Gooning : Kommst du noch oder goonst du schon?

Nr. 35 –

Wie eine Onlinebewegung rund um exzessives Masturbieren zur Bewältigungsstrategie im digitalen Kapitalismus wurde.

Illustration: ein Raum in dem ein Bett und ein Schreibtisch mit einem Laptop und Fernseher stehen, an den Wänden und auf den Bildschirmen sind Bilder aus Sex-Filmen zu sehen

«Gibt es überhaupt einen zeitlichen und gesetzlichen Rahmen, in dem das Internet nicht zu einem hocheffizienten Produzenten von Nischen für Selbstmordkulte wird? Ich kann es mir nur schwer vorstellen.»

Es ist ein düsterer Punkt, an dem die Recherche des New Yorker Journalisten Daniel Kolitz über die Gooning-Szene landet. Sein Beitrag im «Harper’s Magazine» ist eine der bisher umfangreichsten Beschreibungen des Phänomens Gooning, einer Onlinecommunity um exzessives Pornoschauen und Masturbieren. Doch zum Schluss scheint den Autor auch die Angst zu ergreifen.

Gooner:innen machten im Grunde dasselbe wie wir alle die ganze Zeit, schreibt Kolitz: täglich Stunden mit Kurzvideos verschwenden, immer stärkeren Reizen hinterherjagen, alleine auf Bildschirme starren, statt zwischenmenschliche Freuden zu suchen. Im Fall der Gooner:innen hoffe er zumindest, dass die Pornos durch die anhaltende Überflutung irgendwann ihre «Wirksamkeit als Betäubungsmittel» verlören. Dass sich der Gooner irgendwann «in einem Raum voller Gleitgel, aber ohne Liebe» wiederfindet und «ihm die Langeweile, in diesem Raum zu bleiben, grösser erscheint als die Angst vor dem, was dahinterliegt». Gooning als prototypischer Abgrund der Gegenwart.

Aber ist es wirklich so schlimm?

Acht Stunden in der Cave

Auf jeden Fall verführt das Phänomen zu grossen Thesen, die in Think Pieces, Gonzoreportagen und Essays entwickelt werden: Ist Gooning der erste grosse Fetisch der 2020er? Pointiertes Symptom der «male loneliness epidemic», einer von manchen befürchteten Tendenz, dass Männer keine freundschaftlichen, romantischen oder sexuellen Beziehungen mehr finden und vereinsamen? Ist Gooning logischer Endpunkt der Geschichte der Pornografie? Ausdruck einer US-spezifischen Sehnsucht nach Exzess? Oder Coping für das digitale Endstadium des Kapitalismus?

In Nischen des Internets existiert Gooning schon länger. Im «Urban Dictionary», der gern zitierten Referenz für Slang, Pop- und Internetkultur, fand sich bereits 2005 eine rudimentäre Definition einer Praxis des endlosen Pornoschauens und Masturbierens – so lange eben, bis jemand das Bild des namensgebenden Idioten («goon») abgibt. Dass sich im Netz dann auch eine Art Bewegung formiert, die sich selbst offensiv mit Gooning identifiziert, geschieht erst während der ersten Pandemiejahre. Seither lässt sich ziemlich klar umreissen, was unter Gooning verstanden wird.

Es beschreibt einerseits eine exzessive Art, Pornografie zu konsumieren. Gooner:innen praktizieren die auch in der BDSM-Szene beliebte Technik des Edging. Dabei wird die Erregung möglichst nahe und für möglichst lange Zeit an die Schwelle zum Orgasmus getrieben. Mit stundenlanger Masturbation – typische Sessions können sechs bis acht Stunden dauern – streben Gooner:innen so den sogenannten Goonstate an, einen ekstatischen Zustand überwältigender Glücksgefühle und Lust.

Dazu schauen sie Pornos, so viele wie nur irgendwie möglich – das erklärte Ziel: in Pornos geradezu aufzugehen. Gooner:innen bauen sich dazu sogenannte Gooncaves: Set-ups aus zahlreichen Computerbildschirmen, Tablets, Laptops, Konsolen, Beamern sowie Posters und Magazinseiten an den Wänden – sodass möglichst jede Ecke des Blickfelds mit pornografischen Bildern abgedeckt ist. Oft laufen auf einem Bildschirm mehrere Filme gleichzeitig nebeneinander. Auf den Fotos ihrer Gooncaves, die Gooner:innen stolz in Internetforen posten, sind ausserdem riesige Töpfe mit Gleitgel, unterstützende Substanzen wie Poppers, Alkohol oder Marihuana sowie allerhand Sextoys zu sehen. In der Mitte ein Bett oder ein bequemer Stuhl. Gern auch im Bild: ein erigierter Penis. Ab und zu auch eine Vulva.

