Kopftuchverbot : «So schütze ich keine Frau, kein Mädchen»
Mehrere Kantone wollen Kopftücher aus ihren Schulen verbannen. Das sei nicht nur diskriminierend, sondern löse auch kein einziges reales Problem, sagt Religionswissenschaftlerin Hannan Salamat.
WOZ: Frau Salamat, der Zürcher Kantonsrat hat am Montag ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen und Schülerinnen beschlossen, letzte Woche der Aargauer Grosse Rat eines für Schülerinnen. Was halten Sie davon?
Hannan Salamat: Pauschale Verbote halte ich für so falsch wie unverhältnismässig. Man versucht, etwas gesetzlich zu lösen – ohne dass es einen konkreten Anlass dazu gäbe: Es existiert bisher kein Fall, in dem eine kopftuchtragende Lehrperson tatsächlich ein Problem verursacht hätte. Stattdessen werden unter dem Deckmantel der Gleichstellung Barrieren geschaffen. Von muslimischen Frauen wird erwartet, dass sie sich integrieren und erwerbstätig sind – und wenn sie genau das tun, wird ihre Sichtbarkeit plötzlich zum Problem. Ein pauschales Verbot ist aber vor allem eines: diskriminierend.
WOZ: Inwiefern?
Hannan Salamat: Frauen mit Kopftuch werden dadurch de facto von einem hochqualifizierten Beruf ausgeschlossen. Oder gezwungen, sich zu entscheiden: Wollen sie ihre Religion so praktizieren, wie es für sie stimmig ist – oder arbeiten sie als Lehrperson? Studien zeigen zudem, dass in Bewerbungsprozessen bei gleicher Qualifikation Personen ohne Kopftuch viermal häufiger eingestellt werden als solche ohne. Durch ein Verbot wird das Stereotyp der unterdrückten Muslimin, mit dem das Kopftuch verknüpft ist, also auch noch staatlich legitimiert. Gleichzeitig schütze ich mit einem Verbot keine Frau und kein Mädchen, die zum Kopftuchtragen gezwungen werden.
Hannan Salamat
Die Kultur- und Religionswissenschaftlerin und Kuratorin Hannan Salamat, geboren 1985, verbindet am Zürcher Institut für interreligiösen Dialog (ZIID) Kunst, politische Bildung und gesellschaftliche Debatten. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen Erinnerungskultur, Zugehörigkeit und die Frage, wie Menschen gemeinsam handlungsfähig bleiben.
WOZ: Viele Befürworter:innen argumentieren aber ja genau so.
Hannan Salamat: Wir brauchen weder das Kopftuch zu romantisieren noch patriarchale Strukturen innerhalb religiöser Communitys zu verharmlosen – die existieren, in islamischen Gemeinschaften ebenso wie in allen anderen. Man bekämpft sie aber nicht durch pauschale Kleidungsverbote. Agiert eine Lehrperson mit Kopftuch diskriminierend, hält sie sich nicht an den Lehrplan oder professionelle Standards, muss man ebenso intervenieren, wie wenn ein Schulkind mit Kopftuch diskriminiert wird. Aber das sind Fragen für die Schulbehörde und den Kinder- und Jugendschutz. Probleme sollten dort gelöst werden, wo sie auftreten.
WOZ: Während es in Zürich explizit ums Kopftuch geht, will der Kanton St. Gallen Lehrpersonen das Tragen aller religiösen Symbole verbieten. Ist das fairer?
Hannan Salamat: Formal ist das ein relevanter Unterschied: Ein allgemeines Verbot behandelt alle Religionen auf dem Papier gleich. Aber Gleichberechtigung muss man auch an ihrer Wirkung messen. Und die reale Konsequenz eines Verbots ist nicht für alle die gleiche: Eine Kreuzkette nicht mehr zu tragen, ist etwas anderes, als das Kopftuch ablegen zu müssen. Und wir wissen auch, dass die Debatte nicht ausgelöst wurde, weil ein jüdischer Lehrer eine Kippa trägt oder Sikhs einen Turban – sondern wegen des Kopftuchs.
