Zürcher Theaterspektakel : Rechter Ted-Talk

Nr. 34 –

Wo es darum geht, wie rechte Narrative in die Mitte der Gesellschaft vordringen, gibt es keine Katharsis.

Beinah sympathisch wirkt Max, so unsicher, wie er da in Anzug und Krawatte im Rampenlicht steht und Kontakt sucht zum Publikum, etwas unbeholfen erst, mit Fragen zur Familie, zu Kindern, darüber schwadroniert, wie erschöpft und ausgelaugt viele Menschen seien, «ja, wir sind alle hier, weil wir das alle spüren». Wer sich noch fragt, ob die Vorstellung in der Halle Nord auf der Zürcher Landiwiese bereits begonnen hat, ist ihm schon auf den Leim gegangen. Diese Irritation ist Programm und wirkmächtiger als jede direkte Provokation. Weshalb sollten wir Max helfen, «W. Nuss vo Bümpliz» anzustimmen, um uns zugehörig zu fühlen? Warum tun es so manche bereitwillig? Beklatschen sich auf Aufforderung auch noch dafür?

Nur wenige Minuten später stehen da vier weitere junge Männer in Polos und Chinos neben Max, stellen sich vor, irgendwann sagt Max: «Wir sind fünf rechte Männer. Die Linken nennen uns Extremisten. Aber heute sind wir hier, weil Sie uns eingeladen haben.»

Die Irritation rührt auch daher, dass man oft erst zu spät begreift. Wir wähnen uns im Theater, dabei hat man uns längst vereinnahmt und in die Rolle von Sympathisant:innen gedrängt. Denn auf der Bühne entspinnt sich kein dynamisches Figurenspiel, kein Widerstreit rund um rechte Ideologien, nein: Wir sind dazu verdammt, einem rechten Ted-Talk zu folgen, der sämtliche rhetorischen Register zieht. Ein «Huis clos», aus dem es kein Entrinnen gibt.

Anschlussfähig bis in linke Sphären

«Darf Theater solchen Stimmen überhaupt eine Bühne geben?», fragen die drei Regisseure von «Violenza 2025», Eneas Prawdzic, Pankaj Tiwari und Michiel Vandevelde, im Faltblatt zur Aufführung am Zürcher Theaterspektakel. Natürlich ist das eine rhetorische Frage – 25 Jahre nachdem Christoph Schlingensief für eine «Hamlet»-Inszenierung am Schauspielhaus Zürich ehemalige Neonazis auf die Bühne holte. Und doch ist sie wichtiger denn je. Nicht nur, weil die Empfindlichkeiten im Kulturbetrieb seither andere sind, was definitiv ein Fortschritt ist. Sondern weil die Rechten längst mitten unter uns und drauf und dran sind, zur neuen Normalität zu werden.

Wie geschickt die Burschen in ihrem Versuch der Publikumsverführung da an diffuses Unbehagen und gesellschaftliche Malaise anknüpfen, die emotionalen Triggerpunkte suchen, um die vermeintlich zwingende Logik rechter Argumente eingängiger zu machen und an das Wirgefühl zu appellieren oder den «gesunden Menschenverstand». Sie bedienen den Antielitenreflex bis ins linke Lager hinein und kapern linke Themen.

Wenn sie von Initiativen sprechen, die vom Volk angenommen, von der «Classe politique» aber nie umgesetzt wurden, und die «Masseneinwanderungsinitiative» anführen: Könnte man da nicht auch an die Pflegeinitiative denken? Wenn sie im Namen aller behaupten, «wir wollen im Altersheim nicht von jemandem gepflegt werden, der unsere Sprache kaum spricht und unsere Kultur nicht versteht»: Wird da nicht gerade die linke Forderung nach besserer Absicherung für alle Care-Arbeitenden von rechts vereinnahmt?

Und wenn sie sich kritisch geben, scheinbar progressiv – «bleiben Sie da, bleiben Sie offen, jede Veränderung beginnt mit einem Tabubruch» –, um gleich darauf die ersten Takte des Deutschlandlieds anzustimmen: Wie verhält man sich da? Manche buhen, pfeifen, Stinkefinger fahren hoch. In die geforderte Schweigeminute für Charlie Kirk wird aus den hinteren Reihen skandiert: «Siamo tutti antifascisti!» Aber ist das nicht ein bisschen gratis und sowieso einkalkuliert als Teil der rechten Performance? Und wie weit darf man gehen als Theaterpublikum, bevor es kippt wie jüngst in Bochum, als ein Besucher den Schauspieler attackierte, der einen faschistischen Monolog vortrug?

Verkürzte Manosphere

Apropos Performance: Dass sich das eingestreute Geraune rund um die Benachteiligung alles Männlichen kurz vor Schluss entlädt in einer Dutzendschaft an (fast) nackten Männern, die die verdunkelte Bühne stürmen, um vor antiken Stelen auf Podesten zu posieren und zu flexen, als reinkarnierten sie die gestählten Körper aus Leni Riefenstahls «Olympia», bevor sie sich im dröhnenden Technobeat dem Rausch der Gewalt hingeben, greift dann doch einigermassen kurz als Gleichsetzung von Manosphere und rechtsradikalem Raum. Zum einen bleibt so die misogyne Dynamik der Ersteren unsichtbar, zum anderen wird die aktive Rolle auch von Frauen in Letzterem ausgeblendet.

Als hätten die Regisseure der subversiv-verstörenden Kraft ihrer Ted-Talk-Inszenierung nicht vertraut. «Katharsis» hat Max gleich zu Beginn versprochen, als man sich noch im Theater wähnte. Und für einen Moment glaubt man, aufatmen zu können, als einer der fünf im fahlen Strahl des Scheinwerfers aus einem Traktat des jüdischen Dramatikers und Antifaschisten Ernst Toller von 1933 zitiert. Bis er das Traktat genüsslich in kleine Stücke zu zerreissen beginnt. «Sie haben uns zugehört», wendet er sich ein letztes Mal ans Publikum: «Glauben Sie, es ist vorbei, wenn das Licht hier angeht?» ●

Das Theaterspektakel dauert noch bis 30. August 2026. theaterspektakel.ch