Best Western : Mitgefühl, Würde und Fussfesseln
Dorothee Elmiger über vier Armbanduhren als Mahnmal gegen den Irrsinn
Er habe sich in den letzten Wochen vier Uhren gekauft, sagte ein Freund beim Abendessen. Erst habe er auf eBay eine schwarze Casio ersteigert, dann aber plötzlich gedacht, in manchen Situationen passe eine silbrige vielleicht besser, also habe er eine zweite gekauft, und dann noch eine mit braunem Lederband, alle nicht besonders teuer, und als er dann diese drei bestellt gehabt habe, sei ihm klar geworden, dass er diesem Irrsinn des Uhrenkaufens nur Einhalt gebieten könne, wenn er sich noch eine vierte zulege: «Nach einer vierten noch eine fünfte Uhr zu kaufen, wäre dann ja tatsächlich verrückt gewesen.»
Ich blickte ihn verwundert an. Wir kannten uns seit vielen Jahren, und wenn wir uns sahen, dann sprachen wir meist über Bücher, Politisches, über seine Arbeit als Jurist für eine Gewerkschaft, die Büroreinigungskräfte, Portiers und Fensterputzer:innen vertritt. Vielleicht sei es so, sagte er, dass er angesichts der irremachenden Gleichzeitigkeit seines eigenen, ganz normalen Lebens und der Vorgänge im Land zuweilen nur die Wahl habe, entweder eben irre zu werden oder sich stattdessen, zum Beispiel, Uhren im Internet anzuschauen.
Am Tag zuvor war in Ohio ein Student namens Pierre Damas Bel mit seinem Toyota Avalon auf den Pannenstreifen der I-70 gefahren, aus dem Auto gestiegen und vor einen Sattelschlepper gelaufen. An seinem Bein hatte Bel, der noch dort, auf der Interstate, verstarb, eine elektronische Fussfessel getragen. Bel war – wie Jahrzehnte zuvor die Eltern meines Freundes – aus Haiti in die USA gekommen. Nach seiner Ankunft hatte man ihm einen temporären Schutzstatus verliehen, die Lage in Haiti liess keine sichere Rückkehr zu. Er schloss die Highschool ab, begann ein Studium, arbeitete in einer Texas-Roadhouse-Filiale.
Im vergangenen Jahr schon hatte das Department of Homeland Security (DHS) die Aufhebung des Temporary Protection Status für Schutzsuchende aus Haiti und Syrien angekündigt. Im Juni erklärte nun der Oberste Gerichtshof, die Pläne des DHS könnten nicht angefochten werden. Als das Programm am 27. Juli beendet wurde, verloren Hunderttausende ihre Arbeitsbewilligung und den Schutz vor Abschiebung. Mitglieder der haitianischen Community in Springfield, Ohio, wo auch Bel lebte, wurden per Brief in die ICE-Büros beordert, wo man ihnen Fussfesseln anlegte. «Springfield befindet sich in einem Zustand der Belagerung», schreibt das «Ohio Capital Journal» am 31. August. Ein Pastor am Radio: Die Leute sprächen von Fussfesseln wie aus der Zeit der Sklaverei.
In einem Statement zu Bels Tod erklärte Hakeem Jeffries, Fraktionsführer der Demokrat:innen im Repräsentantenhaus, er verurteile die Abschaffung des Schutzstatus und die Hetze der Regierung gegen die haitianische Community: Fleissige und gesetzestreue Immigrant:innen seien ein wichtiger Bestandteil der Gemeinschaft und verdienten Mitgefühl, Würde und Menschlichkeit – als müssten sich Schutzbedürftige ihren Schutz erst verdienen. Ausserdem, sagte mein Freund, missbrauche die Regierung nun genau jenen Mechanismus, der Menschen vor der Abschiebung in unsichere Herkunftsländer schützen solle, um sie stattdessen in zufällige Drittländer zu deportieren.
Irgendwann verabschiedeten wir uns, es war spät. Als ich im Bus durch die dunkle Stadt nach Hause fuhr, dachte ich noch einmal an die vielen Casios in der Wohnung meines Freundes, an die unübersehbare, irremachende Gleichzeitigkeit. ●
Dorothee Elmiger ist Autorin und lebt in Queens, New York.