben innerhalb der bewaffneten Strukturen. Viele waren zudem weiteren schweren Verbrechen ausgesetzt, darunter sexualisierter, reproduktiver und geschlechtsspezifischer Gewalt.
WOZ: Wie kamen Sie zu diesem Thema?
Diana Rojas-Feile: Das hat zwei Gründe: Der erste ist biografisch. Ich bin in Bogotá aufgewachsen, und wie viele kolumbianische Biografien ist auch meine von Gewalt geprägt. Ich studierte Volkswirtschaft und war Ende der neunziger Jahre Assistentin bei einem Professor, der auch Friedensberater war. 1999 wurde er ermordet – anscheinend von einem sehr jungen Menschen. Das ist der zweite Grund: Mich hat das sehr beschäftigt – Jahrzehnte später frage ich nun, welche Umstände diesen Menschen dazu gebracht haben, jemanden zu töten. Hinzu kam, dass die Farc-Guerilla zwanzig Jahre nach dem Mord ihre Verantwortung dafür anerkannte – und Kolumbien begann, sich mit seiner gewaltvollen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Arbeit am Stück ist eine Bearbeitung meiner persönlichen Geschichte, aber auch die von meinem Land nach dem Friedensabkommen 2016.
Theater und Demokratie
Vom 13. bis zum 30. August findet in Zürich das Theaterspektakel statt, das dieses Jahr einen thematischen Fokus auf Demokratie und Versammlung setzt. In «Corazón Rudo» fragt Diana Rojas-Feile, wie Kolumbien nach fast sieben Jahrzehnten Bürgerkrieg zum Frieden finden kann. Ausgangslage der Installation sind Reflexionen von Menschen, die als Kinder von illegal bewaffneten Gruppen rekrutiert wurden (vgl. Hauptartikel). Im Zentrum steht die Stimme von Margarita, die weiblich, männlich, alt, jung, tot und lebendig zugleich ist und von der Instrumentalisierung des Körpers im Krieg erzählt.
«Corazón Rudo» in: Zürich, Rote Fabrik, Do–Sa, 27.–29. August 2026, 20.30 Uhr; So, 30. August, 19.30 Uhr. theaterspektakel.ch
Weitere Vorführungen in: Zürich, Rote Fabrik, Mi–Fr, 2.–4. September 2026, 20 Uhr. rotefabrik.ch
WOZ: Nach diesem Friedensabkommen wurde eine Wahrheitskommission gegründet. 2025 kam diese zum Schluss, dass im über sechzigjährigen bewaffneten Konflikt in Kolumbien mehr als 18 000 Minderjährige von den verschiedenen bewaffneten Gruppierungen zwangsrekrutiert wurden.
Diana Rojas-Feile: Dazu kommt eine riesige Dunkelziffer. Die Aufarbeitung durch diese Wahrheitskommission war sehr wichtig: Zehntausenden Betroffenen wurde zugehört, und erstmals wurden ganz konkrete Zahlen zum Krieg publiziert.
WOZ: Auch Sie haben Betroffenen zugehört. Wie sind Sie mit ihnen in Kontakt gekommen?
Diana Rojas-Feile: Das war ein langjähriger Prozess. Ich begann die Recherche an der Hochschule der Künste Bern im Rahmen des Forschungsprojekts «Ästhetisierung von Kriegsgewalt» unter der Leitung von Priska Gisler. Dank Geld des Nationalfonds konnte ich mehrmals für ein paar Monate nach Kolumbien reisen. Über Menschenrechtsorganisationen vor Ort kam ich mit Betroffenen in Kontakt. Wir haben Workshops mit 25 Exkombattant:innen zwischen dreizehn und siebzig Jahren gemacht, 9 von ihnen wurden schliesslich Teil des Projekts. Bei diesen Workshops waren immer auch eine Anwältin, eine Psychologin und eine Forschungsassistentin, die bei der Wahrheitskommission mitgearbeitet hatte, anwesend. Das Aufbauen von gegenseitigem Vertrauen war ein monatelanger Prozess. Die Arbeit war am Anfang geprägt von Misstrauen und Missverständnissen.
WOZ: Auch von Erwartungen an Sie?
Diana Rojas-Feile: Ja. Ich bin Kolumbianerin und lebe seit zwanzig Jahren in der Schweiz. Das bedeutet für manche in fragilen Kontexten vor Ort, dass ich reich bin und Macht habe. Es gab die Erwartung, dass ich Kontakt mit der Schweizer Botschaft, mit der kolumbianischen Regierung und den Justizbehörden aufnehme. Ich war eine Projektionsfläche für ihre Hoffnungen. Das war nicht einfach. Deshalb war es wichtig, dass wir viel Zeit hatten. Der Prozess war stets offen und partizipativ: Ich fragte die Betroffenen zu Beginn, ob und wie man über ihre Geschichten sprechen muss.
WOZ: Was waren die Antworten?
Diana Rojas-Feile: Das Ob beantworteten alle mit einem klaren Ja. Was mich überrascht hat, war der Antrieb dahinter: Es ging ihnen nicht um das Bekanntmachen ihrer persönlichen Geschichte, sondern um die Prävention. Sie sagten: «Wir wollen unsere Geschichte erzählen, damit unseren Kindern nicht dasselbe passiert.» Das hat mich berührt.
WOZ: Und was waren die Antworten auf das Wie?
