Literatur : Geschlecht zu verkaufen
Ein Feminist läuft Amok und andere Provokationen: Was hat Tony Tulathimutte, der neue Star der US-Literatur, zu bieten?
Dabei macht er doch eigentlich alles richtig, der schmalbrüstige «Feminist» in der gleichnamigen Erzählung von Tony Tulathimutte. Oder etwa nicht? Frei von toxischer Männlichkeit will er sein, ein Verbündeter seiner feministischen Freundinnen. Aber mit jeder Ablehnung, die er erfährt, entfremdet er sich immer weiter von diesen.
So absehbar die Radikalisierung, auf die das dann zuläuft, so kalkuliert wirkt auch die finale Eskalation, vor der die Story abbricht. Wird einer zum Incel gemacht, und wenn ja, von wem? Und wo sind die Grenzen zwischen aufrichtiger Solidarität und identitätspolitischem Cosplay? «Der Feminist» ist Zündstoff für Lesegruppen, die explosive Debatten nicht scheuen. Dabei ist die Erzählung so durchsichtig auf Provokation angelegt, dass sie nicht wirklich als Versprechen für den Rest des Buches taugt. Oder etwa doch?
Lust an der Überschreitung
Die Zurückweisung ist das Motiv, das die weiteren, lose miteinander verbundenen Erzählungen in immer neuen Perspektiven durchdeklinieren. «Rejection» heisst es im englischen Original, dieses Buch, dem jetzt auch so peinlich übersteigerte Attribute wie «Jahrtausendliteratur» («Der Spiegel») angehängt werden. Die deutsche Ausgabe macht daraus, viel plakativer, ein reines «Fiasko». Die spezifische Dynamik einer Ablehnung, für die es ja immer ein Subjekt und ein Objekt braucht, wird so auf den Befund eines totalen Versagens eingefroren.
Macht aber nichts, passt trotzdem. In der Ökonomisierung des Begehrens, die hier in allen Facetten vorgeführt wird, erinnert das an Michel Houellebecqs «Ausweitung der Kampfzone» (1994). Nur dass sich das seither noch weiter verschärft hat, durch digitale Plattformen und identitätspolitische Grabenkämpfe. Und anders als Houellebecq dreht Tulathimutte sprachlich immer voll auf.
Nehmen wir den hoffnungslos verklemmten schwulen Gamedesigner, der auch noch mit dem zweischneidigen Namen Kant gestraft ist (klingt auf Englisch wie «cunt», das Wort für «Fotze»). Als Kant im Netz einen individuell auf ihn zugeschnittenen Porno in Auftrag geben will und ein detailliertes Szenario entwirft, in dem er endlich vollkommen entfesselt seine wüstesten Fantasien artikulieren kann, gibt es für die Schlusspointe dieser sexuellen Befreiung tatsächlich kein treffenderes Wort als eben: Fiasko.
Das hat manchem Kritiker japsende Superlative entlockt. Wobei man den Eindruck nicht loswird, dass es die Erzählung darauf abgesehen hat. Die Lust an der Überschreitung erschöpft sich hier in der maximalistischen Drastik eines grotesken Fantasypornos. Interessanter ist Tulathimutte dort, wo er nicht auf krasse Effekte einer zeitgeistigen Variante von Bürgerschreckliteratur schielt, die auch die Übersetzung vor Probleme stellt (etwa mit endlos rapportierten Chatverläufen).
Was der 43-Jährige wirklich draufhat, zeigt sich in den letzten drei Texten, die alles, was wir bis dahin gelesen haben, nochmals neu auffächern und kommentieren. «Main Character», die längste und beste Erzählung, ist vorgeblich ein hundert Seiten langer Rapport über einen fiktiven Netzskandal. Darin eingewoben ist aber auch das messerscharfe Zeugnis einer migrantischen Jugend: was es heisst, in den USA in einer Familie thailändischer Herkunft aufzuwachsen.
Die Hauptfigur hier ist Kants supersmarte Schwester Bee (auch Craig, der «Feminist» aus der ersten Geschichte, hat nochmals einen Auftritt am Rande). Schon die Art, wie Bee sich einer Beschreibung ihres Aussehens entzieht, hat es in sich. «Mein Gesicht: eine Schicht aus Haut, Muskeln, Nerven und Fett um einen Schädel mit fünf dunklen Öffnungen, zwei davon asiatisch.» Und ihr Kopf, «dieser komische grimmige Kübel» als Sitz ihres Gehirns, kommt ihr vor «wie ein tragischer Unfall».
Als Asian American begreift sie früh, dass es in der US-Gesellschaft für ihresgleichen nicht vorgesehen ist, ein «main character» zu werden. In der Primarschule dann ein erstes Erweckungserlebnis. Inspiriert von einer «Simpsons»-Folge, erkennt Bee, «dass sich jede Abstraktion mit ein paar Wörtern auf einem Zettel in eine Ware verwandeln lässt». So verkauft sie einem Jungen für 22 Dollar ihre Identität als Mädchen: «Bevor ich lernte, dass Gender fluid ist, machte ich es flüssig.» Identität als Währung.
Wie ein Pokémon-Starterset
Für ein migrantisches Kind wie Bee sind die Optionen dann trotzdem so begrenzt wie ein Pokémon-Starterset. Identitätspolitik sieht sie bald als Sackgasse: «Identität ist Geschichte light, snackbare Soziologie; im schlimmsten Fall Traumapatriotismus oder Persönlichkeitsprothese.» So beschliesst sie, alle sichtbaren Angriffsflächen, namentlich «Gender und Race», von sich abzustossen. Sie verweigert sich jeglicher identitärer Zuschreibung und schwingt sich schliesslich zu einer selbsternannten Identitätsterroristin auf, indem sie im Netz eine Art Schneeballsystem von Shitpostings aufzieht.
Das ist grandios – und damit ist noch nichts gesagt über die metafiktionalen Volten, die diesen ganzen Reigen der Ablehnung abschliessen. «Fiasko» endet mit einem fingierten Absagebrief, in dem ein Verlag dem Autor (also Tulathimutte) darlegt, warum man dieses Buch, das wir gerade gelesen haben, leider nicht drucken werde. Ein absoluter Smartass-Move: Tulathimutte sichert sich gegen seine eigene Zurückweisung ab, indem er sie selber vorwegnimmt – und die hyperkritische Lektüre seines Buchs gleich mitliefert. ●
Tony Tulathimutte: «Fiasko. Fiktionen». Aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel und Jan Schönherr. dtv Verlag. München 2026. 384 Seiten.