Andererseits gehört zum Gooning auch eine grosse Onlinecommunity, die sich in Reddit- oder Discord-Foren austauscht. Das grösste thematische Forum für Gooning auf Reddit, r/GOONED, weist aktuell 8,9 Millionen wöchentliche Besucher:innen und 200 000 Beiträge pro Woche auf. Doch was treiben Gooner:innen auf diesen Seiten?

Zuerst einmal tauschen, kommentieren und bewerten sie pornografisches Material. Ein Teil davon stammt aus Internetpiraterie, ein anderer wird extra für die Community hergestellt. Gooner:innen sind eine neue, spezifisch bediente Zielgruppe der Pornoindustrie, etwa mit Videos, in denen eine Darstellerin die Gooner:innen direkt adressiert. Die Community hat aber auch eine eigene DIY-Kultur der Zerstückelung und Montage von Material entwickelt, die neue Formate wie das Porn Music Video hervorgebracht hat. Darunter versteht man eine rasant geschnittene Montage aus diversen Pornovideos, unterlegt mit Musik oder Voiceovers.

Doch die Interaktion unter Gooner:innen kann auch intensivere Formen annehmen: Hunderte von ihnen treffen sich in Chatrooms, um gemeinsam zu denselben Pornos zu masturbieren, oder sie versorgen sich in Echtzeit mit Material, sogenanntes «feeding». Unter den männlichen Goonern, die den klar grössten Teil der Community ausmachen, verfliesst dabei die Grenze zwischen Homosozialität und Homoerotik. Das geschieht nicht etwa beiläufig, vielmehr ist das Spiel mit sexueller Orientierung und Genderidentitäten für Gooning zentral.

Einer der wenigen, die Gooning akademisch untersucht haben, ist Alexander Monea, Kulturwissenschaftler mit Fachgebiet digitale Medien an der George Mason University bei Washington D. C. Er hat die Daten aus User:innenbefragungen der Plattform Discord unter Tausenden Gooner:innen zusammengetragen, die ein interessantes Bild zeigen: Während sich 74,6 Prozent der Befragten als cis Männer identifizierten, gaben 61,2 Prozent an, bisexuell zu sein. Monea hat Zehntausende Posts aus der Reddit-Gruppe r/GOONED untersucht, in der immer wieder auch über Sexualität diskutiert wird. Die Ergebnisse stehen in einem noch unveröffentlichten Paper, das er auf Anfrage schickt.

Immer wieder berichten demnach Männer in dem Forum, dass intensives Gooning ihre Heterosexualität infrage stelle. So schreibt ein User: «Ich glaube nicht, dass Gooning zwangsläufig ‹schwul› macht, aber es bringt die eigene Homosexualität zum Vorschein, da anhaltende Erregung die Hemmschwelle senkt.» Und: «Ich liebe, was aus mir geworden ist.» Ein anderer: «Ich muss ehrlich sein: Gooning hat meinen sexuellen Horizont erweitert und dazu geführt, dass ich männliche Körper mehr zu schätzen gelernt habe, und schliesslich wurde mir klar, dass ich bi bin.» Immer wieder wird berichtet, wie die Entgrenzung beim Gooning auch die Grenzen der eigenen Lust nicht verschont: «Im Masturbationsloch [‹bate hole›] weitet sich die Sexualität weiter und weiter aus.»

Monea untersucht, wie bestimmte pornografische Fixierungen als Brücken zur Homoerotik fungieren. So kann die exzessive Sexualisierung von trans Frauen in die Erotisierung von Penissen an sich übergehen. Ein Gooner schreibt auf Reddit: «Trans Mädchen bringen die Gehirne heterosexueller Jungs buchstäblich zum Schmelzen.» Nicht selten schlägt die Penisfixierung in den Wunsch um, selber penetriert zu werden. Dazu passt das in der Gooning-Community beliebte Spiel mit der eigenen Feminisierung, mit sexueller Unterwerfung und Kontrollverlust. So bezeichnen sich viele Gooner als Femboys oder Sissies, tragen Frauenunterwäsche, fantasieren davon, hypnotisiert, dressiert, in Keuschheitskäfige gesperrt oder zur Bisexualität gezwungen zu werden.

