Rechtsextremismus : Im identitären Universum
Nächste Woche stehen die Anführer der Jungen Tat in Zürich vor Gericht. Der Prozess behandelt die Vergangenheit der Gruppe – wie aber lässt sie sich heute verorten?
Er sieht aus wie der geschniegelte Leserreporter eines aufstrebenden Lokalmediums. Manuel Corchia, weisses Hemd, dunkle Haare, Sonnenbrille, steht Anfang August am Strand von Ceuta – jener spanischen Exklave, die kurz zuvor für Schlagzeilen sorgte, weil Zehntausende Migrant:innen auf der Suche nach Perspektiven die Grenzanlagen überwanden. «Wir müssen Druck ausüben», schreit der Anführer der Jungen Tat (JT) in die Kamera, «bis die Remigration endlich durchgezogen werden kann.» Auf der Plattform X bewirbt er das Video mit den Worten «Deport Them All» (Schafft sie alle aus). Hier ist offensichtlich einer auf Mission, getrieben von seinen menschenverachtenden Überzeugungen.
Die Junge Tat ist die derzeit aktivste rechtsextreme Gruppe der Schweiz mit einem harten Kern von schätzungsweise einem Dutzend Personen. Ihr Wirken wird nun auch für die Justiz zum Thema: Am 4. September müssen sich Manuel Corchia und Tobias Lingg, die zweite Führungsfigur der Truppe, vor dem Zürcher Bezirksgericht verantworten. Die beiden jungen Männer – der Winterthurer Corchia ist 25 Jahre alt, Lingg aus dem luzernischen Hinterland 23 – sind wegen einer ganzen Palette von Delikten angeklagt: von Aufruf zu Hass und Diskriminierung über Nötigung und Sachbeschädigung bis zu Vergehen gegen das Sprengstoffgesetz sowie Land- und Hausfriedensbruch.
Am schwersten wiegen dabei zwei Vorfälle in Zürich vom Juni und Oktober 2022, als die JT vermummt einen Pride-Gottesdienst stürmte und die Kinderveranstaltung «Drag Story Time» terrorisierte. Die Staatsanwaltschaft fordert Freiheitsstrafen von je fünfzehn Monaten, sechs davon unbedingt. Gegen vier weitere JT-Mitglieder liegen Strafbefehle vor; auch ihnen werden Aufruf zu Hass, Diskriminierung und Hausfriedensbruch vorgeworfen.
Enge Verbindungen zu Martin Sellner
Alle Taten, die Corchia und Lingg zur Last gelegt werden, fanden zwischen Februar 2022 und April 2024 statt, der «Frühphase» der JT. Das geht aus den Anklageschriften hervor. Am ehesten lässt sich der anstehende Prozess also als eine Art juristische Vergangenheitsbewältigung lesen.
Gegründet hatten die beiden die JT Ende 2020; insbesondere Corchia war auch vorher schon in der rechtsextremen Szene aktiv – und wurde wegen Rassendiskriminierung und des Besitzes einer AK-47 verurteilt. Die WOZ beschrieb den Weg von seiner früheren offen neonazistischen Gruppe zur Jungen Tat im Dunstkreis der Identitären Bewegung (IB) Ende 2022 detailliert (siehe Nr. 50/22) Seither sind Corchia und Lingg stramm auf diesem Weg weitermarschiert. Nicht nur tritt die JT heute professioneller auf, sie ist auch internationaler vernetzt – und damit noch gefährlicher als früher.
Wie weit das Netzwerk der JT reicht, zeigte sich im Frühsommer an Portugals Atlantikküste: Auf einem herrschaftlichen Anwesen in der Kleinstadt Figueira da Foz trafen sich mehrere Hundert Rechtsextreme aus vorwiegend westeuropäischen Ländern zum «Remigration Summit». Der Begriff ist zentral für das politische Projekt, das die IB – und als deren Teil auch die JT – im Sinn hat: «Remigration» als gezielt platzierter Tarnbegriff, hinter dem sich ein offen rassistisches Programm verbirgt: alle, die man als nicht zugehörig erachtet, zu deportieren.
