Affäre Zali : Die Tote im See
Mehrere Frauen beschuldigten den Tessiner Staatsrat Claudio Zali über Jahre der Gewalt, eine von ihnen ist inzwischen tot. Doch die Justiz blieb lange untätig. Der WOZ liegt eine brisante, bislang unbekannte Tonaufnahme vor.
Die blonde Frau zieht an ihrem Tabakerhitzer. Der Aschenbecher auf dem Tisch füllt sich mit Filtern, während sie erzählt. Es geht um einen Abend im Februar 2017: Claire Bianchi* hatte zwei Gläser in der Bar einer Bekannten getrunken und fuhr danach zu ihrem Geliebten in ein Dorf oberhalb von Lugano. Bianchi wollte einen Streit klären. Sie hatte einer anderen seiner Liebschaften Privates über ihn erzählt, seither ging er nicht mehr ans Telefon.
Was an seiner Haustür geschah, habe sie nicht erwartet. «Er öffnete die Tür, packte mich am Kragen, warf mich zu Boden und schloss die Tür. Dann schleuderte er mich hin und her und schlug meine Beine immer wieder gegen die Wände», sagt sie und zeigt ein Foto, auf dem ein zerkratztes Bein mit einem grossen Hämatom zu sehen ist. Dann piepst ihr Handy.
Bianchis Anwalt hat ihr einen Artikel geschickt, der soeben im «Corriere del Ticino» erschienen ist. Die Tessiner Staatsanwaltschaft, steht darin, habe ein Strafverfahren gegen Staatsrat Claudio Zali wegen mutmasslicher Delikte gegen die sexuelle Integrität eröffnet. Zali ist der Mann, von dem Bianchi gerade erzählt hat. Die Mittfünfzigerin sagt, sie habe achteinhalb Jahre lang eine Beziehung mit ihm geführt. Ein gemeinsam unterzeichneter Mietvertrag von 2023 sowie zahlreiche Nachrichten stützen die Aussage. Kennengelernt hatten sie sich an einer Veranstaltung der rechtspopulistischen Lega dei Ticinesi, der Zali angehört.
Ein lebloser Körper
Die Affäre um Claudio Zali beschäftigt das Tessin seit Monaten, immer neue Vorwürfe kommen ans Licht. Ihren bisherigen tragischen Höhepunkt erreichte sie am 18. August. Am Seeufer von Melide fand man den im Wasser treibenden leblosen Körper einer 52-jährigen Frau. Wie sich kurz darauf herausstellte, handelte es sich um Valentina Lombardi* – eine ehemalige Geliebte Zalis.
Der Skandal um den 64-jährigen Zali hatte Mitte Juli Fahrt aufgenommen, als auf einem anonymen Instagram-Account Tonaufnahmen aus den Jahren 2022 und 2023 auftauchten. Der Account gehörte Lombardi. Auf den Aufnahmen ist Zali zu hören. Im Gespräch mit Lombardi über eine andere Frau sagt er: «Schlag sie zusammen. […] Als sie zu mir nach Hause kam, habe ich sie verprügelt.» Zali spricht dabei über den oben geschilderten Abend mit Claire Bianchi. Bianchi erstattete damals Anzeige, wie ein der WOZ vorliegendes Dokument belegt, zog diese wenige Tage später jedoch zurück. «Ich war verliebt, und meine Mutter war gerade gestorben. Trotz allem, was ich durchgemacht hatte, wollte ich nicht allein bleiben», begründet sie den Entscheid heute.
In einer Stellungnahme zuhanden der WOZ schreibt Claudio Zali, Bianchi sei nachts und unangemeldet bei seinem Haus erschienen. «Ich beschränkte mich darauf, sie von meinem Grundstück zu entfernen, das ich mit den gesetzlich zulässigen Mitteln verteidigt habe.»
In einer weiteren Aufnahme erwägt Zali, für ein Problem mit einer anderen Frau einen Freund aus Mailand einzuschalten, der ihm «selbst unter Folter» treu bleibe und über «vierte oder fünfte Personen» helfen könne. Der Skandal bewegte Zali dazu, am 29. Juli seinen Rücktritt anzukündigen, allerdings erst auf Ende September.
Drei Wochen später wurde Valentina Lombardis Leiche im Luganersee gefunden. Die Obduktion ergab keine Hinweise auf gewaltsame Fremdeinwirkung. In ihrem Blut wurden jedoch viel Alkohol und geringe Mengen Beruhigungsmittel festgestellt, die laut Ermittlern «Wachsamkeit, Koordination und Bewusstsein» erheblich beeinträchtigt haben dürften.
