Slacker : Als Faulheit Musik gebar

Nr. 35 –

Simon Reynolds schreibt über Indierock zwischen 1984 und 1994, und der Film «Trainspotting» wird dreissig. Es sind Geister, die überraschend zur Gen Z führen.

zwei Jugendliche mit nacktem Oberkörper und Zigaretten im Mund stehen an der Säule eines Hauses
Der Widerwille, zu arbeiten, zu funktionieren, an eine Hypothek zu denken, gehört zu jeder anständigen Jugend. Joe Sohm, Getty

Die achtziger Jahre werden im Pop oft genauso spassbetont bunt erinnert wie das nachfolgende Jahrzehnt. Jede Eighties- oder Nineties-Playlist, jede Ü45-Party und jeder Radiosender auf der Autobahn erzählt bis heute erbarmungslos von fröhlichem Retrosoul, Synthiepop, Eurodance und für den Mainstream geschliffenen Technobrettern. Wer kennt diese Hits nicht: «I Wanna Dance with Somebody», «You Can’t Hurry Love», aber von Phil Collins, nicht von den Supremes, «Holiday», «What is Love», oder «Born Slippy» von Underworld, die 1996 auf dem Soundtrack des Kultfilms «Trainspotting» den wohl britischsten Refrain aller Zeiten lieferten: «Lager, Lager, Lager …» – zu Deutsch: «Bier, Bier, Bier».

Selbst wer damals jung war, wird in der seit dreissig, vierzig Jahren pausenlosen Beschallung dazu verführt, den Frohsinn und den Feierbefehl für zeittypisch zu halten. Wir waren kräftig, jung, leistungsbereit – bei Arbeit, Sport und Spiel! Und sind es im Grunde noch immer, nicht wahr? Ganz anders als die jungen Leute heute, die jedem Vorgesetzten mit Work-Life-Balance in den Ohren liegen, damit aber meistens mehr Konsum und Reisen meinen. So sieht die grobe Diskurslage aus, wenn die Generation X heute über die Gen Z spricht.

Schlecht gelaunt und arbeitsscheu

Jede Nostalgie schafft eine Zeit, die es so nie gab. Wie sehr bereits die etwas nachtschattigeren Teile der goldenen Popdekaden von Leistungsverweigerung, Arbeitsscheu und schlechter Laune gegenüber der Mehrheitsgesellschaft geprägt waren, zeigt in grossem Detail das neue Buch des britischen Popkritikers Simon Reynolds: «Still in a Dream. Shoegaze, Slackers and the Reinvention of Rock, 1984–1994» (im Dezember erscheint die deutsche Übersetzung im Ventil-Verlag).

Reynolds hat die Gabe, noch über die obskurste Band so zu schreiben, dass auch Nichtnerds etwas daraus ziehen können. Weil er seine eigene jugendliche Rolle im Spiegel der Zeit mitreflektiert, weil er plastisch von den Begegnungen als Redaktor der Zeitschrift «Melody Maker» erzählt und sich die Mühe macht, die Musik selbst zu beschreiben.

Was dabei ständig wiederkehrt, wirkt für Jüngere wohl überraschend. Denn egal ob bei US-Bands wie Hüsker Dü, Black Flag, The Pixies oder Dinosaur Jr., um nur die berühmteren zu nennen, oder bei The Jesus and Mary Chain und The Smiths in Grossbritannien, es verbindet sie der Rückzug ins Innere, die Umarmung von Schmerz, die Verachtung des Mainstreams. Und: Fast alle lehnen die Leistungsethik ab und vermeiden nichts so sehr wie eine Arbeitsstelle. Die USA und Grossbritannien werden in diesem Jahrzehnt gerade frisch neoliberalisiert. Die Musik, die Reynolds beschreibt, tritt diesem Wandel künstlerisch in den Arsch.

Denn manche dieser Musiker:innen gehörten zu den ersten sozialen Schichten, die aus der Nähe sahen, was Deregulierung und Deindustrialisierung in ihren Städten, Familien oder an ihrem eigenen Leib anrichteten. In Grossbritannien verlief diese Politik eine Zeit lang auch zugunsten eines bohemistischen Lebenswandels, weil es in Zeiten der neuen Massenarbeitslosigkeit relativ leicht war, Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe zu bekommen (Englisch «dole»). Reynolds spricht von einer «Dole culture» im Musikgeschäft. Morrissey, der Sänger von The Smiths, bastelte aus diesem Lebenswandel eine Moral: Leute in Anstellung würden verblöden. Nur die Arbeitslosigkeit mache es möglich, über sein Leben nachzudenken und keine Dinge zu kaufen, die man nicht brauche. Ausser Platten von The Smiths natürlich.

Andere Bands nuschelten lieber, als ein Sprachrohr zu sein wie Morrissey. Die verwaschenen Feedbackschlaufen und Hallräume vieler Britbands oder auch die Soundgewitter der handwerklich ausgefeilteren US-Bands attackierten die Idee einer geregelten Arbeit lieber musikalisch als textlich. Auch die Verschiebung in Klang statt Text entspricht der Verweigerung, die Verwertungsketten des Marktes widerstandslos zu beliefern (auch manche Interviews blieben maximal nebulös).

