Künstliche Intelligenz : Gefährliche binäre Mentalitäten
KI als Katalysator: Ausufernde bürokratische Regeln und Vorschriften degradieren uns zu Vollzugsbeamt:innen unseres eigenen Lebens, so der Soziologe Hartmut Rosa. Das spielt vor allem der extremen Rechten in die Hände.
Es ist eine beunruhigende Vorstellung: dass uns KI bald überflüssig machen könnte. Wobei die Frage eigentlich lauten müsste, ob wir drauf und dran sind, uns selbst überflüssig zu machen, schliesslich ist KI keine Naturgewalt, die über die Menschheit hereingebrochen ist. Jüngster Hype sind sogenannte KI-Agenten, also selbstständig agierende Algorithmen, die Prozesse noch effizienter gestalten und uns die Arbeit erleichtern sollen. Doch wie lange noch, bevor die KI-Agenten ganz übernehmen und uns ersetzen, nicht nur im Beruf? An der ETH Zürich wird bereits an personalisierten KI-Agenten geforscht, einer Art digitalem Klon, der an unserer statt handelt – im konkreten Projekt: für uns abstimmt –, wie die «NZZ am Sonntag» kürzlich berichtete.
Mit schwindenden Handlungsspielräumen und deren Folgen beschäftigt sich auch der Soziologe Hartmut Rosa in seinem neusten Werk mit dem etwas sperrigen Titel «Situation und Konstellation». An die Stelle von menschlichem Urteilen und erfahrungsbasiertem Handeln trete immer mehr eine binäre Vollzugslogik von ja oder nein – und die beherrsche KI nun mal besser, schneller, zuverlässiger und genauer als der Mensch. Wobei Digitalisierung und KI letztlich «nur» einen Prozess exponentiell beschleunigen, der bereits viel früher einsetzte, wie Rosa mit Bezug auf klassische Soziologen wie Max Weber und Georg Simmel ausführt: Er begann mit der Bürokratisierung, Verwaltung und Verrechtlichung allen Handelns.
Am Ursprung dieses Prozesses stand eigentlich ein emanzipatorisches Versprechen. Der Vollzug von Gesetzen, Regeln, Vorgaben und Anleitungen unabhängig von der spezifischen Situation oder Person sollte Gleichbehandlung und Gerechtigkeit schaffen, für Transparenz und Rechtssicherheit sorgen und so gerade jenen ohne Macht neue Handlungsspielräume und Freiheiten eröffnen: den Angestellten und Arbeiter:innen ebenso wie den Unterprivilegierten, Randständigen und Vulnerablen. Zu den zentralen historischen Errungenschaften gehören etwa die Abschaffung der Segregation in den USA, verbunden mit der Garantie des Stimm- und Wahlrechts für Schwarze, wie auch Quotenregelungen.
Wie wichtig dieser emanzipatorische Prozess war und noch immer ist und dass er darum verteidigt werden muss, kommt in Rosas Argumentation allerdings viel zu kurz. Versucht er doch möglichst überzeugend nachzuzeichnen, wie bürokratische Vorgaben, Regeln und Formulare in allen Lebensbereichen so zu wuchern begannen, dass wir zunehmend nur noch ausführen, befolgen und umsetzen, statt selbstbestimmt zu handeln.
Bullshitjobs und Affektstau
Der Soziologe führt zahlreiche Beispiele an, um die sprichwörtlich kafkaeske Konstellation zu veranschaulichen, in die wir uns manövriert haben. Da ist der Pfleger, der sich so ausufernd mit der krankenkassenrelevanten Einstufung des Pflegegrads, dem Protokollieren der Pflegeleistungen sowie dem Einhalten der dafür vorgesehenen Zeit beschäftigen muss, dass die Patientin letztlich zur Störquelle wird. Oder die Sozialarbeiterin, die ihrem Klienten nicht helfen kann, weil keine der Vorschriften und Formulare dessen spezifische Situation und Bedürfnisse adäquat zu erfassen vermögen. Alles folgt der binären Vollzugslogik von richtig oder falsch, ja oder nein, klicken oder nicht klicken und wird so letztlich zum Bullshitjob, wie Rosa bilanziert.
Schon Marx warnte davor, dass die Maschine den Menschen von sich abhängig mache und seine Arbeit und letztlich ihn selbst abwerte. Das, so Rosa, gilt im Zeitalter von KI zunehmend auch für geistig und kreativ Tätige: Sie werden darauf reduziert, die Maschine mit dem richtigen Prompt zu bedienen, und daran gemessen, wie gut sie darin sind. «An Universitäten wird inzwischen ernsthaft diskutiert, ob beim Schreiben von Hausarbeiten oder vielleicht sogar Abschlussarbeiten gar nicht mehr die Qualität der Arbeiten selbst beurteilt werden sollte (denn diese wurden mutmasslich von oder jedenfalls mithilfe einer KI erstellt), sondern die Liste und Folge der eingegebenen Prompts.» Unidozent:in als Bullshitjob?
