Auf allen Kanälen : Was heisst «liberal»?

Nr. 34 –

Nach den deutschtümelnden Jahren unter Eric Gujer sollte die NZZ über sich selbst nachdenken.

Gross waren die Worte, als die «Neue Zürcher Zeitung» letzte Woche den Rücktritt ihres Chefredaktors Eric Gujer verkündete. Er zähle zu den bedeutendsten publizistischen Stimmen im deutschsprachigen Raum, meinte Isabelle Welton, die Präsidentin des Verwaltungsrats. Bedeutungsvoll geschrieben, das sind Gujers Leitartikel auf jeden Fall. Stets hat man bei der samstäglichen Lektüre das Gefühl, hier schreibe der Mann, der statt Friedrich Merz im deutschen Kanzleramt regieren sollte. Und wäre doch bloss Gujer statt Angela Merkel an die Macht gekommen! Deutschland wäre heute bestimmt keine Krisennation, die an Wokeness, Political Correctness und Teilzeitarbeit zugrunde geht.

Dass die NZZ Gujer nun zum «Herausgeber Deutschland» macht, um ihn im Pensionsalter vor dem Bedeutungsverlust zu bewahren, entbehrt vor diesem Hintergrund nicht der Komik. Er werde sich in dieser Funktion «weiterhin mit den grossen Linien der deutschen und internationalen Politik befassen». Man darf nur hoffen, dass seine Prognosen künftig zutreffender sind als in seinem unvergessenen Kommentar vor der letzten US-Präsidentschaftswahl: «Harris ist aussenpolitisch das grössere Risiko als Trump.»

Viel wurde über den sogenannten Deutschlandkurs der NZZ geschrieben, seit Gujer 2015 Chefredaktor wurde und das Zürcher Weltblatt auf den weitaus grösseren Leser:innenmarkt im Nachbarland ausrichtete. Aus dem Korrespondent:innenbüro in Berlin wurde eine eigenständige Redaktion, die heute rund dreissig Vollzeitstellen umfasst. 50 000 Digitalabos verkauft man mittlerweile in Deutschland – mutmasslich im Milieu von AfD-Wähler:innen, die von der NZZ publizistisch umgarnt werden. Als «heilsamen Schock» für den Bundestag hat Gujer die rechtsextreme Partei einmal bezeichnet. Undemokratisch sei bestimmt nicht ihr Parteiprogramm, sondern eine Linke, die sie ausgrenzen, gar verbieten wolle. Und eine bürgerliche Mitte, die dabei naiv mitbiete.

Womit wir beim eigentlichen Problem der heutigen NZZ sind: bei der täglichen Beleidigung eines beträchtlichen Teils ihrer Leser:innenschaft. Logischerweise meinte nie irgendeine Linke oder ein Linker in diesem Land, es handle sich bei der NZZ nicht um eine rechtsbürgerlich geprägte Wirtschaftszeitung. Und doch wurde sie auch von der Linken gerne gelesen, wegen ihrer fundierten Auslandberichterstattung, des innenpolitischen Detailwissens und eines zumindest für helvetische Verhältnisse freigeistigen Feuilletons. All das litt in der Ära von Gujer unter einer ideologischen Engführung. Klar, es gibt keinen neutralen Journalismus, in keinem politischen Spektrum. Und doch macht es einen Unterschied, ob man als Journalist:in seine Thesen an der Realität überprüft oder die Welt diesen Thesen unterordnet – mit den uninspirierten, immer gleichen Kulturkampftexten als Folge.

Gujers Herrschaft, darüber berichtete die WOZ bereits 2017, führte zu einer eigentlichen Säuberungswelle auf der Redaktion. Eigenständige Köpfe verliessen das Blatt, während Protegés Karriere machen konnten. Da passt es auch ins Bild, dass als potenzieller Nachfolger gerne Benedict Neff genannt wird. Er wurde im Berliner Büro gross, sammelte daraufhin etwas Verlagserfahrung bei Axel Springer, wurde von Gujer erst zum Feuilleton-, dann zum Auslandchef ernannt.

Der aus Schwyz stammende Neff, der sein Studium einst mit einer Arbeit über die katholische Beichte abschloss, glänzt immer wieder mit sprachlich eleganten, aber notorisch islamfeindlichen Beiträgen. Und dann noch die Gewalt und die Kriminalität überall auf den Strassen! Es wäre ein eidgenössischer Treppenwitz, sollte ausgerechnet der mentale Sonderbündler Neff das liberale Flaggschiff NZZ leiten.

Vielleicht lohnte es sich bei der NZZ, die sowohl von ihren Redaktor:innen wie auch von ihren Aktionär:innen eine liberale Grundhaltung verlangt, über ebendiese nachzudenken: Was bedeutet «liberal» in einer Zeit, in der autoritäre Kräfte rund um den Globus den Rechtsstaat und die Demokratie aushebeln? Sollen Liberale, wie bei der NZZ etwa während der Abstimmung über die «10-Millionen-Schweiz» geschehen, mit den Rechtspopulist:innen mithecheln? Oder nicht doch zum Schluss kommen, dass Freiheit nicht aus der Abwesenheit von Regeln entsteht, sondern aus Zusammenarbeit und gerade auch internationaler Kooperation?

Hört man sich auf der Büroplauderplattform Linkedin um, treibt die Positionierung der NZZ nicht nur Linke, sondern auch Bürgerliche um. Auch das wäre eine Einsicht der NZZ-Oberen nach den deutschtümelnden Gujer-Jahren: 80 000 Abonnent:innen, die deutlich höhere Preise bezahlen, leben noch immer in der Schweiz. Sie werden nie die AfD wählen, weil sie die AfD gar nicht wählen können. ●