Jason Arday : Die Wahrheit der Ordnung
Alle dürfen erfolgreich sein, aber nicht alle dürfen scheitern: Das zeigt der Fall des jüngsten Schwarzen Professors an der Universität Cambridge.
Mitte August wurde der Soziologe Jason Arday tot in seiner Wohnung aufgefunden. Der 41-jährige, 2023 noch als jüngster Schwarzer Professor in der Geschichte der Universität Cambridge gefeiert, war kurz zuvor von seinem Posten zurückgetreten. Durch den mittlerweile von der Uni Gent suspendierten Rassenideologen Nathan Cofnas angestossen, war dem eine wochenlange öffentliche Kontroverse um Plagiatsvorwürfe vorausgegangen, die sich rasch um den Wahrheitsgehalt weiterer Angaben in Ardays Biografie, etwa zu Marathonläufen, neurologischen Handicaps und Spendensummen, erweiterte. Die Universität, die ihm anfangs noch die Stange hielt, leitete schliesslich eine interne Untersuchung ein. Arday beteuerte: «Ich bin kein Lügner.»
Wird aus Zufällen eine Ausbildung?
Jedes CV lebt nicht nur von Storytelling, sondern ist Storytelling. Dies mag manche überraschen; für diejenigen aber, die schon einmal über ihrem eigenen CV gesessen haben, insbesondere einem CV in Academia (also in der akademischen Welt) dürfte es nichts Neues sein. Aus Zufällen – oder ist es doch der Klassenhintergrund? – wird eine Ausbildung, aus Brüchen wird Entwicklung, aus Unsicherheiten Konsequenz. Publikation hier, Grant da und dann, endlich, die Professur. Das hat insofern eine fiktionale Komponente, als es linear von etwas erzählt, das selbst nicht linear ist: ein Leben nämlich, eingebettet in Geschichte, getragen von Bedingungen und geformt nach Regeln, die meist eingehalten, manchmal aber auch subvertiert werden; ein Leben mit Momenten der Freude, des Scheiterns und der Umwege, in dem sich manches dem eigenen Zugriff entzieht.
Und dennoch wird allzu oft von einem verlangt, das eigene Leben in dieser spezifischen Weise zu fiktionalisieren und diese Fiktion, um erfolgreich zu sein, obendrein selbst zu glauben. Dabei müssen diejenigen, die historisch nicht selbstverständlich zu den Privilegierten dieser Welt gehören, aber dazugehören wollen, diese bestimmte Art des Erzählens besonders gut erlernen; ebenso wie die unausgesprochenen Codes, die eingeübten Formen des Auftretens und die damit verbundene Sprache, über die Zugehörigkeit her- und dargestellt wird.
Was aber, wenn dann eine Person daherkommt, die sich genau diesen Aspekt der Fiktionalisierung aneignet – eben nicht, weil sie besonders hinterlistig, sondern weil sie besonders lernfähig ist – und ihn vielleicht sogar perfektioniert? Noch dazu in einer jener besagten Welten, die bis vor nicht allzu langer Zeit ein nahezu ausschliesslich weisses Eliteumfeld waren? Dabei gilt freilich: Je grösser die gesellschaftliche Distanz zu dem ist, was als unauffälliges Normsubjekt einer Institution gilt, desto stärker kann die Notwendigkeit werden, aus einem als solches markierten Defizit in der Erzählung eine besondere Stärke herzuleiten. Damit wird es genau in jener Logik, die der akademische Betrieb zum Teil selbst produziert, verwertet: es allen Widrigkeiten zum Trotz – oder gerade ihretwegen – geschafft zu haben. Aus einem per Definition nichtlinearen Leben, das in einen linearen Lebenslauf gezwängt wird, wird dann schnell eine schier unglaubliche Geschichte von Überwindung, Leistung, Produktivität und schliesslich vielleicht sogar einer Professur in Cambridge. Und das ist, dieser Logik folgend, keineswegs abwegig, sondern stringent.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht allein, ob ein Professor plagiiert hat oder nicht – es versteht sich, dass Plagiatsvorwürfen nachgegangen werden muss –, sondern viel eher: Bei wem wird wann, warum, wie genau hingesehen? Und warum ruft dieselbe Logik der Fiktionalisierung des eigenen Lebens bei bestimmten Personen eine derartige moralische Erregung hervor, während der Aufschrei bei anderen maximal die Nachbarfakultät über die Uni-interne Cafeteria erreicht?
