Essay : «Ceuta ist eine Geschichte, die von einer anderen Zukunft handelt»

Nr. 34 –

Es war nicht allein die Falschnachricht in den sozialen Medien, die die Krise von Ceuta verursacht hat. In Fnideq reden Jugendliche schon seit Jahren fast nur über die Flucht aus Marokko.

Illustration: schematische Darstellung von Figuren, die erschöpft am Strand sitzten, über einen Zaun klettern und Richtung Himmel gleiten

Für mich ist Ceuta nicht bloss eine spanische Stadt an der marokkanischen Küste, sondern Teil meiner eigenen Geschichte. Auch deshalb blicke ich anders auf die Ereignisse vom 30. Juli 2026. Anders als die meisten Medien, die darüber berichtet haben.

Ich versuchte 2018, Ceuta zu erreichen, nachdem ich aus Europa ausgeschafft worden war. Wieder war ich auf der Suche nach einem Ausweg, auf der Flucht vor der Verfolgung und der Homophobie in Marokko, wo gleichgeschlechtliche Beziehungen kriminalisiert werden. Ceuta verhiess mir ein Leben in Sicherheit als Teil der LGBTQ+-Community. Ich verstehe also den Wunsch, die Exklave zu erreichen. Er ist mir nicht neu. Ebenso wenig ist er neu für Tausende Marokkaner:innen.

Was am 30. Juli passiert ist, passierte nicht zum ersten Mal. Über die Jahre habe ich mehrere solche Migrationsbewegungen mitverfolgt, habe Bilder gesehen von schmerzlichen Versuchen, den Stacheldraht zu überwinden; habe Hautfetzen gesehen, die im Draht hängen blieben.

Die spanischen Behörden in Ceuta und die marokkanischen Sicherheitskräfte reagierten immer mit Gewalt. Sie haben Pushbacks begangen, auf die Migrant:innen eingeprügelt und sie bis in die südlichste Ecke der Westsahara deportiert. Vermutlich mit dem Ziel, sie zu ermüden, bis sie irgendwann aufgeben.

Aber die Migrant:innen sind immer wiedergekommen. Wer scheitert, wartet einfach auf die nächste Gelegenheit. Sicherheitskräfte schlagen sie fast tot? Sie ziehen ab, verstecken sich, warten, versuchen es wieder.


Am 30. Juli berichtet die spanische Nachrichtenagentur EFE, dass Hunderte Leute versuchten, von der marokkanischen Küste aus nach Ceuta zu schwimmen. Mehr als 300 von ihnen seien von spanischen Behörden gerettet, zwei Leichen gefunden worden.

Auch die Landgrenze öffnet sich. Tausende bewegen sich Richtung Ceuta, bald wird das Ausmass der Bewegung schwer greifbar. Die Zahlen werden zur Kontroverse. Rund 50 000 Grenzübertritte habe es gegeben, schätzt Spaniens Innenminister am Tag darauf. Ceutas Präsident Juan Jesús Vivas spricht gar von 60 000. Als die Behörden den Migrant:innen mitteilen, dass sie nicht bleiben können, kehrt ein grosser Teil von ihnen zurück nach Marokko.

Am Anfang steht eine Nachricht: «Dringend! Bestätigte Meldung aus Ceuta: Marokkanische Migrant:innen werden nicht mehr abgeschoben, sondern in Zentren untergebracht – sowohl junge als auch ältere Menschen.» Eine Nachricht, die Tausenden das Gefühl gibt, eine Tür würde sich öffnen.

Der Nachricht liegt ein echter Gerichtsentscheid zugrunde. Der oberste Gerichtshof Spaniens hatte sich mit sogenannten «devoluciones en caliente» befasst, der sofortigen und summarischen Zurückweisung von Migrant:innen, die beim Versuch, die Exklaven Ceuta und Melilla zu erreichen, auf See abgefangen werden. Dass Spanien seine Grenzen öffnen müsse, hat es nicht verfügt. Ebenso wenig ein Bleiberecht für jene, die Ceuta schon erreicht haben.