Insbesondere Manuel Corchia war bei Organisation und Inszenierung des «Gipfels» federführend. Schon im Vorfeld hatte er Dutzende Promovideos erstellt. Im Hintergrund leuchtete das Schweizer Bergpanorama – eine Kulisse, die die JT in ihren Propagandavideos seit geraumer Zeit rege nutzt. In Portugal sass er zudem auf einem Panel. Gemäss Audioaufnahmen, die der WOZ vorliegen, stellte ihn die Moderation als «zentrale Figur der europäischen Remigrationsbewegung» und «einen der führenden Remigrationsverfechter im deutschsprachigen Raum» vor.
Eine Darstellung, die diverse Szenekenner:innen der WOZ bestätigen, so auch Lotta Kampmann. Die Journalistin ist Teil des Medienprojekts Recherche Nord, das rechtsextreme Geheimnetzwerke in Deutschland dokumentiert. Der Jungen Tat begegne sie im neurechten Spektrum immer wieder. «Bei Demos steht Lingg in der Frontreihe, während Corchia mit Kamera auftritt»: Lingg als Mann fürs Grobe, Corchia als «intellektueller Influencer». Wie hoch die Stellung der beiden innerhalb der IB-Strukturen ist, zeigt sich nicht zuletzt an der gut dokumentierten und engen Verbindung zu Martin Sellner, der bekanntesten Figur des rechtsextremen Netzwerks. Ob in Portugal, an der jährlichen IB-Demo in Wien, in Ceuta oder auf Social Media, immer wieder treten die drei gemeinsam auf. Letzte Woche inszenierten sich derweil Dutzende deutsche Rechtsextreme im Wallis vor spröder Alpenkulisse. Ihr mehrtägiges «Bundeslager» fand auf dem Simplonpass statt; in der Mitte des Gruppenfotos, das im Internet kursierte, ist Corchia zu sehen.
«Aktivismus» als Geschäftsmodell
Eine Begegnung mit der JT sei ihr besonders in Erinnerung geblieben, sagt Kampmann von Recherche Nord. Im Januar dokumentierte das Projekt ein Treffen in Schnellroda, einem Dorf in Sachsen-Anhalt, in dem so etwas wie die Schaltzentrale der Neuen Rechten liegt, wo Kaderschulungen und Medientrainings stattfinden und das auch ein elementares Puzzlestück im Junge-Tat-Universum ist. Erst seien die Journalist:innen bedrängt und beleidigt worden, später habe Corchia auf ihr Equipment eingeschlagen, Lingg sie bei Temperaturen um den Gefrierpunkt mit Wasser bespritzt, berichtet Kampmann. «In Schnellroda zeigte sich einmal mehr, wie skrupellos die JT auftritt.» Was Corchia und Lingg auszeichne, sei die Bereitschaft, zur Durchsetzung ihrer Ziele «sehr weit» zu gehen.
Gemäss Kampmann stehen die beiden exemplarisch für eine Entwicklung, die die gesamte deutschsprachige IB umfasst: Früher seien rechtsextreme Karrieren ausserhalb von Parteien und Parlamenten eher selten gewesen; «Repression und gesellschaftliche Isolation standen in keinem Verhältnis zur bescheidenen politischen Wirkung». Mit dem Erstarken extrem rechter Parteien könne man heute vom «Aktivismus» leben. Von «Profi-Neofaschisten» spricht die Expertin.
Die JT als ausserparlamentarischer Arm der extremen Rechten, Vorfeldorganisation eines gesellschaftlichen Rechtsrucks, mit dem «Remigration» als Programm einhergehen würde: Vielleicht lässt sich so das Wesen der Gruppe am besten zusammenfassen. Belegt ist, dass die JT gute Kontakte zur SVP und ihrer Jungpartei pflegt; eine Winterthurer SVP-Politikerin etwa engagierte Corchia und Lingg für ihren Nationalratswahlkampf im Herbst 2023.
Auch wenn in Österreich und Deutschland die Zusammenarbeit zwischen Vorfeld und Parteipolitik deutlich intensiver ist, scheint auch die JT ihren «Aktivismus» durchaus als Geschäftsmodell zu betrachten. Das zeigt eine Recherche von «Mediapart». Wie das französische Investigativportal nachwies, dokumentierte Manuel Corchia im Februar den Event eines Thinktanks der rechtsextremen Fraktion im EU-Parlament, deren Vorsitz Jordan Bardella vom Rassemblement National innehat. Wenige Wochen später überwies die Stiftung 2650 Euro an Corchia, finanziert aus öffentlichen Mitteln. Eine Woche später war der JT-Kopf laut «Mediapart» erneut mit der Kamera unterwegs: In Wien setzte er die österreichische EU-Parlamentarierin Petra Steger von der rechtsextremen FPÖ in Szene. Um seine Dienste unter die Leute zu bringen, hat Corchia eine Firma für visuelle Dienstleistungen gegründet.