Gooning wird so zum Safe Space, um mit Identitäten zu spielen – gleichzeitig zelebriert es die in Pornos verbreiteten heteronormativen Fixierungen. Das Phänomen ist reich an faszinierenden Widersprüchen. Auf der einen Seite sind Gooner:innen geradezu besessen von der Vorstellung, Pornografie komplett ausgeliefert, ja süchtig danach zu sein – doch um diesen Kontrollverlust zu erreichen, organisieren sie ausgeklügelte Rituale und konstruieren komplexe technische Set-ups. Oder: Gooner:innen treiben die Individualisierung des Pornokonsums auf die Spitze, arrangieren bis ins letzte Detail personalisierte Collagen – gleichzeitig organisieren sie sich online in riesigen Gruppen, um Pornos zu schauen, als würden sie sich in die Zeit der Sexkinos und vor die Erfindung der VHS-Kassette zurücksehnen.

Die zugespitzten Widersprüche haben letztlich damit zu tun, dass Gooning einen riesigen Spagat vollzieht: zwischen Sexualität, in der die tiefsten menschlichen Sehnsüchte zum Vorschein kommen, und der fragmentierenden, zuweilen brutalen Mechanik der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie.

Männer unter Druck

Anruf bei Agnes Silvani, Sexologin und Beziehungstherapeutin in Chur. Das Phänomen Gooning interessiert sie sehr, sie begrüsst es ausdrücklich: «Von einem lockeren, schambefreiten Umgang mit Masturbation sind wir noch weit entfernt, da ist Gooning zuerst mal eine selbstbewusste Aneignung und Befreiung», sagt Silvani. «Menschen werden wahnsinnig kreativ, wenn es darum geht, einen Umgang mit ihrer Scham zu finden. Die Gooning-Community kann ein Raum dafür sein.»

Silvani erinnert daran, dass Scham nicht nur störend sein muss, sondern auch eine starke Quelle von Lust und Neugier sein kann. «Scham ist eng mit Sexualität verbunden. Ihre Überwindung kann etwas Erlösendes haben, indem sich Spannung in sexuelle Erregung verwandelt.» Tatsächlich sieht Silvani in den Ritualen und Techniken der Community auch viel sexuelles Geschick: «Praktiken der sexuellen Zurückhaltung kurz vor dem Orgasmus, die an das heutige Edging erinnern, finden sich schon in tantrischen Traditionen – als Möglichkeit, allein mit dem eigenen Körper spirituelle Ekstase, ein ‹Nirwana auf Erden›, zu erfahren.»

Dass exzessives Masturbieren speziell für Männer attraktiv ist, überrascht sie nicht. «In meine Praxis kommen viele Männer, die stark verunsichert sind. Sie setzen sich beim Sex enorm unter Druck und haben Angst, dass ihre Sexualität für andere zur Bürde wird», sagt Silvani. «Solosexualität wird da auch zum Rückzugsort, wo sie nichts leisten müssen und einfach nur geniessen können.» Der Performancedruck habe mit gesellschaftlichen Erwartungen zu tun, aber auch mit männlicher Sozialisierung. «Buben lernen häufig, dass über Gefühle zu reden oder nach Zärtlichkeit zu fragen, unmännlich ist, und später lernen viele, sich emotional über Sex zu regulieren. Weil ihnen andere Wege fehlen, eine Vielfalt emotionaler Bedürfnisse zu befriedigen, wird Sex als Regulationsmechanismus für sie so entscheidend.»

Wann wird aus exzessivem zwanghafter Konsum? Wann spricht man von Pornosucht? In der Psychologie tue man das gar nicht, sagt die Sexologin Ursina Donatsch, die in ihrer therapeutischen Praxis viel mit Pornos zu tun hat und ein Buch über Pornokonsum in Partnerschaften geschrieben hat. «Die Assoziation mit anderen Süchten, etwa der nach Substanzen, ist irreführend; eine anerkannte Diagnose ‹Pornosucht› gibt es nicht», sagt sie. In der Fachwelt spreche man eher von zwanghaftem oder selbst wahrgenommenem problematischem Pornokonsum, denn: «Entscheidend sind hier das subjektive Leiden und auch die eigene Haltung gegenüber Pornos.» Je stärker nämlich die eigene Verurteilung, je grösser die Scham, desto eher werde der Konsum auch zur Belastung, sagt Donatsch. Das Problem betreffe vor allem Männer. In Studien würde etwa ein Drittel von ihnen angeben, zu viel Pornos zu schauen. «Ein wirklich zwanghafter, unkontrollierter Konsum lässt sich aber nur bei zwei bis drei Prozent von ihnen feststellen.»