Das Timing ist bemerkenswert. Am 30. Juli findet das alljährliche Thronfest Eid al-Arsch statt: König Mohammed VI. hält sich in der nördlichen Stadt M’Diq auf, wo er an Zeremonien anlässlich des Jahrestags seiner Krönung teilnimmt, als sich diese enorme Menge an Menschen plötzlich in Bewegung Richtung Grenze setzt. M’Diq liegt ebenso wie die nahe gelegene Stadt Fnideq ganz in der Nähe der Exklaven.

Marokko betrachtet Ceuta und Melilla als marokkanische Städte, Spanien betrachtet sie als Teil seines Territoriums. Dieser Streit ist jahrzehntealt. Und die beiden Städte sind immer wieder Schauplätze diplomatischer Krisen.

Zuletzt versuchten 2021 mehr als 8000 Leute, nach Ceuta zu gelangen. Zuvor hatten sich die Regierungen in Rabat und Madrid zerstritten: Brahim Ghali, der Chef der sahrauischen Befreiungsbewegung Frente Polisario, war nicht verhaftet worden, als er in Spanien war, um medizinisch behandelt zu werden.

Einige der Migrant:innen berichteten damals, dass Grenzbeamt:innen sie ermutigt hätten durch die Ankündigung, sie nicht zurückzuhalten. Die Behörden können die Migrationsbewegung ihrer Bürger:innen direkt beeinflussen. Sie brauchen dafür keine Befehle zu erteilen – die Leute stehen bereit. Es reicht, die Kontrollen zu lockern.

Auch dieses Mal wird die Migrationsbewegung bald zum Gegenstand politischer Debatten in Europa und in den USA. Schnell kursieren immer neue Theorien, Analysen und Erzählungen. Dahinter wird die einzelne Migrantin immer unsichtbarer.

Zeitungen stellen Mutmassungen an, etwa dass die USA oder Israel hinter der Falschnachricht in den sozialen Medien stecken könnten. Die spanische Regierung hatte zum Krieg im Gazastreifen Stellung bezogen und den Staat Palästina anerkannt. Die Migrationsbewegung vom 30. Juli wird in diesem Narrativ zu einer Art Bestrafung Spaniens. Beweise dafür gibt es keine.

Die Rechte und die extreme Rechte versuchen, die Ereignisse zu instrumentalisieren. Sie bewegen die Diskussionen weg von Fragen der ökonomischen Ungleichheit, von mangelnder Freiheit und Asyl – hin zu Fragen der nationalen Sicherheit und der Bedrohungsabwehr. In einer ohnehin schon aufgeladenen Debatte wird Ceuta zum Sinnbild. Mehr Grenzkontrollen, mehr Härte, höhere Zäune.

Donald Trump spricht von einer «Invasion» Spaniens.


Wenn du nach Fnideq, Tétouan oder M’Diq fährst, wirst du die Jungen fast nur über eines reden hören: darüber, dass sie nach Ceuta oder Melilla wollen. Den meisten von ihnen ist es egal, ob auf dem See- oder dem Landweg – Hauptsache, sie erreichen die andere Seite.

So habe ich es erlebt, als ich einmal dort war: dass Teenager die verschiedenen Möglichkeiten, nach Ceuta zu gelangen, diskutierten.

Sie redeten über Abwasserrohre, die unter der Grenze verlaufen und womöglich bald zugemauert würden. Über die hohen Stacheldrahtzäune und darüber, wie man Matratzen darauflegen könnte, um sich zu schützen. Sie erzählten von Leuten, die sich in Liefer- und Lastwagen versteckt hätten, redeten über die Zutrittsberechtigungen für die Lieferung von Essen und Kleidern über die Grenze. Das sind zwar keine Aufenthaltsberechtigungen, aber sie haben es schon Hunderten ermöglicht, den Weg raus aus Marokko zu schaffen.

Andere zahlen Tausende Euro für den Versuch, mit dem Boot über die Grenze zu kommen. Eigentlich dauert die Reise nur ein paar Minuten, aber sie ist gefährlich – weil die Boote kentern oder von der Küstenwache angegriffen werden können.