Das gilt umso mehr in einem historischen Moment, in dem der akademische Betrieb selbst durch KI und Large Language Models mit einer fundamentalen Krise von Autor:innenschaft konfrontiert ist. Denn mittlerweile sind es nicht mehr nur die administrativen Bereiche, die nun potenziell wegrationalisiert werden; plötzlich bedroht KI grosse Teile ihres eigenen Kerngeschäfts. Daraus scheint eine Paranoia zu resultieren, die wiederum mit einer eigentümlichen Aggression einhergeht: den Anspruch auf absolute Originalität an einzelnen Subjekten zu polizieren und individualisierte Fälle vermeintlicher oder tatsächlicher Verstösse zu verfolgen, anstatt erst einmal herzugehen und den sich in Echtzeit vollziehenden Raub geistiger Arbeit geschlossen zu kritisieren.
Aus dieser Perspektive erscheinen die aussergewöhnliche Aufstiegsgeschichte und ihre spätere öffentliche Demontage nicht als zwei voneinander unabhängige Mechanismen; sie bilden vielmehr zwei entgegengesetzte Stossrichtungen derselben Achse. Solange die Geschichte einer Person institutionell verwertbar ist, kann sich die Institution mit ihr nach aussen hin versichern, dass die grundsätzliche Kritik an einer historisch auf Ausschluss basierenden und mit Europas kolonialer Moderne verstrickten Institution zumindest teilweise hinfällig geworden sei. Die Existenz eines Professors kann dann selbst zum Beleg dafür werden, dass die Institution entgegen aller berechtigten Kritik funktioniert. Verliert diese Geschichte jedoch ihre institutionelle Nützlichkeit, kann derselbe Mechanismus in die entgegengesetzte Richtung wirken. Wieder gilt: Je grösser die gesellschaftliche Distanz zu dem ist, was als unauffälliges Normsubjekt einer Institution gilt, desto stärker ist dieser Abstossmechanismus. Dabei stiehlt sich die Institution gleich in doppelter Weise aus ihrer Verantwortung: Erstens sollte sie die akademische Arbeit vor einer Anstellung gründlich prüfen und zweitens denjenigen, die sie einmal in ihre heiligen Reihen aufgenommen hat, auch dann Sorge tragen, wenn deren Zugehörigkeit plötzlich unbequem wird.
Zwar dürfen alle erfolgreich sein, aber nicht alle dürfen mittelmässig sein, scheitern oder widersprüchlich sein. Was bei den einen als individueller Verstoss behandelt wird, kann bei den anderen rückwirkend zum Beweis dafür werden, dass ihre Zugehörigkeit immer schon infrage stand – und noch immer steht.
Durch diese Ambivalenz wird die eigentliche Gewalt hinter solchen Erfolgserzählungen sichtbar: Sie kaschieren eine strukturelle Ungleichheit, die ihr Erzählen, und damit das An-sie-Glauben, überhaupt erst nötig macht. Menschen, die historisch nicht als selbstverständliche Subjekte dieser Institutionen vorgesehen waren, müssen dabei nicht nur dieselbe Erzähltechnik beherrschen, sondern für ihren Zutritt allzu oft besonders überzeugende Geschichten ihrer Zugehörigkeit produzieren. Dieselben Institutionen und Teile ihrer Öffentlichkeiten besitzen allerdings zugleich die Macht, diese Geschichten wieder gegen sie zu verwenden, worin auch die mit dieser Ungleichheit eng verbundene und gern weggeredete rassistische Ordnung zutage tritt.
Radikal aus anderer Perspektive
Wenn es aber nun zuträfe, dass es an der Erfolgserzählung selbst liegt, die problematisch ist, und nicht nur am Moment ihres Scheiterns, was würde das eigentlich bedeuten?
Müsste ein wirklicher Erneuerungsakt folglich nicht darin bestehen, radikal aus der Perspektive jener zu erzählen, die diese Ausschlussmechanismen und Bedingungen der Sichtbarkeit am eigenen Körper erfahren? Gerade sie besitzen doch ein Wissen über das Funktionieren dieser Institutionen, das diejenigen, denen Zugehörigkeit selbstverständlich erscheint, gar nicht haben können – oder, mit der jamaikanischen Philosophin Sylvia Wynter gesprochen: An ihnen wird etwas von der Wahrheit dieser Ordnung selbst sichtbar. Insofern könnten gerade sie zu Wegbereiter:innen einer anderen Form des Erzählens jenseits eines linearen Aufstiegs werden, deren tatsächliche Durchsetzung jedoch nur ein kollektiver Akt sein kann. ●
Nina Kerschbaumer ist Künstlerin und Filmemacherin. Sie arbeitet zu Fragen der Prekarität und der (Un-)Möglichkeit ihrer Darstellung.