Diana Rojas-Feile: Da gab es sehr unterschiedliche. Es ging ihnen vor allem darum, gehört zu werden. Für die meisten war es deshalb auch wichtig, dass ihre unverfremdete Originalstimme im Projekt vorkommt. Ich schlug künstlerische Strategien vor, um ihre Stimmen zu ihrem Schutz zu verfremden. Aber das wollten sie nicht. Schliesslich war es ein Aushandlungsprozess mit den Betroffenen und den Künstler:innen vor Ort, die am Projekt mitarbeiten. Dabei ging es um die Frage, wo das Dokumentarische endet und wo die Kunst beginnt. Das ist immer ein schwieriger Aspekt, wenn man sich in der Kunst mit dokumentarischem Stoff auseinandersetzt.
WOZ: Ähneln sich die Berichte der Betroffenen?
Diana Rojas-Feile: Alle erzählen von einer verlorenen Kindheit – doch in ganz unterschiedlichen Facetten. Denn jede Rekrutierung, jede Kriegserfahrung und auch jede Befreiungsgeschichte ist anders. Je nachdem, von welcher bewaffneten Gruppe du rekrutiert wirst und welcher ethnischen Gruppe oder Bildungsschicht du angehörst, ist deine Erfahrung anders.
WOZ: Bringen sich die Beteiligten durch ihre Teilnahme am Projekt in Gefahr?
Diana Rojas-Feile: Tatsächlich war der Beginn des Projekts von Angst geprägt. Es hat mich beschäftigt, was ich täte, wenn jemandem wegen des Projekts etwas zustossen würde. Deswegen gab es im Hotel in Bogotá, wo wir die Workshops durchführten, krasse Sicherheitsmassnahmen. Alle mussten ihre Handys abgeben, ich erlaubte keine Fotos von Gesichtern oder Posts auf Facebook. Hier war die Anwältin wichtig. Alle mussten eine Einverständniserklärung unterschreiben. Im Stück sieht man weder Gesichter noch werden Namen oder Orte genannt. Wir haben alles nach den Standards der Wahrheitskommission anonymisiert.
WOZ: Finden ehemals rekrutierte Kinder und Jugendliche ihren Weg in einen Alltag?
Diana Rojas-Feile: Nicht wirklich. Viele führen ein Doppelleben und erzählen niemandem von ihrer Vergangenheit, denn es haftet ein Stigma an ihnen, und sie schämen sich für das, was sie getan haben oder was ihnen angetan wurde. Die meisten der ehemaligen Rekrutierten leben in einer Art Zwischenstation: Sie sind nicht im Gefängnis, aber sie sind auch nicht wirklich Teil der «normalen» Gesellschaft. In einem Workshop begann eine Frau zu weinen. Sie sagte, es sei das erste Mal, dass sich jemand für ihre Geschichte interessiere. Ausser ihrer Mutter, die jedoch gestorben sei, wisse niemand von ihrer Vergangenheit. Das sind schon heftige Erlebnisse.
Wichtig ist mir aber: Es geht in «Corazón Rudo» nicht um die Frage nach Schuld oder darum, ob sie Täter:innen oder Opfer sind. Sondern es geht um Menschlichkeit, Würde und Resilienz.
WOZ: Die Premiere war in Bogotá. Wie war das?
Diana Rojas-Feile: Sehr emotional. In Kolumbien gehört der Krieg zum Alltag, viele haben selbst Gewalt erlebt, und alle wissen, um welchen Konflikt es sich handelt. In der Schweiz ist das anders. Deswegen habe ich mir für diese Adaption viele Gedanken dazu gemacht, was das alles mit der Schweiz zu tun hat. Kolumbien ist hier ja kein Mainstreamthema.
WOZ: Seit der Netflix-Serie «Narcos» kennen zumindest alle den Drogenbaron Pablo Escobar.
Diana Rojas-Feile: Ja. Aber die wenigsten wissen, dass die Schweiz eine wichtige Rolle im Friedensprozess gespielt hat und dass Kolumbien wirtschaftlich für die Schweiz wichtig ist. Kolumbien ist zudem der grösste Kokainproduzent der Welt. Zürich wiederum gehört beim Kokainkonsum zu den Spitzenreitern in Europa. Die Konsument:innen aus den Kunst-, Banken- und Unterhaltungsmilieus kümmert es nicht, woher ihr Kokain kommt. Dabei haben sie sonst ein grosses Bewusstsein, wo ihre Produkte herkommen, ob sie lokal, bio oder fairtrade sind. Das finde ich schon erstaunlich. Denn tatsächlich gibt es eine Verbindung zwischen dem Kokainkonsum in Zürich und der Rekrutierung von Minderjährigen in Kolumbien: Es werden immer mehr Minderjährige in Armutszonen rekrutiert, um eine Drogenökonomie aufrechtzuerhalten, von der die Leute in der Schweiz profitieren.
WOZ: Wie bei Ihren bisherigen Projekten ist auch bei der künstlerischen Umsetzung von «Corazón Rudo» das Hören zentral. Warum?
Diana Rojas-Feile: Wir sind überreizt mit Bildern. Das Hören von Stimmen ohne Bilder kreiert ein eigenes Kopfkino. Als ich in Kolumbien war, wurde mir klar, dass die Wahrheitskommission vor allem mit Zuhören arbeitete. Dass also die Aufarbeitung dieses Bürgerkriegs mit aufmerksamem Zuhören beginnt.
Es gibt dieses Buch von Susan Sontag, das mich inspiriert hat: «Regarding the Pain of Others». Darin fragt sie, was es mit uns macht, wenn wir Bilder vom Leiden anderer Menschen betrachten – ob sie uns berühren, zum Nachdenken bringen oder mit der Zeit abstumpfen lassen. Angelehnt daran lautet meine Forschungsfrage: Was macht es mit uns, wenn wir dem Schmerz der anderen zuhören? ●