WOZ: Die Stadt Luzern hat kürzlich erhoben, wie viele Schülerinnen ein Kopftuch tragen: Es sind gerade mal ein Prozent. Können Sie sich erklären, wieso die Debatte dennoch so heftig geführt wird?
Hannan Salamat: Dass Muslim:innen immer als nicht zugehörig gelesen wurden, ist eine Kontinuität der europäischen Geschichte. Im Rahmen dieses «Otherings» findet auch eine Essenzialisierung statt: Bist du Muslim, sind auch deine Handlungen automatisch muslimisch. Nach dieser Logik kann eine Person mit Kopftuch in ihrer Haltung gar nicht neutral sein. Da kommen Mechanismen von antimuslimischem Rassismus zum Tragen, die durch staatliche Verbote institutionalisiert werden. Es ist zudem ein dankbares Narrativ, um Ängste zu schüren – nicht zuletzt auch, weil Religion historisch mit der Unterdrückung der Frau verknüpft wird.
WOZ: In den Debatten wird vorwiegend der Islam als Religion dargestellt, die Frauen unterdrückt.
Hannan Salamat: Das ist das Othering, von dem ich spreche. Wie überall haben wir auch in der Schweiz Probleme mit Misogynie und Gewalt an Frauen. Allerdings ist es sehr viel einfacher, zu sagen, es sei ein «importiertes» Problem. So kann man über andere statt über die eigenen Strukturen sprechen – oder über Migration: Scheindebatten, die bloss zu mehr Polarisierung führen, schlussendlich aber kein einziges reales Problem lösen.
WOZ: Wird das Kopftuch in Ihren Augen immer nur von rechts instrumentalisiert?
Hannan Salamat: Es gibt definitiv Politiker:innen, die das Thema bewusst instrumentalisieren. Gleichzeitig ist es nicht einfach nur eine rechte Debatte. Unter den Befürworter:innen eines Verbots gibt es ja auch linke Feminist:innen, die unter Feminismus verstehen, muslimische Frauen zu «befreien», und nicht bemerken, wie sie dadurch rassistische Stereotype bedienen. Einerseits will man jemanden befreien, glaubt der Person aber gleichzeitig nicht, wenn sie sagt, sie trage das Kopftuch aus freien Stücken – und entmündigt sie dadurch in ihrer Entscheidungsfähigkeit. Eine ziemlich paternalistische Form von Feminismus! Die Intention dahinter kann noch so gut sein, am Ende ist es aber die Wirkung, die zählt – und die ist, dass Frauen aus Räumen ausgeschlossen werden. Gerade linke Politik sollte doch Machtverhältnisse analysieren und sich nicht bloss auf formale Gleichheit fokussieren. Stattdessen werden reale gesellschaftliche Probleme wie Patriarchat, Sexismus und religiöser Fundamentalismus auf dem Körper einer Minderheit individualisiert.
WOZ: Von links wird auch teilweise laizistisch für ein Kopftuchverbot argumentiert. Ist das nicht ein valider Punkt?
Hannan Salamat: Die Trennung von Staat und Religion ist wichtig und richtig, auch historisch. Religion kann innerhalb von gesellschaftlichen Strukturen keine Antworten liefern; für mich als Religionswissenschaftlerin ist das auch nicht ihre Funktion. Aber die Schlussfolgerung kann nicht sein, Menschen mit sichtbaren religiösen Zeichen aus der Öffentlichkeit zu verdrängen. In der Schweiz gibt es zudem kein nationales Laizitätsgesetz; jeder Kanton handhabt es anders.
WOZ: Der Kanton Genf kennt ein solches Gesetz. Es verbietet äussere Zeichen einer Religion wie das Kopftuch für Personen in öffentlichen Ämtern, etwa Richter:innen oder Exekutivpolitiker:innen. Begründet wird das mit der Repräsentationsfunktion des Staates, die mit religiöser Symbolik nicht vereinbar sei.