Keine Hilfe von Politikern
Doch ein Vorfall wirft einen weiteren Schatten auf Lombardis Tod. Rund zehn Tage vor ihrem Tod hatte sie Anzeige gegen unbekannt erstattet. Sie gab an, nachts am Seeufer in Melide von einem Mann angegriffen und brutal verprügelt worden zu sein. Der WOZ liegt nun exklusiv eine bislang unveröffentlichte Sprachnachricht vor, auf der die leicht benommen wirkende Stimme Lombardis zu hören ist. «Er hat mich fast umgebracht, er hat mich fast ertränkt […] Er hat meinen Kopf gegen einen Stein geschlagen, ich habe schon wieder Stiche im Gesicht.» Und sie sagt: «Ich bin sicher, dass Claudio Zali einen seiner Kumpels geschickt hat, um mich zusammenschlagen zu lassen. Er hat mich bestrafen lassen.» Denn Zali habe ihr zuvor «Rache geschworen».
Stimme und Herkunft der Datei lassen für die WOZ keinen Zweifel daran, dass die Aufnahme von Lombardi stammt. Ein Beleg für eine Beteiligung Zalis am Angriff auf Lombardi oder an ihrem Tod ist sie jedoch nicht. Sie legt zunächst nur eines nahe: Lombardi fürchtete sich vor ihm.
Ihre Angst schien begründet gewesen zu sein. In einer Anzeige gegen Zali von 2021, die der WOZ vorliegt, schildert Lombardi, wie er sie während einer Autofahrt an Körper und Armen festgehalten habe, sodass sichtbare Blutergüsse entstanden seien. Mehrmals habe er abrupt gebremst, um die nicht angeschnallte Frau gegen das Armaturenbrett zu schleudern. «Zwischen einem Schrei und dem nächsten sagte er mir, während er mir direkt in die Augen blickte, dass er mich töten werde, dass er mich verschwinden lassen werde und dass niemand je etwas davon erfahren werde.»
Lombardi wandte sich damals auch an die prominenten Lega-Politiker Norman Gobbi und Lorenzo Quadri. Wie Quadri auf Anfrage bestätigt, kam es daraufhin zu Gesprächen mit Zali, wobei Quadri nicht daran teilnahm. Weitere Schritte unternahmen die Politiker nicht. Laut Staatsanwaltschaft zog Lombardi die Anzeige zu einem späteren Zeitpunkt zurück.
In seiner Stellungnahme weist Claudio Zali sämtliche Vorwürfe zurück. Die Verstorbene sei «ein labiler Mensch» gewesen, der zu Alkoholmissbrauch geneigt habe. 2025 habe er den Kontakt vollständig abgebrochen. «Was danach geschah, war die grausame Rache einer Frau, die durch das Ende dieser Freundschaft verletzt worden war.» Sie habe dann «systematisch darauf hingearbeitet, mich mit falschen Anschuldigungen zu diskreditieren und meinen Rücktritt aus dem Staatsrat herbeizuführen – was ihr auch gelungen ist». Zali bestreitet, die Frau je geschlagen zu haben, und weist jede Beteiligung sowohl am Angriff in Melide als auch an ihrem Tod zurück.
Lombardi und Bianchi sind nur zwei von mehreren mutmasslichen Opfern Zalis. Im Laufe des Sommers brachten die intensivierten Recherchen der Tessiner Medien, allen voran der Tageszeitung «laRegione», immer neue Facetten ans Licht. Bereits im Juni berichtete die Zeitung, dass Zali sich persönlich für die Verlegung eines inhaftierten Vierzehnjährigen eingesetzt hatte, zu dessen Mutter er eine intime Beziehung hatte. Die Staatsanwaltschaft eröffnete ein Verfahren wegen Amtsmissbrauch und versuchter Nötigung. Es gilt die Unschuldsvermutung. Zudem hatte Zali bereits 2020 beim kantonalen Spitalverbund EOC interveniert, um seiner damaligen Liebschaft Valentina Lombardi zu einer Stelle zu verhelfen.
Nachdem diese dann im Juli die erwähnten Tonaufnahmen veröffentlicht hatte, zeigte Zali sie wegen heimlicher Aufzeichnung von Gesprächen, Nötigung und falscher Anschuldigung an. Bei ihrer anschliessenden Einvernahme übergab Lombardi den Behörden laut «laRegione» Material, das schliesslich zum eingangs erwähnten zweiten Strafverfahren gegen Zali führte: wegen sexueller Handlungen mit einer urteilsunfähigen oder zum Widerstand unfähigen Person sowie wegen Ausnützung einer Notlage oder Abhängigkeit. Laut den Recherchen der Zeitung soll die mutmasslich Betroffene ausgerechnet die Mutter des bereits erwähnten Vierzehnjährigen sein. Diese hat laut Angaben der Staatsanwaltschaft nach der Befragung keine Anzeige gegen Zali erhoben. Da es sich jedoch um Offizialdelikte handelt, muss die Staatsanwaltschaft unabhängig davon ermitteln. Auch hier gilt die Unschuldsvermutung für Zali.
