Cornelia Funke : Eine ganze Bande
Die Kinder- und Jugendbuchautorin weiss um ihre blinden Flecken – und spricht zwischendurch mit Spatzen. Eine Begegnung.
Seehotel Kastanienbaum, ein rosa Bau aus den Achtzigern auf der Horwer Halbinsel, eine Viertelstunde Busfahrt vom Luzerner Hauptbahnhof entfernt. Tolle Aussicht überall, von der Terrasse ist der Blick auf den Vierwaldstättersee unglaublich. Cornelia Funke begrüsst im langen, luftigen Kleid, hat langes, graublondes Haar, viele Lachfalten, strahlt. Es ist ihr Lieblingssee. Sie deutet auf einen nahen Wipfel, auf dem drei Krähen sitzen, «Ach Gott, sind die fantastisch, die drei da. Und die gucken uns an und denken, was wir haben», sagt sie versonnen. Ein paar Minuten später unterbricht sie das Gespräch, um mit den auf der Terrasse herumhüpfenden Spatzen zu sprechen: «Ihr seid ja so fantastisch, eine ganze Bande!»
Cornelia Funke ist eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Buchautor:innen. Seit 1988 erschienen über sechzig Kinder- und Jugendbücher, die sie als gelernte Buchillustratorin oft auch selbst illustriert hat. Millionenfach aufgelegt, manche in fünfzig Sprachen übersetzt und mehrere auch verfilmt: «Herr der Diebe», «Drachenreiter» und Fortsetzungen, die «Tintenherz»-Trilogie (mittlerweile eine Tetralogie), «Die Wilden Hühner», die «Reckless»-Serie und viele weitere, die meisten von ihnen in fantastischen Welten angesiedelt, begleiten Kinder und Jugendliche nun schon seit drei Jahrzehnten. 2005 wurde Funke vom «Time»-Magazin in die Liste der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten aufgenommen. Sie ist mit ihren Büchern reich geworden, lebte lange in Kalifornien; seit 2021 auf einem Anwesen in der Toskana, wo mittlerweile vier Angestellte für das Residenzprogramm für Künstler:innen arbeiten, das sie dort anbietet. «Ich denke immer noch fast jeden Tag: Wie bin ich denn zu diesem Leben gekommen?», sagt Funke, die in einer Mittelschichtsfamilie im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, der Vater Rechtspfleger, die Mutter Hausfrau. «So unwirklich. Ich bin froh, kann ich mir dieses Staunen darüber bewahren.»
Ehrenwerter Ausweg aus dem Fettnapf
«Die deutsche Rowling» wird Funke in Bezug auf die «Harry Potter»-Autorin immer mal wieder genannt, wegen des enormen Erfolgs mit den fantastischen Welten, die sie entwirft. Und sonst? J. K. Rowling ist in den letzten Jahren vor allem mit ihrer immer aggressiveren transfeindlichen Kampagne aufgefallen. Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, mit der Funke befreundet ist, habe ihr mal erzählt, wie sie sich Sorgen gemacht habe: «Wir hatten alle Angst, dass du die Rowling machst», habe Neubauer zu ihr gesagt, nachdem Funke der «Zeit» ein grosses Interview gegeben hatte. Dann die grosse Erleichterung: «Du hast alles richtig gesagt.»
Funke engagiert sich seit Jahren politisch, vor allem im Klimabereich, sie hat sich immer wieder öffentlich gegen rechts positioniert und auch während der Coronapandemie besonnen kommuniziert. Sie äussert sich gern öffentlich, es gibt unzählige Interviews mit ihr zu allen möglichen Themen. Gott und die Welt. Sich öffentlich äussern zu können, sei auch mit ein Grund dafür gewesen, aus Kalifornien nach Europa zurückzukehren: «Es ist etwas anderes, wenn die Leute wie hier schon mit meinen Büchern aufgewachsen sind und mich seit ihrer Kindheit kennen. So kann ich hoffentlich auch mehr bewirken.»