Worauf Rosa hinauswill: Wenn Menschen sich als nicht mehr handlungsfähig erleben, weil es irrelevant geworden ist, wie sie eine Situation aufgrund ihrer Erfahrung einschätzen – Rosa spricht von Qualitäten wie Augenmass und Fingerspitzengefühl –, beeinträchtigt das sowohl ihr emotionales Gleichgewicht wie auch ihre Urteilskraft als moralische Akteur:innen.
Damit wirft der Soziologe nicht einfach eine neue Perspektive auf die endemisch diagnostizierten Angst- und Erschöpfungsdepressionen. Im Kern geht es ihm um die politische Dimension dieser Entwicklung. Wo sich Menschen entmündigt statt ermächtigt fühlen, wo die digitale Binarität bis in ihre Köpfe und ihr Denken vordringt: Da brechen sich ein vom Affektstau im Bauch genährter Populismus und Wutbürgertum Bahn, da wuchert ein Nährboden, der vor allem der extremen Rechten Auftrieb verleiht.
Mit brachialer Gewalt
Auch wenn er damit in gewisser Weise rechte Narrative wie jene von «Wokeismus» oder «Genderwahn» bedient, statt sich von ihnen abzugrenzen: Die These ist erschreckend plausibel. Wer wollte bestreiten, dass sich auf zahlreichen Konfliktfeldern der Gegenwart «eine geradezu übermächtige Tendenz» zeigt, «komplexe gesellschaftliche Situationen auf einfache konstellative Konfliktpunkte zu reduzieren», wie Rosa schreibt. Handle es sich um den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, in dem sich der politische Diskurs auf binäre Fragestellungen wie «Waffen liefern: ja oder nein?» verengt, oder um das Thema Migration, das verkürzt wird auf Pro und Kontra rund um Obergrenzen («10-Millionen-Schweiz»), «Ausschaffung» oder «Asylverfahren ausserhalb der EU». Auch in der Klimakrise wird die Debatte ähnlich eng geführt – als wäre ihr mit der Frage «Klimageräte: ja oder nein?» beizukommen.
Stattdessen spülen solche Trigger autoritäre rechte Figuren wie Donald Trump und Javier Milei an die Macht, die sich mit brachialer Gewalt Handlungsfreiheit verschaffen, indem sie vermeintliche «Bürokratiemonster» mithilfe von Pop-up-Organisationen wie Doge oder Kettensägen zu beseitigen versprechen. Tatsächlich aber zertrümmern sie demokratisch erkämpfte humanitäre und ökologische Errungenschaften: Gesetze, Verträge und Organisationen, die vor sexueller, rassistischer und ökonomischer Diskriminierung und Ausbeutung schützen und der Zerstörung von Natur und Umwelt entgegenwirken.
Umgekehrt spiegelt sich in dieser Zerstörungslust auch eine fundamentale Verunsicherung, ja Angst angesichts von vermeintlich zu gross gewordenen Handlungsspielräumen für Frauen, queere Menschen und People of Color. Und das macht rechte Positionen und Parteien noch anschlussfähiger für all jene, die sich als Verlierer:innen und Leidtragende emanzipatorischer Errungenschaften und mit diesen einhergehender Regeln und Vorschriften sehen.
Kapern und kollektivieren
Was also tun aus linker Perspektive? Zu dieser Frage bleibt Rosa eher wortkarg und wolkig. In einem Interview macht er im «Spiegel» vor allem auf die paradoxe Situation aufmerksam, in der man sich als Linke:r wiederfindet, wenn man plötzlich den Staat und die bürokratische Verwaltung verteidigen muss. Wie aber Spielräume zurückerobern, um den rechten Vormarsch zurückzudrängen?
Vielleicht beginnt es damit, der binären Vollzugslogik noch entschlossener entgegenzutreten und darauf zu beharren, dass Situationen komplex und mehrdeutig sind, dass es dies anzuerkennen und auszuhalten gilt, gerade im politischen Diskurs. Darauf zu beharren, dass auch künftig Gesetze und Regelwerke entscheidend sein werden, besonders im Umgang mit KI und den Konzernen, die deren Einsatz in imperialistischer Weise vorantreiben.
Vielleicht sollten wir auch einfach subversiver vorgehen und die Konzerne respektive ihre KI von linker Seite kapern, sie uns als Werkzeug aneignen, um unsere eigenen Handlungsspielräume damit zu erweitern. Das zumindest schlägt der marxistische Wissenschaftshistoriker Evgeny Morozov im aktuellen «Monde diplomatique» (August 2026) vor: quasi unsere eigenen KI-Agenten zu bauen, sie mit «guten Prompts für alle» zu kollektivieren – und als «Workarounds zur Eindämmung der Bürokratie» einzusetzen. Davon, so ist er überzeugt, profitierten sowohl Mieter:innen im Kampf um bezahlbaren Wohnraum als auch Migrant:innen, die sich mit der Behördensprache herumschlagen müssen. ●
Hartmut Rosa: «Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums». Suhrkamp Verlag. Berlin 2026. 248 Seiten.