Leitartikel : Das schmerzliche Ende von Rojava
Einmal mehr gehen die Kurd:innen leer aus, wenn der Nahe Osten neu geordnet wird, beklagt Uğur Gültekin.
Das kurdische Volkslied «Darhejîrokê» besingt einen Feigenbaum auf kargem Fels – als Sinnbild für das Überleben unter widrigen Bedingungen. Zugleich erwähnt das Lied die «xet», jene nach dem Ersten Weltkrieg gezogene Grenzlinie, die das kurdische Gebiet in Serxet (wörtlich «oberhalb der Linie», in der heutigen Türkei) und Binxet («unterhalb der Linie», im heutigen Syrien) zerriss. Dieses Binxet war fast hundert Jahre später der Ort einer politischen Utopie: der Autonomen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien – Rojava.
Mit der Auflösung der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) endet diese Utopie nun. Die kurdischen Einheiten werden in die syrische Armee eingegliedert; die Frauenverteidigungseinheiten YPJ – einst das sichtbarste Symbol eines feministischen Aufbruchs – unterstehen künftig als Antiterroreinheit dem Innenministerium. Die hochrangigen kurdischen Kommandanten Maslum Abdî und Sipan Hamo werden auf unbedeutende Beraterposten abgeschoben. Lediglich Zusicherungen wie Kurdisch als partielle Amts- und Unterrichtssprache retten die Kurd:innen in ein neues Syrien – sofern die Regierung dann auch tatsächlich Wort hält. Was nun in Syrien zu entstehen droht, ist ein zentral regierter Staat; eine wirtschaftsliberale Autokratie in religiösem Gewand.
Dieser Umbruch ist Teil einer umfassenden Neuordnung der Region. Ende August besiegelten die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan in Mekka einen Verteidigungspakt. Insbesondere für die Türkei bedeutet das einen weiteren strategischen Spagat: Sie bleibt Nato-Mitglied und US-Verbündete, agiert aber parallel als Architektin einer von Washington unabhängigeren regionalen Machtstruktur.
In beiden Rollen deckt sich das türkische Kalkül mit den Interessen der neuen Machthaber in Syrien – exakt dort, wo es um die Entmachtung der Kurd:innen geht. Die türkische Regierung hat deren Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien nie geduldet, weswegen sie Rojava auch militärisch bekämpfte. Dass sich die SDF nun auflösen mussten, ist aus Sicht der Türkei kein beiläufiger Nebeneffekt, sondern war eines ihrer primären Ziele.
Die USA, die Türkei und Saudi-Arabien erkennen in diesem neuen Syrien einen verlässlichen Partner für ihre Vision der Region. Ein zentralisierter syrischer Staat bereitet den Weg für neue Handelskorridore von der Arabischen Halbinsel über Jordanien bis an die syrischen Mittelmeerhäfen Latakia und Baniyas. Gemeinsam mit dem türkischen Schienen- und Strassennetz bietet sich dadurch eine verlässliche Verbindung nach Westen, die ohne das umkämpfte Nadelöhr der Strasse von Hormus auskommt.
Für die Kurd:innen lässt die aktuelle Situation wenig Hoffnung auf künftige Selbstbestimmung. Im Nordirak ist die autonome Region im vetternwirtschaftlichen Geflecht des Barzani-Clans längst den globalen Märkten zugänglich gemacht worden; im Iran droht die Bevölkerung in den Mühlen der regionalen Eskalation schutzlos aufgerieben zu werden; in der Türkei erzwingt Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit berechnendem Taktieren eine angebliche Partnerschaft, die die Widerstandsbewegung neutralisieren soll. In Syrien wird die emanzipatorische Alternative nun vollends von harter Interessenspolitik erstickt.
Den Kurd:innen bleibt angesichts dieser Entwicklungen die Gewissheit ihres Sprichworts: «Ji çiyan pê ve tu heval nînin» – keine Freunde ausser den Bergen. Auch im Lied «Darhejîrokê» klingt dieses Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein, immer wieder an. Doch der Feigenbaum im Lied verkörpert zugleich noch etwas anderes: nämlich eine unbändige Beharrlichkeit, die immer wieder Früchte hervorbringt – allen Umständen zum Trotz. ●