Dolly Parton (1946–2026) : Sie hatte es verstanden
War der Countrystar eine Ausserirdische? Es deutet alles auf etwas anderes hin.
Dolly Parton war nicht von dieser Welt, das war in den letzten Tagen, nach ihrem Tod am 25. August, mancherorts zu lesen. Und es ist schon verständlich, dass man sich zu dieser Vermutung hinreissen lässt angesichts der schieren Aussergewöhnlichkeit dieser Frau und ihrer fast irrealen Fähigkeit, Gegensätzliches mit Leichtigkeit in sich zu vereinen.
Fahnen auf Halbmast
Dolly Parton wurde 1946 in Tennessee geboren, wuchs in ärmsten Verhältnissen auf und bewegte sich ab ihrem ersten Album, «Hello, I’m Dolly» (1967), scheinbar mühelos im Showbusiness. Sie war als Countrysängerin und -songschreiberin ein Star der konservativen USA – und spielte mit Lily Tomlin und Jane Fonda, die sich damals in ebendiesen Kreisen als dezidierte Kritikerin des Vietnamkriegs unbeliebt gemacht hatte, in der Komödie «9 to 5» (1980), in der es um die Rechte der Frauen in der Arbeitswelt geht. Sie verband Country mit Pop, ohne dass dies die traditionell eher puristischen Countryfans vergraulte – und erschloss sich so ein noch grösseres Publikum. Sie sagte öffentlich ihre Meinung, ohne sich damit auf ein politisches Lager festzulegen – und wurde dadurch nur noch beliebter. Und sie setzte sich offen für die Rechte der LGBTQ-Community ein. Trotzdem standen nach ihrem Tod vergangene Woche die Fahnen vor dem aggressiv trans- und queerfeindlichen Weissen Haus auf Halbmast.
All das ist nicht nur sympathisch, sondern zeugt auch von Partons eisernem Geschäftssinn: Als sie einmal gefragt wurde, ob sie sich je als Präsidentschaftskandidatin aufstellen lassen würde, antwortete sie: «Ich verstehe mich eher als Diplomatin. Also als jemand, die dir in einer Weise ‹Fahr zur Hölle› sagt, dass du dich auf die Reise dorthin freust.» Parton schien ein beinahe untrügliches Gespür dafür zu haben, was in allen möglichen Milieus, aber auch finanziell funktionieren würde – ohne dabei gegen sich zu arbeiten und ohne dass es nach kaltem Kalkül roch. Auch ihre gute Laune war legendär.
Über einen ihrer grössten Songs, «I Will Always Love You» von 1974, der in den Neunzigern als Cover von Whitney Houston zum Überhit wurde, sagte sie später, es hätten nun mal alle Liebeskummer, und so könne sie damit auch zu allen sprechen. So simpel das wirken mag: Hinter all dem stand eine Menge harter Arbeit.
Kunstfigur von nebenan
«Es kostet eine Menge Geld, so billig auszusehen»: Ein weiteres, letzte Woche wieder oft gelesenes Zitat, und ein treffendes auch, weil es ihren trockenen, manchmal derben Humor zeigt. Aber auch das vielleicht Schillerndste an ihr, wie sie nämlich gleichzeitig absolut künstlich und dennoch sehr echt wirkte: eine Kunstfigur, deren Äusseres am Ende fast vollständig «gemacht» war. Eine riesige blonde Perücke trug sie schon lange, mit den langen Acrylfingernägeln spielte sie beiläufig locker ihre Gitarre. Sie war zudem fast beängstigend schlagfertig, wirkte aber trotzdem nahbar, als sei sie einfach die Nachbarin von nebenan. Aber halt die Nachbarin von allen. Und eigentlich deutet das auf einen anderen Schluss hin: Dolly Parton war sehr wohl von dieser Welt. Sie hatte sie einfach ausserordentlich gut verstanden. ●