Péter Nádas (1942–2026) : Werden und Vergehen mit Birnbaum
Seit rund einem Vierteljahrhundert kann ich keinen grossen Birnbaum sehen, ohne mich an den kolossalen Wildbirnenbaum im Garten von Péter Nádas im kleinen westungarischen Weiler Gombosszeg zu erinnern. Dort hatte ich damals den zuletzt zurückgezogen lebenden Weltautor besucht, und dort verstarb er letzte Woche 83-jährig.
Wer noch keinen seiner grandiosen, je über tausendseitigen Romane wie «Buch der Erinnerung» oder «Parellelgeschichten» kennt, sollte den 2002 auf Deutsch erschienenen Band «Der eigene Tod» zur Hand nehmen. Nádas schildert darin, wie er als 51-Jähriger einen schweren Herzinfarkt überlebte und dank Elektroschocks und mit gebrochenen Rippen von einer Nahtoderfahrung zurückgeholt wurde. Behutsam und atemberaubend zugleich nähert er sich schreibend jener Schwellenerfahrung an. Kongenial ergänzt werden die kurzen Textfragmente durch weit über hundert Bilder jenes riesigen Birnbaums, die der Profifotograf Nádas im Verlauf eines Jahres zu allen Tages- und Jahreszeiten aufgenommen hatte, um so Werden und Vergehen zu illustrieren. Ein unvergleichliches Kunstwerk, das eine individuelle Extremerfahrung packend ins allgemeine menschliche Dasein überträgt. In seiner stets sehr körperlichen und sinnlichen Prosa verbindet Nádas Persönlichstes mit umfassendem kulturellem Wissen.
Geboren während des Zweiten Weltkriegs als Kind jüdischer Eltern, die ihr Judentum nie lebten und als Kommunist:innen gegen ungarische und deutsche Faschisten kämpften, wurde Nádas nach dem Krebstod der Mutter und dem Suizid des Vaters als knapp Sechzehnjähriger zum Vollwaisen. Mit seinem Geburtsdatum, dem 14. Oktober 1942, verband er immer auch die Ermordung Tausender jüdischer Kinder, Frauen und Männer im ukrainischen Misotsch gleichentags. Im (niedergeschlagenen) Aufstand gegen das stalinistische Regime 1956 erlebte der Vierzehnjährige erstmals Brüderlichkeit – und Brüderlichkeit hat er neben Freiheit und Gleichheit auch immer gefordert.
Aus wenigen Büchern kann man so viel so genau und literarisch glanzvoll über den Menschen und übers 20. Jahrhundert erfahren wie aus den Werken dieses Autors. Der ebenso liebenswürdig freundliche wie unbestechlich bestimmt analysierende Nádas verführt und verzaubert sein Publikum. Doch er verlangt ihm auch einiges ab. So sagte er zu seinen «Parallelgeschichten» einmal: «Der Leser muss wissen: Das Buch ist eine Bergtour.» ●