Funke ist sich im Klaren darüber, dass sie «als 67-jährige weisse Frau natürlich lauter blinde Flecken» habe. Und wenn sie in einen Fettnapf tritt? «Dann glaube ich an das Gespräch. Der einzige ehrenwerte Ausweg ist der, dass du sagst: ‹Touché. Und danke. Das nächste Mal mach ichs besser.›» «Die Wilden Hühner» zum Beispiel, ihre Reihe über eine Mädchenbande, die auch erfolgreich verfilmt wurde, würde sie heute anders schreiben: nicht alle Protagonistinnen als weisse, deutsche Mädchen etwa. «Das war damals in Deutschland die Realität», sagt Funke – was natürlich nicht stimmt. Nun bemüht sie sich darum, aus dem neu gewonnenen Blickwinkel ihre «Hühner» diverser weiterzuspinnen: Gerade arbeitet sie an einer Fernsehserienversion, die sich auf die Gegenwart konzentriert, auf das Leben der Protagonistinnen als Erwachsene, mittlerweile über dreissig.
Ein Millennialtraum, die Heldinnen von damals noch einmal im gleichen Alter wie man selbst zu erleben, für Funke die Gelegenheit, ihr Werk im Jetzt weiterzuschreiben – und auch eine Möglichkeit, sich eine alte Zielgruppe neu zu erschliessen. Sie ist auch eine ausgezeichnete Geschäftsfrau.
Es geht um Recherche
Zwecks Diversität einer der jungen Frauen einfach, zum Beispiel, einen Schwarzen Vater anzudichten, hätte sie allerdings falsch gefunden. «Das muss glaubwürdig passieren, auf eine Weise, die mit den Büchern übereinstimmt. Und weil ich selbst eine Iranerin als Schwiegertochter habe, habe ich mir zugetraut, eine solche Figur zu schreiben – in die sich dann eine meiner Protagonistinnen verliebt.» Davon abgesehen hält sie nicht viel von der Losung, nur das wiedergeben zu dürfen, was sie selbst erlebt hat, weil «niemand nur Geschichten über 67-jährige deutsche Frauen lesen will, und ich will das auch nicht schreiben». Einfach so eine Geschichte über einen siebzehnjährigen Schwarzen Jungen aus der New Yorker Bronx hinhauen würde sie aber auch wieder nicht, «da müsste ich mich schon ein Jahr mit Jugendlichen von dort hinsetzen, bis ich eine Vorstellung davon hätte. Da geht es um Recherche.»
Es bellt von einem Balkon. «Das sind meine Hunde», sagt Funke. Sie ist herzlich, erzählt gern und assoziativ, nimmt sich mehr Zeit als vereinbart. Sagt auch einige tendenziell schrullige Dinge, wie etwa, dass sie eine Gestaltwandlerin sei und das der eigentliche Grund dafür, dass sie über so viele verschiedene Dinge schreiben, in so viele Rollen schlüpfen könne: «Ich muss sagen können: Jetzt bin ich schwarz, jetzt bin ich grün, jetzt bin ich gelb. Ich brauche diese Vielfalt, sonst wird es langweilig.» Psychedelische Drogen hätten sie aber nie interessiert, obwohl sie natürlich zu haben gewesen wären: «Ich sehe die Welt sowieso schon so.» Also fantastisch.
Man nimmt ihr auch diese Aussagen locker ab. Funke ist eine unglaublich überzeugende Person: Wenn sie die Spatzen als Bande sieht, sieht man die Spatzen halt ebenfalls als Bande. Das wird auch mit ein Grund dafür sein, wieso ihre geschriebenen Welten so glaubwürdig und damit für so viele anschlussfähig sind. «Der Perspektivenwechsel ist für Kinder oft einfacher als für Erwachsene, weil sie viel selbstverständlicher in Geschichten reinschlüpfen. Während ein Erwachsener noch fragt, ob das jetzt symbolisch gemeint ist, hat das Kind schon Flügel und fliegt davon.»
Auch das: Funke weiss ihr Publikum, also grossteils Kinder und Jugendliche, ernst zu nehmen. Ihnen auf eine angemessene Art und Weise zu erzählen, was auf der Welt alles passiert, auch die Abscheulichkeiten, hält sie schon lange für eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Ein Blick auf die Welt, in der vieles ineinanderfliesst, das Wirkliche und das Fantastische, wird dabei vielleicht helfen. ●