Männlichkeit : Warum so aggro?

Nr. 36 –

Wie Testosteron zur angeblichen Erklärung männlicher Gewalt wurde. Und warum wir uns solche Mythen trotzdem erzählen.

historische Aufnahme eines jungen Kindes welches mit einer Hand seinen anderen Oberarm umgreift
Hormone machen etwas mit unseren Körpern. Aber dass ein erhöhter Testosteronspiegel zu aggressiverem Verhalten führt, ist nicht wissenschaftlich erwiesen. Imago

«… und seitdem kann ich nicht mehr wirklich weinen.» Es ist Berliner Hochsommer, queere Primetime, und ich sinke immer tiefer in die Sofafetzen einer fortgeschrittenen Party. Der Mann neben mir ist trans, so wie ich: Er erzählt mir, wie er vor zwei Jahren damit angefangen habe, sich Testosteron in die Bauchfalte zu spritzen. Und dass er seitdem nicht mehr weine. Er lächelt und nippt an seinem Bier.

Wir reden über Testosteron, als handle es sich dabei um ein Fabelwesen. Selbst trans Menschen, die sich jahrelang mit dem Hormon auseinandersetzen müssen, schreiben ihm Eigenschaften zu, für die die Forschung längst kein so eindeutiges Bild zeichnet. So was wie: Hohe Testosteronspiegel machen härter. Wütender. Aggressiver. Testosteron setzt sich durch, vergisst seine Manieren, haut auf den Tisch, schlägt zu (wenn nötig). Aber woher kommen diese Mythen eigentlich? Und wenn sie nicht bewiesen wurden: Warum halten sie sich so hartnäckig?

Eine Geschichte der Mythen, die Testosteron zur Ursache aller möglichen Übel erklären, haben die Genderforscherinnen Rebecca Jordan-Young und Katrina Karkazis in ihrem Buch «Testosteron. Warum ein Hormon nicht als Ausrede taugt» (Hanser, 2020) geschrieben. Bestehen würden diese verbreiteten Annahmen nicht, weil sie von der Forschung gestützt würden, erklären die Autorinnen; vielmehr erfüllten sie eine andere Funktion: «Testosteron ist kein wissenschaftliches, sondern ein narratives Bindeglied.»

Immer weiter suchen

In den siebziger Jahren untersuchten die Psychiater Robert Rose und Leo Kreuz den Zusammenhang zwischen Testosteron und aggressivem Verhalten: zunächst an Affen, später an Gefängnisinsassen. Die 21 Männer wurden in «Kämpfer» und «Nicht-Kämpfer» unterteilt: Wer im Gefängnis mehr als einmal gewalttätig geworden war, galt als Kämpfer. Die Forscher vermuteten, dass die Testosteronwerte bei diesen Männern höher liegen würden. Doch die Ergebnisse bestätigten ihre Vermutung nicht.

Statt die ursprüngliche These damit als nicht bewiesen zu verwerfen, suchten Rose und Kreuz nach anderen Zusammenhängen. Schliesslich fanden sie bei einigen Insassen eine Korrelation zwischen Testosteronwerten und schweren Straftaten im Jugendalter. Jordan-Young und Karkazis weisen auf den statistischen Effekt hin, der bei dieser fragwürdigen Methodik zum Tragen kommt: Je mehr Zusammenhänge man untersucht, desto wahrscheinlicher wird ein statistisch auffälliger Treffer.

Obwohl kein überzeugender Zusammenhang gefunden wurde, ging die Suche weiter. Der rudimentäre Befund von Rose und Kreuz wurde weitergesponnen, bis daraus eine grosse Hypothese wurde: Testosteron mache aggressiv. So wurde aus einer Geschichte über Männer im Knast eine über ein Hormon als Essenz männlicher Gewalt.

Nach der Gefängnisstudie von Rose und Kreuz trug vor allem der Sozialpsychologe James M. Dabbs Jr. weiter zur Mythenbildung bei. Ausgehend von deren Forschung, suchte er weiter nach einem Zusammenhang zwischen Testosteron und Gewalt – bei einer Studie ebenfalls im Gefängnis: Nun sollten Wärter die Gefangenen und die Gefangenen sich gegenseitig nach ihrer «Härte» («toughness») bewerten. Dabbs erwartete, dass die «härtesten» Jungs auch den höchsten Testosteronspiegel hätten. Doch die Studie zeigte keinen entsprechenden Zusammenhang.

Da waren männliche Häftlinge, deren Körper vermessen wurden, und männliche Akademiker, die entschieden, was als aggressiv zu verstehen war. Die Wissenschaftler untersuchten also Männer, deren Lebensrealität sich radikal von ihrer eigenen unterschied, und machten deren Verhalten zum Ausgangspunkt für allgemeine Aussagen über Männer. Was keinen Platz bekam, waren die Lebensgeschichten der Häftlinge, deren Gewalterfahrungen oder ihre Vorstellungen davon, was ein Mann sein sollte. Statt die Erklärung für die Gewalt in ihren Umständen und Geschichten zu suchen, wurde sie in ihren Körpern gesucht: Testosteron wurde zum Erklärungsmodell.