Hannan Salamat: Man kann Neutralität natürlich so verstehen, dass die dominante Kultur bestimmt, welche Körper in der Öffentlichkeit als neutral und richtig gelten und welche nicht. Meiner Meinung nach müssen der Staat und seine Vertreter:innen in ihrem Handeln neutral sein – und nicht im äusseren Erscheinungsbild. Eine Lehrerin sollte ihre Schüler:innen gleich behandeln, eine Richterin faire Urteile fällen. Kleidung bestimmt nicht, ob jemand neutral ist. Und Neutralität wiederum bedeutet nicht, dass Menschen nicht eine Religion, eine Weltanschauung oder einen Glauben hätten. Rechten steht ihre Gesinnung ja auch nicht auf die Stirn geschrieben. In einem plural-säkularen Staat kann man Neutralität ja auch anders verstehen: dass man keine religiöse Gruppe bevorzugt oder benachteiligt. Es gibt einen Satz des Soziologen Aladin El-Mafaalani, der mir bei der Debatte immer in den Sinn kommt.
WOZ: Der lautet?
Hannan Salamat: «An der Frau mit Kopftuch hat sich niemand gestört, solange sie Toiletten putzte. Zum Problem wurde sie erst, als sie hochgebildet war, Lehrerin oder Richterin werden wollte.» Deswegen ist die Kopftuchdebatte auch so stark mit Fragen nach Teilhabe und Sichtbarkeit verbunden: Wer darf den Staat oder eine Institution repräsentieren?
WOZ: Welches Signal sendet ein Kopftuchverbot an muslimische Schülerinnen oder junge Frauen, die gerne Lehrerin, Richterin oder Politikerin werden möchten?
Hannan Salamat: Dass die Gesellschaft ihnen sagt: «Ihr gehört nicht dazu. Und wenn ihr dazugehören wollt, bestimmen wir, wie.» Das wirkt sich übrigens nicht nur auf Frauen mit Kopftuch aus, obwohl sie natürlich noch einmal stärker exponiert, anderen Gefahren ausgesetzt sind – ich höre von Freundinnen immer wieder, wie sie auf der Strasse wegen ihres Kopftuchs angespuckt werden. Aber ob sie eines tragen oder nicht: Muslimische Frauen müssen immer eine Meinung dazu haben, sich ständig dazu äussern. Ich persönlich erlebe das auch oft. Diese Verknüpfung, die Stereotype und Pauschalisierungen werden durch die Kopftuchdebatten bloss gefestigt. Das Absprechen der Zugehörigkeit reiht sich übrigens in eine Kontinuität ein: Es gab das Minarett- und das Burkaverbot, schon im 19. Jahrhundert die Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden und gerade kürzlich die «10-Millionen-Schweiz»-Initiative der SVP. Diese Fremdheitsdiskurse muss man immer zusammen denken.
WOZ: Nicht nur in der Schweiz, auch in anderen Ländern sorgt das Kopftuch immer wieder für heftige Debatten – oder mehr: Im Iran verbrannten Frauen im Zuge der «Frau, Leben, Freiheit»-Proteste ihr Kopftuch. Was bedeutet das für hiesige Diskussionen?
Hannan Salamat: Der Kontext spielt eine grosse Rolle. Im Iran ist das Kopftuch Teil eines staatlichen Zwangssystems, symbolisiert also tatsächlich Unterdrückung. Wir haben bei der «Frau, Leben, Freiheit»-Bewegung aber auch gesehen, wie tiefreligiöse Frauen aus Solidarität öffentlich ihre Kopftücher abgelegt – oder mit Kopftuch an Demos teilgenommen haben. Genau solche Haltungen werden durch ein Schwarz-Weiss-Denken verunmöglicht. Wenn Leute in der Schweiz dann sagen, man könne das Recht auf ein Kopftuch nicht verteidigen, weil man damit die Bewegung im Iran verrate, denke ich mir immer: Vergleicht ihr wirklich gerade ein demokratisches System mit einer Autokratie? Natürlich befinden sich eine Frau in Teheran, die zum Kopftuch gezwungen wird, und eine in Zürich, die es ablegen muss, in unterschiedlichen Situationen. Der gemeinsame feministische Nenner ist aber die körperliche und politische Selbstbestimmung.
WOZ: Welche Positionen zum Kopftuch gibt es eigentlich unter muslimischen Feminist:innen?
