Spatzen auf Kanonen : Teenager für eine Stunde

Nr. 35 –

Was für eine Liebeserklärung an die beste Freundin: «Danke, dass du meine weisse Hose kontrollierst auf Menstruationsblut. […] Danke, dass du mit mir den Schwangerschaftstest in der Schule gemacht hast.» So singt das Mädchen, das mit rund zwanzig Gleichaltrigen auf der Bühne steht. Ihr Teenagerdasein ist an diesem Abend Programm.

«Teenage Songbook of Love and Sex» heisst das umwerfende Projekt, das Mitte August am Theaterspektaktel in Zürich zu sehen war und Anfang September ans Theaterfestival Basel kommt. Das Konzept der isländischen Choreografin Ásrún Magnúsdóttir und des Künstlers Alexander Roberts ist schlicht, aber bestechend: Ein Chor von einem Dutzend Jugendlichen aus Reykjavik reist in eine andere Stadt und übt mit etwa zehn Gleichaltrigen von dort innert zwei Wochen Songs aus ihrem Repertoire ein. Zusätzlich werden gemeinsam neue Stücke erarbeitet.

Eine Stunde lang wird das Publikum also in die Gemütslage von Teenager:innen versetzt. Es ist, man ahnt es, eine emotionale Achterbahn. Doch anders als vielleicht in der eigenen Jugend macht dieses Dasein, von der Tribüne aus erlebt, enormen Spass. Und ja, das alles macht auch ein bisschen nostalgisch: Wie existenziell doch damals alles war, wie intensiv alles gefühlt und erlebt wurde, wie anstrengend das auch war. Schonungslos lassen einen die Jugendlichen das alles nachfühlen, während sie, vor Spiellust überbordend, singend über die Bühne hüpfen und tanzen, lachen und schreien. Die Stimmung kann innert Sekunden von Begeisterung in Wut umschlagen.

Da ist der «shitty day», an dem einem der Schwarm im Bus wieder nicht anschaut. Da ist der Wunsch, nie so zu werden wie die Eltern, oder da ist der Junge, der endlich den Richtigen gefunden hat und nun «ready to have sex» ist. Auch die eigene Unsicherheit, Gewalt in Beziehungen oder sexueller Missbrauch werden besungen. Dabei sind die Songs immer aufbauend, weil die Jugendlichen nicht allein sind, sondern von der Kraft des Zusammenseins zehren. Und nichts bringt wohl diesen Übergang vom Kindsein ins Erwachsenenleben besser auf den Punkt als die sich wiederholende Zeile: «Fuck you, fuck you, fuck you!» ●

Noch selten hat ein «Fuck you!» so gute Laune gemacht. Das Stück läuft Anfang September dreimal in Basel: theaterfestival.ch.