Gewissheiten wandern

Und was sagt die Forschung heute dazu? Es kann einen Zusammenhang zwischen Testosteron und aggressivem Verhalten geben, er ist allerdings schwach und ausserdem stark vom sozialen Kontext abhängig. Wenn der Testosteronspiegel gezielt erhöht wird, lässt sich bis heute kein eindeutiger Effekt hin zu aggressiverem Verhalten zeigen.

Wenn uns Menschen mit wissenschaftlicher Autorität erzählen, was wir ohnehin schon über Männer und Gewalt zu wissen glauben, zweifeln wir nicht daran. Die lieb gewonnenen Gewissheiten halten sich in der Gesellschaft, ohne natürliche Feinde fürchten zu müssen. Sie kommen mit zum Frühstück, stehen in einer Randnotiz in der Zeitung und sitzen irgendwann bei einer Party neben uns auf dem Sofa.

Diese Erzählungen treffen nicht alle Körper auf dieselbe Weise. Während sich die einen vor dem vermeintlich aggressiv machenden Testosteron fürchten, wird dasselbe Hormon in transfeindlichen Argumentationen benutzt, um Weiblichkeit und Körper von trans und mittlerweile auch cis Frauen verdächtig zu machen. Testosteron wird dann nicht nur zur Erklärung von Gewalt, sondern auch zum Argument für Ausgrenzung.

Warum verhalten sich Männer oft aggressiv? Warum erzählen manche trans Personen, mit mehr Testosteron im Blut nicht mehr so gut weinen zu können? Natürlich machen Hormone etwas mit unseren Körpern. Ich fürchte aber, dass dieser Effekt nie so viel Druck ausüben kann wie hergebrachte Geschlechtervorstellungen. Es braucht kein Aufputschmittel in unserem Blut, wenn wir bereits als Jungen lernen, dass bei Verletzlichkeit und Schwäche Angriff die beste Verteidigung sein soll. Denn all die bittersüssen Facetten des Schmerzes, egal ob Trauer, Ohnmacht, Irritation, Erschöpfung, dürfen aus einem Mann nur in einer Form herausgeschrien werden: Aggression.

Woher kommt die Energie?

Der Mann auf der Party war nicht mein erster trans Bekannter, der die Erzählung vom emotional härteren Mann auf Testosteron weitergab. Schliesslich sind wir nicht nur passive Empfänger:innen von falschen wissenschaftlichen Vorstellungen; es gibt auch Gründe, warum wir sie uns erzählen. Wir nutzen sie, um uns an etwas festhalten zu können, wenn wir uns in die ungewisse Zukunft der Transition hineinstürzen. Für viele Erfahrungen während einer Transition gibt es wenige wissenschaftliche Erklärungen und noch weniger kulturelle Erzählungen. Also erzählen wir uns gegenseitig das, was wir zu wissen glauben: Was macht Testosteron mit mir? Was hat sich bei mir körperlich und psychisch verändert? Was davon ist normal, was ungewöhnlich? In der Community wird so Erfahrungswissen über unsere Körper gesammelt – meistens detaillierter, als es unsere Ärzt:innen liefern können.

Während der ersten Wochen, in denen ich mir Testosterongel auf die Beine schmierte, hatte ich das Gefühl, schlagartig unglaublich viel Energie zu haben. War das nun die Wirkung von Testosteron? Oder war es auch das befreiende Gefühl, mich während meiner Transition für Hormone entschieden zu haben? Manche meiner trans Freund:innen teilten diese Erfahrung, andere sagten, absolut keinen Unterschied gespürt zu haben. Hormonelle Veränderungen können für manche spürbar sein, doch wir müssen auch kritisch hinterfragen, wer bestimmte Erzählungen geprägt hat und welches Weltbild vielleicht dahintersteckt.

Was bringt es uns also, wenn wir immer noch behaupten, Testosteron sei schuld an der männlichen Gewalt? Wir müssen dann weniger darüber reden, wo Gewalt eigentlich herkommt. Weniger über die Bedingungen, unter denen Gewalt wahrscheinlicher wird. Und weniger darüber, was Männlichkeitsnormen damit zu tun haben.

Doch wir müssen nicht an der unabdingbaren Aggression verzweifeln, denn sie ist unseren Körpern nicht einfach hormonell einprogrammiert. Unsere Körper bestimmen nicht unser ganzes Sein. Die Testosteronwerte der Menschheit kann man schlecht ändern, die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen wir leben, aber sehr wohl. ●