Leser:innenbriefe

Nr. 35 –

Auch wir sind Holcim

«Leitartikel: Verursacher unter der Gelddusche», WOZ Nr. 33/26

Der Redaktor weist die Verantwortung für die Klimakatastrophe wesentlich rund 180 staatlichen und privaten Konzernen zu und relativiert die Bedeutung unseres Konsumverhaltens. Das ist fragwürdig, weil es uns als überprivilegierte Gesellschaft mit imperialer Lebensweise von der Kollektivschuld reinwäscht. Wir Linken im Globalen Norden wettern gerne gegen das Kapital und kehren dabei unter den Teppich, dass es Kapital und Arbeit zusammen sind, die das Klima und die Biosphäre an die Wand gefahren haben. Ohne die Produktivkraft des fossilen Kapitalismus hätten die Zentren niemals diesen beispiellosen materiellen Reichtum anhäufen können, aus dem sich auch die erkämpften sozialen Errungenschaften alimentieren. Wir sind auch Holcim und Glencore. Weil wir in Häusern wohnen, die mit Zement gebaut wurden, mit Zügen fahren, deren Oberleitung aus Kupfer besteht, oder Lebensmittel essen, die mit dieselbetriebenen Traktoren angebaut und geerntet wurden. Und weil unsere Lebenserhaltung abhängig ist von Arbeitsplätzen und sozialen Sicherungssystemen, die ökonomisches Wachstum bedingen – wozu die massenhafte Verfügbarkeit von billigem Öl, Gas und Kohle wesentlich beiträgt. Im Zweifelsfall, also wenn es wie jetzt im Klimakollaps ans Eingemachte geht, wird eine Mehrheit der Lohnabhängigen in den Wohlstandsländern ihre Privilegien zu verteidigen versuchen, sich mit dem Kapital arrangieren und/oder sich neofaschistischen Bewegungen annähern.

Ehrlich wäre, sich einzugestehen: Die Mehrheitsgesellschaften im Globalen Norden haben vom fossilen Kapitalismus beispiellos profitiert, unsere geistige Tiefenstruktur hat sich an seine mannigfaltigen Annehmlichkeiten gewöhnt, und kaum jemand ist bereit, sich diese durch den Klimakollaps oder durch die Subalternen aus dem Globalen Süden madigmachen zu lassen. Und: Wir Linken und Grünen sind sehenden Auges gescheitert mit unseren Erzählungen. Dunkle Zeiten kommen auf uns zu – können wir in Würde scheitern?

Markus Schär, per E-Mail

Empathie für Kriegsopfer

«Querfront für die Neutralität: Hauptfeind ist immer die Nato», WOZ Nr. 33/26

Die Debatte um die Schweizer Neutralität wirft eine grundsätzliche Frage auf: Was bedeutet Neutralität, wenn unter anderen völlig unschuldige Kinder Opfer eines Angriffskriegs werden?

Konflikte sind unvermeidbar, und über Konfliktlösungen soll und muss gestritten werden. Die Analyse geopolitischer Interessen, historischer Entwicklungen und möglicher Mitverantwortungen ist dabei legitim und notwendig. Problematisch wird es jedoch dort, wo aus dieser Analyse eine einseitige Verschiebung der Aufmerksamkeit entsteht. Wer – nach dem Muster «Schuld ist immer die Nato» – bei jedem Konflikt vor allem die geopolitischen Hintergründe und die Mitschuld des Westens hervorhebt, läuft Gefahr, den konkreten Angriff und vor allem seine Opfer aus dem Blick zu verlieren.

Dabei geht es nicht um die Frage, ob man Putin, die Hamas, Netanjahu, die USA oder die Nato unterschiedlich beurteilt oder ihre Politik scharf kritisiert. Entscheidend ist vielmehr die oft erschreckende Empathielosigkeit mancher «Putin-und-andere-Versteher» gegenüber den unschuldigsten Opfern dieser Kriege. Gerade bei Butscha, beim Hamas-Massaker vom 7. Oktober, bei den Opfern der israelischen Kriegsführung in Gaza oder bei den beim US-Luftangriff auf Minab getöteten Kindern sollte der Blick zuerst den Menschen gelten, die getötet wurden – nicht der geopolitischen Einordnung des Geschehens.

Keine noch so komplexe Vorgeschichte eines Krieges relativiert das Leid seiner Opfer. Geopolitische Erklärungen entbinden uns nicht davon, mit den Opfern mitzufühlen, Kriegsverbrechen klar zu benennen, unmissverständlich zu verurteilen und ihre Ahndung konsequent einzufordern.

Neutralität zwischen Staaten ist etwas anderes als Neutralität gegenüber menschlichem Leid. Wer neutral sein will, übernimmt dafür auch Verantwortung. Die Schweiz darf neutral sein. Unsere Empathie für die Kriegsopfer darf es nicht sein.

Urs Zeder, Basel

Ärger über Gujer

«Auf allen Kanälen: Was heisst ‹liberal›?», WOZ Nr. 34/26

Der Redaktor beschreibt haargenau, was in mir vorgeht, wenn ich einen Leitartikel von Eric Gujer lese. Es ist vor allem Ärger, und ich fühle mich tatsächlich beleidigt. Auch spricht er mein Dilemma an, in das ich gerate, wenn ich mir überlege, soll ich die Zeitung überhaupt noch lesen? Der Artikel hat mich gefreut. So weiss ich, dass ich nicht der Einzige bin mit genau dieser Ambivalenz der Zeitung gegenüber, aber der eindeutigen Ablehnung dessen, was Gujer von sich gibt.

René Peter, per E-Mail