Zeit zur Erfüllung ihrer Träume bleibt den Jugendlichen kaum: Unter vielen Marokkaner:innen spricht sich herum, dass unbegleitete Minderjährige, die Spanien erreichen, viel bessere Chancen hätten, nicht zurückgeschafft zu werden. Tatsächlich gibt es in Spanien rechtliche Rahmenbedingungen, die unbegleiteten Kindern besonderen Schutz versprechen.

Ceuta, das ist auch eine Geschichte, die man sich erzählt. Sie handelt von einer anderen Zukunft, von Sicherheit und Freiheit. Jene, die es tatsächlich schaffen, werden Teil dieser Geschichte. Sie erzählen ihren Freund:innen und Verwandten von ihrem Leben in Spanien: von Arbeit, Bildung, Stabilität und all den schönen Veränderungen gegenüber ihrem früheren Leben. Diese Erzählungen können eine enorme Motivation entfachen bei einem Jugendlichen, der in Marokko lebt und fühlt, dass dort keine Zukunft auf ihn wartet.

Diese Geschichte wird immer weitergeschrieben. Zum jetzigen Zeitpunkt befinden sich, soweit ich weiss, immer noch Tausende Minderjährige in Ceuta, die die Behörden nicht zurückgeschafft haben, die meisten von ihnen zwischen vierzehn und siebzehn. Sie wollen studieren, arbeiten, unabhängig werden, ihre Familien unterstützen und sich eine Zukunft aufbauen.

Ihre Eltern sind vermutlich glücklich, hoffen, dass nun womöglich ein anderes, ein neues Leben auf ihre Kinder wartet und dass sie irgendwann auf das spanische Festland weiterziehen dürfen.

Dass sich die Kinder und Jugendlichen immer noch auf spanischem Boden aufhalten, wird sich wie ein Lauffeuer unter jungen Marokkaner:innen verbreiten, vor allem im Norden, wo die Frustration über die Jahrzehnte der Vernachlässigung und das Scheitern der Hirak-Rif-Bewegung 2016 und 2017 noch besonders tief sitzt. Die Bewegung war zum Symbol des vor allem von der Bevölkerungsgruppe der Amazhigen geprägten Widerstands gegen Korruption, Ausbeutung und Marginalisierung geworden.


Das Leben in Marokko bietet seinen Bewohner:innen nicht das, wonach sie suchen. Unter den Tausenden, die Ceuta erreichten, waren junge Männer, Familien, Frauen, Kinder, Leute aus anderen Ländern auch, mit verschiedenen sozialen Hintergründen. Es fehlt ihnen nicht nur oder nicht zwingend an Geld, sondern an Perspektive.

Und statt dass die Regierung die Probleme der Bevölkerung irgendwie angehen würde, plant sie mehrere Grossprojekte, Festivals und Sportanlässe wie die Fussballweltmeisterschaft der Männer 2030.

In den letzten Jahren sind Jugendproteste, etwa die der «GenZ 212», ausgebrochen. Sie fordern mehr Investitionen ins Gesundheitswesen und in Bildung, Reformen und Massnahmen gegen die Korruption. Menschenrechtsorganisationen haben die Repression gegen diese Proteste dokumentiert. Viele der Demonstrant:innen sind demnach seit Monaten inhaftiert – nur weil sie Jobchancen und akzeptable Krankenhäuser fordern.

Die marokkanische Wirtschaft ist geprägt von starker Vermögenskonzentration, eng verbunden mit staatlichen Institutionen, einigen Grosskonzernen und vor allem der Königsfamilie. Die Migrationsfrage kann nicht von der sozialen Frage losgelöst verstanden werden. Und wer sich in Marokko, besonders im Norden, nach einer grüneren Seite des Zauns umsieht, wird sie in Ceuta oder Melilla finden.

Für mich selbst war nicht nur die Armut das Problem, sondern vor allem auch die Unfreiheit. Artikel 489 des marokkanischen Strafgesetzes stellt gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Strafe. Aber auch ganz grundsätzlich gibt es in Marokko keine Meinungsäusserungsfreiheit, keine Freiheit, zu sein, wer man ist, kaum Bürgerrechte. Dass die Behörden gegen Journalistinnen, Aktivisten oder auch nur Social-Media-Nutzer:innen, die die Monarchie kritisieren, vorgehen, ist hinlänglich dokumentiert.

