Kommentar : Waffen sind keine Folklore
Nach den tödlichen Schüssen in Aarau muss die Politik endlich ernsthaft über das Waffenrecht debattieren, fordert Sarah Schmalz.
Was am Wochenende an einem Rave in Aarau passiert ist, hat Schweizer Gewissheiten ins Wanken gebracht: Nach einer friedlichen Endsommerparty fielen Schüsse. Der Schütze hat sie aus dem Hinterhalt abgegeben und eine junge Frau getötet. Fünf weitere Menschen hat er teils schwer verletzt. Sie alle wurden Zufallsopfer eines Täters, dessen Motiv bis jetzt weitgehend im Dunkeln liegt. Die Aargauer Kantonspolizei, die in der Nacht auf Montag einen 43-jährigen Schweizer verhaftet hat, sprach an der Pressekonferenz vom Mittwochnachmittag von einer «Amoktat» und «psychischen Problemen» des Täters.
Die Tat schockiert mit ihrer grausamen Willkür. Und sie kratzt am Sicherheitsgefühl. Die Gewissheit, sich im öffentlichen Raum weitgehend gefahrlos bewegen zu können, ist infrage gestellt.
Sofort nach der Tat wurden Forderungen nach ausgeweiteten Kontrollen an öffentlichen Anlässen laut, nach mehr Sicherheitskräften, mehr Polizeipräsenz. Kaum debattiert wird hingegen das offensichtlich Drängende: dass sich hier ein Mann mit Gewaltpotenzial bis auf die Zähne bewaffnen konnte. Der Amokschütze benutzte gemäss Erkenntnissen der Ermittler:innen ein russisches Sturmgewehr, Typ AK-74, dazu eine Pistole. Auch eine dritte gefundene Waffe war auf ihn registriert.
Die Schweiz rühmt sich gerne damit, dass die Waffengesetze hierzulande äusserst lax sind und jede:r Armeeangehörige ein Gewehr zu Hause lagern darf, während gleichzeitig die Mordrate im öffentlichen Raum tief ist. Der Rückschluss, dass die vielen Waffen keine Gefahr darstellten, war aber schon immer falsch. Denn Schusswaffen spielen hierzulande eine grosse Rolle bei Tötungen im häuslichen Bereich, das belegen zahlreiche Studien. Sind Waffen leicht greifbar, senkt das die Schwelle zur tödlichen Gewalt drastisch. Bei Femiziden steht die Schweiz im internationalen Vergleich denn auch deutlich schlechter da als bei der Gewalt im öffentlichen Raum: Die Rate liegt höher als beispielsweise in Spanien, Griechenland oder Italien. 2025 verzeichnete die Schweiz mindestens 27 Opfer – ein trauriger Rekord.
Dass rund ein Drittel der Frauenmorde mit Schusswaffen verübt werden, hat bislang nicht zu einem Umdenken geführt. Weiterhin reichen faktisch die Volljährigkeit und ein sauberer Strafregisterauszug, um einen Waffenerwerbsschein zu erhalten. Auch «verbotene» Waffen wie die AK-74 können mit einer «Ausnahmebewilligung klein» relativ einfach erworben werden. Der Bundesrat hat hier trotz der grundsätzlichen Übernahme des verschärften Schengen-Waffenrechts eine Sonderregelung ausgehandelt: Während die meisten EU-Länder psychologische Tests verlangen, verzichtet die Schweiz auf solche. Auch Sportschütz:innen haben stark erleichterten Zugang zu halbautomatischen Schusswaffen.
Die Schweiz rechtfertigt diesen Ausnahmestatus mit dem Mythos, dass Waffen hierzulande bloss Teil harmloser Folklore seien. Die Tat von Aarau trägt den Irrtum dieser Annahme in die Öffentlichkeit. ●