Speis und Kampf : Sommer, Schweinebraten und Chanel

Nr. 34 –

Von klassenkämpferischen Debatten bis Kaviar: Zu Besuch im Stammcafé einer feministischen Ikone

Sie soll sich gerühmt haben, nicht kochen zu können. Simone de Beauvoir schildert in ihren Memoiren, wie sie sich als junge Frau, ihrer Mutter beim Abwasch helfend, fragte: «Jeden Tag Mittagessen, Abendessen, jeden Tag schmutziges Geschirr – würde das auch mein Leben sein?»

Eine berühmte Schriftstellerin will sie werden, das weiss sie schon als Fünfzehnjährige. Sie entscheidet sich gegen Ehe und Kinder, für eine offene Beziehung mit Jean-Paul Sartre; tritt für das Recht auf Abtreibung ein, demonstriert für die Unabhängigkeit Algeriens, gegen den Vietnamkrieg. Heute gilt Simone de Beauvoir als «die wohl einflussreichste Intellektuelle des 20. Jahrhunderts» (SRF) – und das Café de Flore auch deshalb als «legendäres» Pariser Kaffeehaus («SZ»), weil die vermeintlich nicht gut kochende Philosophin sich dort zu verpflegen pflegte, ihre Texte schrieb, Treffen abhielt, diskutierte.

Als kleine Hommage wage ich – den Sommer zum Schreiben in Paris verbringend – mit de Beauvoirs feministischem Standardwerk «Das andere Geschlecht» einen Besuch im «Flore». Kellner eilen mit Weinflaschen um die grünen Tischchen, schenken nach. Das Eis zum Rosé kommt im kleinen Metallkübelchen. «Das Band», so schreibt de Beauvoir, das die Frauen «mit ihren Unterdrückern verbindet, ist mit keinem anderen vergleichbar». Auch als Mann wird man nicht geboren, sondern wird zu einem. Männer als Partner, Familie, Freunde – und Unterdrücker, wie lässt sich dieser Antagonismus jemals aufheben?

«Wie werden wir hier bloss überleben?», fragt neben mir die junge US-Touristin ihre Freundin, als die Rechnung kommt. Oliven und Chips gibt es zum Rosé umsonst dazu (alle drei sehr gut!). Ich lege die schnörkelige «Flore»-Serviette zwischen de Beauvoirs Abhandlung über die Fortpflanzungsarten von Fischen, Lurchen und Vögeln.

Der Boulevard Saint-Germain, Dior-Taschen, Chanel-Sonnenbrillen und diese sehr dünnen Vogue-Zigaretten: Das «Flore» ist längst Popkultur und Kulisse, wie für die Netflix-Serie «Emily in Paris» (eine junge Marketingexpertin zieht für ihren Traumjob nach Paris und verliebt sich). Eine Frau um die sechzig bestellt, wie jedes Mal, wenn sie in Paris sei, den Kaviar, mit Blinis und Champagner. Drinnen warten rote Sitzbänke auf kältere Zeiten, mit ihnen die «Flore»-Souvenirs, Tassen, Eierbecher, Milchkaraffen und die Fotos all der Prominenz, die hier schon ein und aus ging. Was wohl Simone, die Sozialistin, sagen würde?

Sartre soll am liebsten Schweinebraten gegessen haben. De Beauvoirs Lieblingsessen finde ich nicht heraus, dafür mein neues Lieblingszitat von ihr. Im Sommer 1947 schrieb die 39-Jährige: «Ich möchte vom Leben alles. Ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein.» Merci dafür, Simone. ●