Filmfestival Venedig : Streit im Programm

Nr. 35 –

Eine Woche vor dem cineastischen Wettbewerb wirft das Mammutprojekt eines Exilrussen seine Schatten voraus.

Alles sah danach aus, als könne man die Vorberichte zum Filmfestival von Venedig mit der vertrauten Klage darüber beginnen, dass im Wettbewerb neben zwanzig Regisseuren mal wieder nur eine einzige Regisseurin vertreten sei. Dann kamen zwei Filme dazwischen.

Zum einen wurde ein Film mit einer Frau als Koregisseurin nachgemeldet: «Naza», der Dokfilm von Yuval Abraham und Rachel Szor, dem israelischen Regieduo, das zuletzt mit «No Other Land» (2024) für Aufsehen gesorgt hat. Mit bescheidenen Mitteln und in Koregie mit den palästinensischen Aktivisten Basel Adra und Hamdan Ballal gedreht, zeigte der Film die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland in kritischem Licht. Der Film erhielt zahlreiche Festivalpreise und schliesslich auch einen Oscar. «Naza» verspricht nicht weniger kontrovers zu sein: Es geht um den israelischen Angriff gegen die Zivilbevölkerung in Gaza nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023. Angesichts des heiklen Themas hat man die Selektion des Films wohl absichtlich bis eine Woche vor Festivalbeginn zurückgehalten.

Der andere Film, der schon im Vorfeld für Schlagzeilen gesorgt hatte, wurde dadurch zwischenzeitlich in den Hintergrund gedrängt: Am 17. August hatten das Kultur- und das Aussenministerium der Ukraine in einer auf Facebook veröffentlichten Erklärung dagegen protestiert, dass im Wettbewerb der Film «Dau» des russischen Regisseurs Ilja Chrschanowski gezeigt werden soll. Dass die Biennale einem «mit dem russischen Staat und dessen Einflussnetzwerken verbundenen Projekt» eine Plattform biete, sei ein äusserst besorgniserregendes Signal, hiess es da.

Es ist viel komplizierter

Festivaldirektor Alberto Barbera wies die Anwürfe per Instagram-Post ungewohnt scharf zurück, indem er sie als «kleinlich und inakzeptabel» bezeichnete. «Dau» sei kein russischer Film – als Produktionsländer sind Deutschland, Frankreich und Schweden gelistet – und auch keine putinfreundliche Propaganda, sondern das «Werk eines russischen Dissidenten, der auf den Verfolgungslisten des Regimes als Terrorist und Staatsfeind gelandet» sei und der in seinem Film totalitäre Regimes anprangere. Zudem habe Chrschanowski – der in Berlin lebt – von Anfang an gegen die russische Invasion der Ukraine Stellung bezogen.

Aber erneut ist mal wieder alles viel komplizierter. Chrschanowskis Film als ein mit dem russischen Staat verbundenes Projekt zu bezeichnen, ist sachlich nicht ganz falsch, geht aber trotzdem an der Sache vorbei. Das filmische Gesamtprojekt, das mit dem Titel «Dau» verbunden ist, hat eine eigene Vorgeschichte, die ihrerseits bereits von Skandalen begleitet wurde. Und angesichts der Tatsache, dass Russland seinen erbarmungslosen Krieg fortsetzt, scheinen die Sorgen von ukrainischer Seite berechtigt. Zumal die jüngsten Debatten um den russischen Pavillon bei der Kunstbiennale das Gespenst heraufbeschworen, dass Putin kulturpolitisch tatsächlich wieder Boden gewinnt (siehe WOZ Nr. 20/26).

Angekündigt war «Dau» zuerst als Biopic über den sowjetischen Wasserstoffbombenentwickler und Nobelpreisträger Lew Landau. Die Dreharbeiten begannen 2008, zogen sich über mehrere Jahre hin und verwandelten «Dau» in ein experimentelles Kunstprojekt. Chrschanowski hatte im ukrainischen Charkiw ein sowjetisches «Institut» nachbauen lassen, in dem Schauspieler:innen und zahlreiche Laiendarsteller:innen in ihren Rollen «lebten», manchmal für Monate. Finanziert wurde das Ganze von europäischen Förderinstitutionen wie dem Hubert-Bals-Fonds oder dem TV-Sender Arte, aber auch mithilfe des später sanktionierten russischen Oligarchen Sergej Adonjew.

Haarsträubende Setbedingungen

Aus dem Material entstanden mehrere Schnittfassungen. Eine Kinopremiere hatten bislang einzig der dreistündige «Dau. Natasha» und der sechsstündige «Dau. Degeneration». Beide Filme liefen 2020 auf der Berlinale, Ersterer im Wettbewerb. Auch damals gab es einen Skandal, der allerdings vom Weltereignis Corona in den Hintergrund gedrängt wurde. So machten fünf russische Filmkritiker:innen mit einem Brief an die Berlinale-Leitung darauf aufmerksam, dass Chrschanowski in ethisch fragwürdiger Weise reale Sex- und Gewaltszenen mit Lai:innen gefilmt habe. Setbedingungen wie die in Charkiw seien in keinem westlichen Land vorstellbar, schon gar nicht seit #MeToo. Viel Gehör konnten sich die Kritiker:innen damals nicht verschaffen. «Dau» galt als Kunst, Chrschanowskis deutscher Kameramann Jürgen Jürges bekam für «Dau. Natasha» den Silbernen Bären.

Zu wünschen wäre also, dass nun statt über die Nationalität des Regisseurs mehr über das Projekt und die Drehbedingungen diskutiert wird. Chrschanowski hat für den neuen Film offenbar eine Rückkehr zum Biopic über Landau versprochen. Gespielt wird dieser vom griechischen Dirigenten Teodor Currentzis, der seit 2014 auch die russische Staatsbürgerschaft besitzt und dem eine Nähe zum russischen Regime nachgesagt wird. ●