Durch den Monat mit Ahmed Ajil und Kambez Nuri (Teil 4) : Scheitern Sie an Ihren Ansprüchen?
Ahmed Ajil und Kambez Nuri über den Prozess, eigene Männlichkeitsvorstellungen zu hinterfragen, und warum das schmerzhaft, aber auch befreiend ist.
WOZ: Ahmed Ajil, Kambez Nuri, in Ihrem Podcast «Keshmesh» behandeln Sie als Sozialarbeiter und Forscher oft Fragen zum Thema Männlichkeit. Wie sind Sie dazu gekommen, sich auch mit Ihrer eigenen Männlichkeit auseinanderzusetzen?
Ahmed Ajil: Auf intellektueller Ebene war die Auseinandersetzung mit postkolonialen Theorien zentral. Im Rahmen meiner Dissertation zu politisch-ideologischer Gewalt ging es dabei um Fragen wie: Was ist Terrorismus? Was ist Gewalt? Welche Gewalt wird angeschaut und als solche wahrgenommen und welche nicht? Durch die postkolonialen Theorien begegnet man relativ schnell auch feministischen Theorien.
WOZ: Und auf der persönlichen Ebene?
Ajil: Da habe ich irgendwann gemerkt, wie anstrengend toxische Männlichkeit ist. Ich bin mit einem patriarchalen Männlichkeitsbild aufgewachsen und habe das stark verkörpert: der harte Typ sein, der Macho, der gut ankommt bei den Frauen, der körperlich stark ist und sich nichts sagen lässt. Das ganze Paket. Es war für Flinta-Personen anstrengend, mit mir zusammen zu sein, aber es war auch für mich anstrengend, so besitzergreifend und eifersüchtig zu sein. Das tut ja nicht gut.
WOZ: Wie ist es bei Ihnen, Herr Nuri?
Kambez Nuri: Ich bin sehr eng mit meiner älteren Schwester und mit meiner Mutter, hatte aber immer meinen Vater und die ältesten Brüder als Vorbild. Ich habe mich nie gut gefühlt dabei, diese Männlichkeit ständig herstellen zu müssen, diese Maske zu tragen, ständig in der Performance zu sein. Hinzu kam die Angst vor den männlichen Peers.
WOZ: Sie haben als Mann Angst vor anderen Männern?
Ajil: Definitiv. Mein Hauptreferenzpunkt waren andere Jungs und andere Männer. Ihre Urteile, ihre Gewalt.
Nuri: Ich habe die ganze Zeit eine imaginäre Ranghöhe behauptet und dabei keinem Mann ein bisschen Vulnerabilität zeigen können. Dann – mit Mitte zwanzig – habe ich angefangen, mich mit Rassismus auseinanderzusetzen. Ich konnte von Rassismuserfahrungen eine Brücke schlagen zu Männlichkeit. Es war allerdings ein anderes Erwachen als bei der Rassismusbetroffenheit.
WOZ: Inwiefern?
Nuri: Beim Rassismus erkannte ich, dass ich nicht nur individuell betroffen bin, sondern auch andere Personen – dass es ein kollektives Erleben ist. Das war hart, aber irgendwo auch schön.
WOZ: Im Unterschied zur Männlichkeit?
Nuri: Ich kam in eine Abwehrhaltung, wollte immer wieder das Individuelle hervorheben: «Ich bin einer der guten Männer.» Um schliesslich zu realisieren, dass wir hier nicht von mir als Individuum reden, sondern vom System, von dem ich als Mann eindeutig profitiere.
WOZ: Welche Rolle spielt Ihre Freundschaft dabei?
Nuri: Durch die Freundschaft zu Ahmed konnte ich einen besseren Zugang zu meinen Emotionen schaffen. Ich kann von meinen tiefsten Ängsten, aber auch Widersprüchen reden. Nicht nur werde ich nicht von ihm ausgegrenzt oder unterdrückt. Stattdessen bekomme ich mehr Liebe und werde aufgefangen. So kann ich eine Freundschaft führen mit allem, was ich habe. Das ist ein grosses Geschenk.
WOZ: Das klingt befreiend.
Nuri: Genau. Es ist, als würde ich aus einem Gefängnis ausbrechen. Ich muss nicht. Ich kann alles sein.
Ajil: Männlichkeit ist so fragil, dass man sie konstant aufrechterhalten und reproduzieren muss. Sie wird dir als ein Ziel vorgegeben, das du eh nie erreichst. Es geht nur darum, dass du diesen schweren Fels die ganze Zeit den Berg raufträgst, und irgendwann war ich an dem Punkt: Lassen wir ihn einfach runterrollen.
WOZ: Scheitern Sie manchmal an Ihren Ansprüchen?
Nuri: So absurd es ist, das fühlt sich für mich immer noch sehr männlich an: Ich möchte nicht scheitern. Ich möchte ein guter Verbündeter sein. In der Freundschaft mit Ahmed spiegeln wir uns das, damit wir nicht Männlichkeit unter einem neuen Deckmantel performen. Wichtig sind natürlich auch die tollen Flinta-Personen in meinem Umfeld, die mich begleiten in diesem Prozess.
WOZ: Die also wieder emotionale Arbeit leisten.
Nuri: In diesem Prozess stecke ich drin: Ich möchte diese Arbeit nicht mehr an Flinta-Personen auslagern. Ich war es schliesslich, der sich sexistisch verhalten oder die Care-Arbeit nicht gemacht hat, und dann sollen sie mich nicht auch noch auffangen, weil ich enttäuscht bin über mein Versagen.
Ajil: Scham ist ein grosses Thema für uns alle. Uns wird nicht beigebracht, die Scham auszuhalten. Wir sind jetzt bereit für die Auseinandersetzung. Wir müssen uns selbst kritisch hinterfragen, wenn die Gefühle kommen, auch wenn es unangenehm ist.
Nuri: Und genau das versuchen wir in unseren «Manosphere»-Beratungen weiterzugeben. Wenn wir mit Eltern sprechen, deren Söhne abdriften, sagen wir ihnen: Die Scham ist oft schon da, bevor die Wut kommt. Wer das früh erkennt, kann noch etwas verändern. ●
Über die Plattform «Vorsicht Manosphere!» beraten Kambez Nuri (33) und Ahmed Ajil (36) Eltern und Bezugspersonen von Jugendlichen, die in die Manosphere abdriften.