Hannan Salamat: Viele kritisieren patriarchale Strukturen und Traditionen innerhalb muslimischer Communitys und beschäftigen sich mit der Frage, wie freiwillig Frauen das Kopftuch tragen. Manche lehnen es ganz grundsätzlich ab oder betrachten bestimmte theologische Begründungen dafür als patriarchal; andere wiederum versuchen, es sich anzueignen, obwohl es als patriarchales Instrument eingesetzt wird, und verstehen gerade die Möglichkeit, selbst über ihren Körper zu bestimmen, als feministische Praxis. Daneben gibt es noch viele weitere Positionen und – wie in allen Religionen – eine Pluralität der Ansichten. Zu denken, der Islam sei ein Einheitsbrei, ist Teil der Pauschalisierung, die ich kritisiere. In Deutschland erhalten Diskurse über islamische Feminismen übrigens viel mehr wissenschaftlichen Raum, seit an den Unis islamische Theologie gelehrt wird, weil dadurch auch mehr öffentliche Ressourcen für Forschung geschaffen wurden. Mittlerweile löst der Feminismusbegriff innerhalb muslimischer Communitys auch nicht mehr so starke Abwehrhaltungen aus.
WOZ: Wieso wurde der Begriff denn abgelehnt?
Hannan Salamat: Feministische Anliegen wurden historisch immer wieder genutzt, um koloniale Projekte in muslimischen Ländern zu rechtfertigen. In Algerien etwa zwangen französische Kolonialherren Frauen dazu, ihren Schleier abzulegen. Diese koloniale Demütigung inszenierten sie dann als «Befreiung». In Ägypten wiederum rechtfertigte der Kolonialherr Lord Cromer die britische Herrschaft mit der «Befreiung» muslimischer Frauen. Gleichzeitig war er Präsident der Men’s League for Opposing Women’s Suffrage, einer Organisation gegen das Frauenwahlrecht im Vereinigten Königreich. Frauenrechte waren dort kein Ziel, sondern ein Argument für koloniale Herrschaft. Kein Wunder also, dass das Wort «Freiheit» bis heute Misstrauen mit sich bringt: Für viele muslimische Menschen war die Erfahrung damit verbunden, dass ihnen im Namen der Freiheit etwas aufgezwungen wurde.
WOZ: Sie leben seit rund zehn Jahren in der Schweiz. Hat sich die Kopftuchdebatte in dieser Zeit verändert – oder diskutieren wir immer noch über dasselbe?
Hannan Salamat: Ab und zu gibt es durchaus Lichtblicke – etwas differenziertere Haltungen in der öffentlichen Debatte. Das hat vielleicht auch mit den Bewegungen der letzten Jahre zu tun, dem feministischen Streik und Black Lives Matter etwa, die über gesellschaftliche Strukturen sprechen und Diskriminierungen benennen. Vielleicht sind dadurch auch mehr Allianzen entstanden, wo es sie vorher nicht gab. Ich kenne jedenfalls Personen aus linken Parteien, die mir sagen, vor fünf Jahren seien sie noch von ihrer Haltung gegen das Kopftuch überzeugt gewesen; durch die Auseinandersetzung mit Rassismus und Diskriminierung hätten sie ihre Meinung geändert. Gleichzeitig findet ein Rechtsruck statt. Immer wieder kommen Debatten auf, bei denen ich denke: Das Jahr 2006 hat angerufen und will seine Themen zurück. Das ist natürlich ermüdend. Es macht mich traurig, dass wir so viele Möglichkeiten hätten, uns mit wirklich wichtigen Themen, realen Problemen und zukunftsgerichteten Fragen zu befassen. Stattdessen kommen immer wieder solche Ablenkungsmanöver, wo man sich ständig im Reaktionsmodus befindet und damit beschäftigt ist, eine von rechts aufgezwungene Debatte zu dekonstruieren.
WOZ: Was würden Sie sich stattdessen wünschen?
Hannan Salamat: Dass wir Gleichstellung im Sinne einer pluralistisch-demokratischen Gesellschaft in den Vordergrund stellen statt einzelner Befindlichkeiten. Kurz gesagt: Ich muss das Kopftuch nicht gut finden, um das Recht einer anderen Frau zu verteidigen, es zu tragen. Das Kopftuch kann mehrere, sich widersprechende Bedeutungen haben. Diese Gleichzeitigkeiten muss man aushalten können. ●