Leser:innenbriefe

Nr. 36 –

Fehlende weibliche Perspektive

«Gooning: Kommst du noch oder goonst du schon?», WOZ Nr. 35/26

Der Artikel hat es meiner Meinung nach nicht ganz geschafft, die kapitalistische wie auch die antikapitalistische Seite des Goonings angemessen aufzuzeigen und dem Thema somit insgesamt gerecht zu werden. Als besonders störend empfinde ich dabei die Aussagen der Sexologin Ursina Donatsch. Einerseits berichtet sie, dass sich viele Männer beim Sex unter Druck setzen, andererseits spricht sie davon, Gooning aus gesellschaftlicher Sicht zu begrüssen, da es zur Enttabuisierung des Pornokonsums beitrage. Genau dieser klassische Konsum, der so stark auf den (männlichen) Höhepunkt ausgerichtet ist, weckt jedoch erst entsprechende Erwartungshaltungen, die dann wiederum auch auf Frauen übertragen werden. Nicht zuletzt deshalb fehlt mir im Artikel die weibliche Perspektive. Spannend und treffend waren hingegen die Aussagen des Kulturwissenschaftlers Emre Busse, die durchaus zum Nachdenken anregen.

Larissa Gassmann, per E-Mail

Erschüttert

«Siedlergewalt im Westjordanland: Unter Belagerung», WOZ Nr. 35/26

Der Bericht über die Vertreibung von palästinensischen Familien im Westjordanland durch israelische Siedler hat mich erschüttert. Ich habe den Staat Israel früher bewundert, heute bin ich enttäuscht und entsetzt über dessen Gräueltaten, auch im Gazastreifen.

Was soll das für ein grausamer Gott sein, der solches unterstützt? Ich denke, dass das eher dunkle Mächte sind, die eine solche Regierung leiten. Es wäre höchste Zeit, dass sich die jüdische Bevölkerung endlich entschieden von einer solchen Politik distanziert!

Sabina Gabi, Balsthal

Multiple Krise und Polykrise

«Glossar der Gegenwart», WOZ Nr. 33/26

Im Glossar gibt es den kleinen Text zu Polykrise. Multiple Krise und Polykrise sind nicht dasselbe. «Polykrise» wurde von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker 2016 vor griechischen Unternehmern genutzt, um die schwierige Lage für Entscheidungsträger zu kennzeichnen: Zu viele Krisen, zu viel Komplexität ist das Problem für herrschende Politik. Polykrise ist ein technokratisches Konzept. In diesem Sinn nutzt auch Adam Tooze das Konzept: viele nebeneinander vorkommende Krisen, die die Politiker:innen überfordern.

Anders multiple Krise: ein kritisches Konzept, von Linken entwickelt, um den inneren Zusammenhang je spezifischer, autonomer Krisenverläufe der kapitalistischen Vergesellschaftung zu begreifen, die sich überlagern, über- oder unterdeterminieren und eben in ihrer Gesamtheit selbst noch zu einer Krise des Bruchs der kapitalistischen Formation führen können. Clara Mattei und Isabella Weber sagen zu dem Thema nichts oder wenig, und Auswege versuchen viele aufzuzeigen.

Alex Demirovic, per E-Mail

Ein starkes Stück

«Bundesverwaltungsgericht: Ein Richter macht Politik», WOZ Nr. 34/26

Ein starkes Stück! Bundesverwaltungsrichter David Wenger (SVP) hat offenbar vollständig vergessen, was einen Richter ausmacht: Unabhängigkeit, Unvoreingenommenheit und Unparteilichkeit. Vielleicht hat er es auch gar nie gewusst. Natürlich ist ein Richter dieses Zuschnitts untragbar. Zu einem Amtsenthebungsverfahren wird es allerdings kaum kommen. Die Voraussetzungen sind sehr streng (schwere Verletzung von Amtspflichten oder dauerhafter Verlust der Amtsfähigkeit). Kein Wunder, dass auf Bundesebene noch nie ein Richter seines Amtes enthoben wurde.

Der Fall erinnert an den Bundesrichter Thomas Stadelmann (Mitte), der 2024 in einem Interview öffentlich verkündete, dass er dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) nicht mehr traue und deshalb keine EMRK-Rügen mehr behandle. Richtigerweise erteilte der damalige Bundesgerichtspräsident Stadelmann eine scharfe schriftliche Rüge und zog ihn von allen EMRK-Fällen ab. Vergleichbares hat man vom Präsidium des Bundesverwaltungsgerichts noch nicht gehört.

Die Hürden für eine Amtsenthebung sollten gesenkt werden.

Jürg Oskar Luginbühl, Adliswil

Die Hatz gegen das Asylrecht wird von bürgerlichen Medien und leider auch von SRF tüchtig befeuert: «80 Prozent sind kriminell», schleuderte uns der «Blick» kürzlich in dicken Lettern über Geflüchtete aus dem Maghreb entgegen. SRF zog gleichentags in der «Tagesschau» nach, mit kurzer Einblendung des Hinweises, achtzig Prozent der Menschen dieser Herkunft stünden unter «Straftatverdacht». Ein Verdacht ist keine Straftat. Eine entsprechende Statistik hatte das SEM erhoben. Ständig wird weiter am Asylrecht gerüttelt. Die Schweiz schafft wieder nach Italien aus mit dem rechthaberischen Grund der «Dublin-Rückführungen».

Und dass nun sogar wieder nach Afghanistan ausgeschafft wird, haben wir dem perfiden Zusammenspiel von SVP-Exponenten und Justizapparat zu verdanken. Danke, WOZ, für diese Recherche.

Daniel Vonlanthen, Bern