Ein weiterer Prozess
Wer die Social-Media-Profile der JT studiert, sieht gezielt in Szene gesetzte Videos von Wanderausflügen, Medientrainings und fröhlichen Zusammenkünften – naturnah und heimatverbunden. Es ist diese Mischung aus Aktivismus, neurechter Ideologiearbeit und Freizeitspass, die die JT an Interessierte verkauft.
Anruf bei Historiker Damir Skenderovic, einem profunden Kenner der extremen Rechten. Bei der JT gehe ein «radikaler helvetischer Nationalismus» mit starker europäischer Vernetzung einher, sagt er. Und gerade bei der Vernetzung sei in den letzten Jahren viel passiert: «Bei praktisch allen wichtigen europäischen Treffen ist die JT dabei, treibt transnationale Kooperationen proaktiv voran.» Während die Behörden anderer Länder diese Entwicklung auf dem Schirm hätten, ortet Skenderovic in der Schweiz eine «systematische Bagatellisierung» – nicht nur bei den Behörden, sondern auch bei so manchen Medien, die die JT als «Outdoor-Aktivitäten-begeisterte Jugendgruppe» verharmlosten. «Dieser Umgang mit der extremen Rechten hat in der Schweiz eine lange Tradition.»
Auffällig sei auch, so Skenderovic, wie die JT ihren «Kampf um Räume» aus den Städten heraus verschoben habe. Wanderungen in der Natur und nackte männliche Oberkörper: Nirgends lasse sich dieses Bild besser in Szene setzen als vor eindrücklicher Schweizer Bergkulisse. Glaube jemand, Europa müsse vor einer «Invasion» geschützt werden, käme der Rückzug in die Bergidylle wie gerufen; gleichzeitig schliesse dieses Narrativ auch an Schweizer Mythen an. Skenderovic beobachtet, wie die Inszenierung der Natur für die extreme Rechte wichtiger wurde, diverse Gruppen hätten sich Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben. Zugleich passten der Körperkult und die Inszenierung von Männlichkeit, die die JT auf ihren Ausflügen zelebriere, «extrem gut in den Zeitgeist»: «Sie wissen, welche Talking Points die junge Generation interessieren», sagt der Historiker.
Auch in einer anderen Hinsicht füge sich die JT perfekt in internationale Entwicklungen ein, meint Skenderovic. Er macht eine Art «Veralltäglichung des Rechtsextremismus» aus: So würden Kleidung, Koch- und Sportaktivitäten oder kulturelle Entwicklungen und ideologische Praktiken an rechtsextreme Vorgaben andocken, sich aber gleichzeitig einwandfrei in den Alltag einfügen. «Die Schweiz war schon immer wichtig für den europäischen Rechtsextremismus, auch Vernetzung hat es immer gegeben», so Skenderovic. «Die JT ist nicht nur eine Weiterführung dieser Geschichte, sondern hat auch wegen ihrer Akteure, Praktiken und als Raum ihre Bedeutung.»
Ob die Aktivitäten der Jungen Tat durch eine potenzielle Haftstrafe zumindest unterbrochen werden, wird sich Ende nächster Woche weisen. Auf den Prozess angesprochen, schreibt die JT: «Wir stehen zu den Meinungsäusserungen, die uns zur Last gelegt werden.» Der Rest der Antwort enthält vor allem Diffamierungen.
Manuel Corchia jedenfalls muss demnächst auch in Deutschland vor Gericht: In Stuttgart wird er sich wegen Volksverhetzung verantworten müssen. Im Mai 2023 sollen er und vier weitere Identitäre vor dem Mercedes-Werk in Sindelfingen ein rassistisches Banner gehisst, Flyer verteilt und anschliessend einen Mitschnitt der Aktion auf den sozialen Medien verbreitet haben. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft handelte die Gruppe aus «fremdenfeindlicher Motivation». ●