Film : Vor dem Aufbruch

Nr. 34 –

Das Kino erzählt seit jeher vom Wunsch, der eigenen Herkunft zu entkommen. Erik Bernasconis «Becaària» interessiert sich nun weniger für den Aufbruch als für den Moment davor: für das Gefühl, als Jugendlicher zu glauben, das eigene Leben sei bereits entschieden.

Mario lebt 1977 in einem Tessiner Dorf. Nachdem er die Schulabschlussprüfung nicht bestanden hat, schickt ihn sein Vater zum Heuen zu einem befreundeten Bäuer:innenpaar in ein abgelegenes Tal. Dort trifft er auf eine Welt aus harter körperlicher Arbeit und Einsamkeit und auf Menschen, deren Leben vom Rhythmus der Jahreszeiten bestimmt wird. Bernasconi betrachtet sie ohne Herablassung und ohne Folklore. In diesem Mikrokosmos, wo jede:r jede:n kennt, bekommen Schicksalsschläge, Konflikte und erste Liebeserfahrungen grösseres Gewicht. Mario zeichnet und musiziert, ohne zu wissen, wohin ihn seine Begabung führen könnte. Erst die Begegnungen des Sommers – neue Freundschaften, eine erste Romanze und ein Dorfarzt, der sein künstlerisches Talent erkennt – verändern seinen Blick auf die Zukunft.

Die Verfilmung von Giorgio Genetellis Roman «Il becaària» (2011) macht die literarische Vorlage emotional erlebbar, ohne sich in grossen Gesten zu verlieren. Der Bergdialektausdruck bezeichnet spöttisch einen Stadtmenschen, der zur Erholung aufs Land kommt. Francesco Tozzi verkörpert diesen Mario mit einer grossen Authentizität, die seine Unsicherheit und Sehnsucht glaubhaft macht. Gedreht hat Bernasconi kurz nach der verheerenden Überschwemmung von 2024 im Vallemaggia sowie rund um Locarno und Ascona. Die Berge sind hier mehr als eine Kulisse: Sie versprechen Freiheit und machen zugleich deutlich, wie klein Marios Welt noch ist. Zusammen mit dem Soundtrack und historischen Details entsteht ein stimmiges Bild der siebziger Jahre, das den Zeitgeist einfängt, ohne ihn zu idealisieren.

Neue Themen entdeckt der Film nicht. «Becaària» zeigt jedoch, dass ein Sommer genügt, um Gewissheiten bröckeln zu lassen. Am Ende steht nicht der Aufbruch, sondern die Erkenntnis, dass ein anderes Leben überhaupt denkbar ist. ●

▶ «Becaària». Regie und Drehbuch: Erik Bernasconi. Schweiz 2026. Jetzt im Kino.