Die Brüche eines Übergangs

Reynolds ist zu klug, um in dieser Haltung nicht die Gefahr der Romantisierung von Armut zu sehen, gerade bei erfolgreichen Bands. Arbeitslosigkeit ist selten ein Spass, und ab einer gewissen Anzahl verkaufter Alben im damals lukrativen Markt wirkt der Look der Verweigerung zwar chic, aber nicht mehr ganz so radikal. Und Reynolds sieht auch, dass die Sozialhilfe im Prinzip nur die Selbstausbeutung finanzierte und in seinem Fall wie bei vielen anderen Altersgenossen zu fanatischer Arbeit führte. Bohème hiess nicht chillen und reisen, sondern exzessiv unter- oder unbezahlt arbeiten. In vielen Fällen führte das zu Netzwerken für Karrieren und zu Wissensvorteilen.

Die «Dole culture» konnte niemand so tragisch und lustig darstellen wie der schottische Autor Irvine Welsh 1993 in seinem Debütroman «Trainspotting» – der gleichnamige Film von Danny Boyle kam vor dreissig Jahren in die Kinos. Im Buch wacht der Junkie Mark «Rents» Renton eines Morgens auf dem Sofa im Gang auf, nachdem er mit Dianne geschlafen hat. Er geht in die Küche, wo zwei andere frühstücken. Es dauert ewig, bis er merkt, dass das ihre Eltern sind, denn Dianne ist minderjährig, was sie ihm verschwieg, und trägt auf einmal eine Schuluniform. Die Eltern fragen Rents, was er beruflich mache, und der erzählt eine Lüge. Doch den Leser:innen erklärt er davor ausführlich sein System mit fünf Adressen von Edinburgh bis London, mit denen er fünf Mal «dole» zieht. Das sei ziemlich aufwendig und durchaus eine Art von Arbeit, flachst der Erzähler.

«Trainspotting» ist auch dreissig Jahre später ein interessanter Film und ein noch besseres Buch, weil der Stoff nicht Heroin oder Rave feiert, sondern die Brüche eines Übergangs erzählt. Rents schwärmt noch immer für Iggy Pop und David Bowie, die Heroinheroen des Rock. Und Junkiesein ist bei allem Elend, das weder Film noch Roman auslassen, tatsächlich ein Vollzeitjob, der die Identität total bestimmt. Schlau auch, wie der Film 1996 bereits von der unmittelbaren Vergangenheit handelt. Der Schauspieler Ewan McGregor spielt Rents und trägt dabei den Look des klassischen Mittneunziger-Ravers: Bürstenschnitt, T-Shirt, Jeans, Turnschuhe (Techno war in der Breite nie Fashion, dafür waren die Clubs und Open Airs zu abgeranzt). Und doch steht die Totalidentifikation von McGregors Figur mit den Drogen und mit der Musik für die alte Welt.

House und Techno, das verkörpert Dianne im silbernen Glitzerkleid, im anderen Moment aber wieder in der Schuluniform. Techno ist Postmoderne: eine gleitende Identität, selten ein Lebensentwurf. Dianne sagt Rents, seine Zeit sei vorbei, die Musik habe sich verändert, sogar die Drogen seien andere. Sie sagt es sehr verständnisvoll.

Doch etwas haben die bei Welsh und Boyle karikierten Achtzigergewächse und Heroinabhängigen der nachrückenden Generation eben doch übergeben: den Widerwillen, zu arbeiten, zu funktionieren, an eine Hypothek zu denken, wie der Film am Anfang und am Schluss sagt. Die Technokids konnten das mit ihren verschiedenen Identitäten und ihren vergleichsweise fitten Körpern nur besser verschleiern – zumindest bis man sie am Montagvormittag unter Zeitdruck um etwas Wichtiges bat.

Keine Credits, keinen Master

Was bei Simon Reynolds, bei Welsh und bei Boyle das Arbeitslosengeld war zur Entfaltung einer Kreativszene, war in Resteuropa und ganz sicher in der Schweiz die Universität vor der Bologna-Reform. Es gab keine Credits, keinen Bachelor, keinen Master, aber unendlich lange Studienzeiten und in den Geisteswissenschaften sehr komplizierte Seminare, in die viele völlig unvorbereitet fielen und manche dabei auch verloren gingen. Erst danach, spätestens in den nuller Jahren, wurde auch die Studienzeit zunehmend verwaltet und unter das Zeichen der «Berufsbefähigung» gestellt, ein zentrales Kriterium des Bachelorabschlusses.

Wenn nun seit einiger Zeit eine Generation antritt, die laut ihre Freizeit einfordert, ruft sie damit nur die verdrängten Geister ihrer Eltern auf. Denn die Alten haben vor lauter «Just Can’t Get Enough» und «Pump up the Volume» im Radio vergessen, dass sie, wie jede anständige Jugend, in erster Linie lieber nicht arbeiteten. Dies allerdings gründlich. ●

▶ Simon Reynolds: «Still in a Dream. Shoegaze, Slackers and the Reinvention of Rock, 1984–1994». White Rabbit / Orion Publishing Group. London 2026. 464 Seiten.