Besonders krass ist die Einschränkung der Frauenrechte, die Repression gegen die feministische Bewegung. Das zeigt sich am besten am Fall von Ibtissam «Betty» Lachgar. Die feministische Aktivistin wurde im August 2025 verhaftet, nachdem sie ein Foto von sich auf Instagram veröffentlicht hatte. Es zeigt sie in einem T-Shirt mit der Aufschrift «Allah is lesbian» (Allah ist lesbisch). Im September folgte das Urteil: dreissig Monate Haft wegen Beleidigung des Islam und eine Busse. Die Einsprache war nicht erfolgreich.

Ihr Fall ist besonders schmerzhaft: Betty hat Krebs. Die Forderung von Anwält:innen und Menschenrechtsorganisationen, sie deshalb freizulassen, verhallte ungehört. Ihr Fall weist weit über das Einzelschicksal hinaus: Er zeigt die Grenzen der Meinungsäusserungsfreiheit in Marokko auf. Und den Preis, den Bürger:innen zahlen, wenn sie religiösen Institutionen, staatlicher Autorität oder herrschenden Normen widersprechen.

In Marokko ist die Monarchie nicht bloss repräsentativ, sondern Zentrum des politischen Systems. Ich bin überzeugt, dass König Mohammed VI. vor allen anderen die Verantwortung für die desaströse politische Lage Marokkos trägt. Und dafür, diesen Satz aufzuschreiben, würde ich in Marokko verhaftet.

Natürlich heisst das nicht, dass Mohammed VI. an jeder politischen Entscheidung direkt beteiligt ist, aber er trägt die Verantwortung: für die Repression, die Unfreiheit, die Kriminalisierung der Homosexualität.


Zurück zum 30. Juli. Zu einer kleinen Stadt im Schengen-Raum, direkt an der Grenze zu Marokko, einem Land der tausend Träume, wo Menschen auf ihre Chance warten. Einem Land mit bestehenden Schmugglernetzwerken und einer Erzählung, die die Jugend schon lange prägt: dass manche, die es nach Spanien geschafft haben, dort ein neues Leben begonnen haben.

Für Marokkaner:innen ist Ceuta einerseits die nächstgelegene europäische Stadt – und gleichzeitig einer der am weitesten entfernten Orte, die es gibt. Während umgekehrt EU-Bürger:innen nicht einmal ein Visum brauchen, um Marokko zu besuchen.

Ceuta ist eine Geschichte. Sie erzählt von Menschen, die an dem Ort, an dem sie geboren sind, keine Zukunft haben. Vom Versuch, ein Land zu verlassen, das sie im Stich gelassen hat. Die Nachricht, die in den sozialen Medien kursierte, ist nur ein kleiner Teil dieser Geschichte.

Und egal wer hinter der Nachricht steckte: Nicht sie hat diese Migrationsbewegung ausgelöst, sie hat bloss eine schlummernde Kraft geweckt. Sie war Tausenden Leuten Hoffnung genug, um ihren Alltag einzutauschen gegen eine Reise an die Grenzen von Ceuta und Melilla und ins Ungewisse.

Die Europäische Union beurteilt Marokko als sicheres Land. Sie verfolgt ökonomische und sicherheitspolitische Interessen, die sie höher gewichtet als theoretische Überlegungen zur Bedeutung von Menschenrechten.

Aber so wie Ceuta für mich und Tausende andere nicht bloss eine spanische Stadt an der marokkanischen Küste ist, sind für uns auch diese Überlegungen nicht einfach theoretisch, sondern ein prägender Teil unserer Leben. Höhere Zäune werden daran nie etwas ändern können. ●

Badr Saameli (43) flüchtete zweimal aus Marokko und ist heute unter anderem Aktivist bei Queer Arab Solidarity, einem Netzwerk, das Unterstützung für Queers in arabischen Ländern leistet. Es ist auf Spenden angewiesen: queerarabsolidarity.org.

Aus dem Englischen von Lukas Tobler.