In den letzten etwa eineinhalb Jahren falle ihr als Therapeutin auf, dass Männer vermehrt nicht mehr sagten, sie seien pornosüchtig, sondern immer öfter, sie würden goonen. «Aus gesellschaftlicher Perspektive begrüsse ich sehr, dass Gooning zur Enttabuisierung von Masturbation und Pornokonsum beiträgt, aber individuell kann es auch ein Problem sein», sagt Donatsch. An der Sache ändere sich wenig, die Männer kämen ja zu ihr, weil sie ein Leiden hätten. «Von Gooning zu sprechen, kann das auch verharmlosen, es klingt nach einem Hobby, einer intensiven Auseinandersetzung.»

Im endlosen Loop

In der Gooning-Community im Netz wird Pornosucht weniger als Problem diskutiert denn geradezu freudig umarmt. Auch die Untersuchung von Kulturwissenschaftler Monea zeigt, dass im grössten Gooning-Forum lustvolle Beschreibungen verschiedener Arten von Kontrollverlust allgegenwärtig sind. Die Rede ist von Trance, Dissoziation und Hypnose, von Sucht, Drang und Unterwerfung, davon, taub, hirnlos oder ein Zombie zu werden, eins zu werden mit dem eigenen Geschlechtsorgan.

Gleichzeitig pflegen Gooner:innen eine ausgeprägte Liebe zu Ironie und Rollenspielen, vieles ist zuverlässig ambivalent. Gooning als blosses Symptom der spätkapitalistischen Vereinsamung zu lesen, wäre verkürzt – ist es doch mindestens auch eine Art von Verarbeitung davon.

Trotzdem scheint die Pathologisierung von Gooning nahezuliegen. Ein Beispiel ist eine Dokumentation des Podcasters und Filmemachers Ben Zand. In «Inside Gooning: The Internet’s Porn Epidemic» begleitet Zand, der sich sonst gern mit der Manosphere beschäftigt, einen mit Maske anonymisierten Gooner und befragt ihn ausführlich zu seiner Einsamkeit und seiner Zurückhaltung gegenüber Frauen, bevor er ihn am Schluss vor der Kamera zu einer Therapeutin begleitet. Subtext: Du armer Tropf, wir helfen dir hier raus.

Kulturwissenschaftler Emre Busse, der in Berlin zu Pornos forscht und selbst queere Pornos dreht, beobachtet, wie im gesellschaftlichen Diskurs Gooning oft eher wie eine Diagnose als eine sexuelle Praxis behandelt wird. «Demnach hat der Gooner die Kontrolle verloren, ist sozial isoliert, süchtig, kognitiv geschädigt, unproduktiv, unfähig zu ‹echter› Intimität.» Den Grund sieht Busse darin, dass die Figur provoziert. «Beunruhigend am Gooner ist, dass er zu oft und zu lang Pornos schaut, zu viel masturbiert und – schlimmer noch – all das viel zu sehr geniesst», sagt Busse.

Obwohl Gooning auch von Frauen und genderqueeren Personen betrieben wird, sei der stereotype Gooner klar männlich. «Männliche Masturbation wird oft als Ersatzhandlung betrachtet: etwas, das der Mann tut, weil er keinen Zugang zu ‹echtem› Sex hat. Die Provokation besteht darin, dass er vielleicht gar keinen Sex mit einer anderen Person braucht, um Spass zu haben.»

Er würde Gooning nicht als inhärent subversiv romantisieren, betont Busse, schliesslich reproduziere die Praxis dieselben rassistischen, sexistischen und kommerziellen Hierarchien wie Mainstreampornografie. Das Phänomen mache vor allem den widersprüchlichen gesellschaftlichen Umgang mit Pornos offensichtlich: «Sie werden zwar in enormen Mengen konsumiert, trotzdem wissen wir nicht recht, wohin damit.» Im liberalen, sexpositiven Diskurs würden Pornos heute zwar akzeptiert, aber nur unter Bedingungen: «Sie müssen künstlerisch, ethisch, feministisch, queer, divers, pädagogisch, bodypositiv oder ermächtigend sein.» Gooning hingegen versuche gar nicht erst, sich als wertvoll oder nützlich zu legitimieren.

Als Filmemacher interessiere ihn auch die pornografische Ästhetik, die Gooning hervorgebracht habe. Zentral sei dabei der Loop: ein kurzes Stück Film, das in einem Gif in endlose Wiederholung gebannt wird. «Pornos sind oft auf einen Höhepunkt hin aufgebaut: Erregung, Steigerung, Orgasmus, Ende. Gooning und Edging durchbrechen das, aus wenigen Sekunden können zwanzig Minuten werden. Als Filmemacher verliere ich dabei zwar an Einfluss, die Zuschauer:innen wählen nun, wie lange sie etwas sehen. Genau das finde ich so aufregend: Die Lust selbst wird zum Prinzip des Schnitts.» ●