Nach Bekanntwerden des neuen Strafverfahrens forderten ihn seine vier Regierungskollegen auf, sofort zurückzutreten. Zali weigerte sich. Daraufhin entzogen sie ihm am 2. September die Leitung des Departements für Raum und Umwelt. Formell bleibt er jedoch bis Ende September Mitglied des Staatsrats.
Bisher zeigten mindestens zwei, möglicherweise drei Frauen Zali wegen gewaltsamer Vorfälle an; zwei zogen ihre Anzeigen später zurück. Gegen zwei der Frauen ging Zali seinerseits juristisch vor. Eine wurde wegen Stalking verurteilt, Bianchi wegen übler Nachrede – gegen dieses Urteil läuft ein Berufungsverfahren. Die inzwischen veröffentlichten Aufnahmen, auf denen Zali selbst sagt, er habe sie «verprügelt», lassen ihre damaligen Vorwürfe in neuem Licht erscheinen – und somit auch das erstinstanzliche Urteil gegen Bianchi.
Die Frage nach der Justiz
Bevor Zali 2013 Staatsrat wurde, war er mehr als zwei Jahrzehnte lang Richter im Tessin, zuletzt Präsident des Strafgerichts. Es liegt nahe, dass er in dieser Zeit ein dichtes Netz beruflicher und persönlicher Beziehungen aufgebaut hat. Mehrere mit dem Fall vertraute Personen äussern gegenüber der WOZ Zweifel an der Unabhängigkeit und dem Vorgehen der Tessiner Justiz. So steht unter anderem die Frage im Raum, warum die Staatsanwaltschaft trotz mehrerer Anzeigen und Zeug:innenaussagen erst so spät tätig wurde.
Schwer wiegt in dieser Hinsicht ein Brief von Valentina Lombardi an Generalstaatsanwalt Andrea Pagani vom 7. September 2021. Darin erhebt sie schwere Vorwürfe: Zali habe eine «aufgrund einer psychischen Erkrankung invalide» junge Frau, die auch mit ihnen beiden im Bett gewesen sei, «sexuell benutzt». Dabei handelt es sich genau um jene Frau, die laut «laRegione» heute im Zentrum des Strafverfahrens gegen Zali wegen Straftaten gegen die sexuelle Integrität steht. Sollte es sich tatsächlich um denselben Sachverhalt handeln, stellt sich umso dringlicher die Frage, weshalb die Staatsanwaltschaft erst fünf Jahre später tätig wurde – zumal die Vorkommnisse jetzt als Offizialdelikt gewertet wurden.
Auf die fragwürdige Rolle der Staatsanwaltschaft in der Affäre Zali zielt auch eine Interpellation der Grossräte Giuseppe Sergi und Matteo Pronzini vom Movimento per il socialismo (MPS). Sie fragen die Kantonsregierung, ob es eine «unabhängige Überprüfung» jener Justizbehörden brauche, die mit den Meldungen und Anzeigen der Frau befasst waren, sowie eine «unabhängige und umfassende Untersuchung» ihres Todes, um «mögliche Unterlassungen, Fehleinschätzungen oder Interessenkonflikte endgültig auszuschliessen».
In der Parteizentrale des MPS in Bellinzona spricht Sergi Klartext: «Wir haben ein starkes Misstrauen gegenüber der Justiz. Das kommt aus Erfahrungen, die sich über Jahre angesammelt haben.» Sie habe häufig nicht so gehandelt, wie sie hätte handeln sollen, und sei «sehr darauf bedacht, Zusammenstösse mit mächtigen Akteuren zu vermeiden».
Die Tessiner Staatsanwaltschaft beantwortete weder die Frage, weshalb die Ermittlungen nicht an eine ausserkantonale Stelle übertragen wurden, noch die meisten anderen Fragen der WOZ.
Zali wird Ende September aus dem Staatsrat ausscheiden. Mehrere Verfahren gegen ihn sind hängig. Doch längst geht es in dieser Affäre nicht mehr nur um die Frage, ob der ehemalige Regierungspräsident etwas getan hat oder was. Sondern auch darum, was Politik und Justiz über Jahre wussten – und weshalb so lange so wenig geschah.
* Name geändert.