Frida Kahlo : Frida als Faustpfand
Die Werke von Frida Kahlo dienen einer spanischen Bank als Kreditsicherheit – und touren jetzt durch Europa. Die Rückkehr nach Mexiko? Ungewiss.
Markante Brauen, Blumen im Haar, ernster Blick: Wenige Gesichter sind so ikonisch wie dasjenige Frida Kahlos. Doch während international täglich unzählige Frida-Accessoires die Kassen klingeln lassen, bangt die mexikanische Kulturszene um das wahre Erbe der Künstlerin.
Ende Juli haben zehn der bedeutendsten Werke Kahlos Mexiko Richtung Europa verlassen. Die Gemälde sind Teil der Gelman-Sammlung – einer der wichtigsten Kollektionen von Werken der mexikanischen Moderne – und seit 1984 als nationale Kulturgüter gesetzlich geschützt. Konkret bedeutet das: Die Werke müssen in Mexiko verbleiben. Die mexikanische Kulturbehörde überwacht ihre Erhaltung und ihren Standort. Eine Ausfuhr ist höchstens vorübergehend mit Ausnahmegenehmigung möglich, sofern die Rückgabe garantiert ist.
Im Fall der Gelman-Sammlung zeigte sich die Kulturbehörde jedoch erstaunlich flexibel und ging einen historisch einmaligen, verlängerbaren Fünfjahresvertrag ohne feste Rückkehrzusage ein. Vertragspartner sind die spanische Bank Santander, die die Sammlung seit Januar 2026 verwaltet, sowie der derzeitige Eigentümer Marcelo Zambrano. Der mexikanische Geschäftsmann ist Teil einer einflussreichen Unternehmerfamilie, die den multinationalen Baustoffkonzern Cemex leitet. Zambrano setzt die Kunstwerke derzeit als Kreditsicherung für ein Darlehen ein, mit dem er die Sammlung erworben hat.
Zwei befreundete Paare
«Die Werke sind zu Finanzinstrumenten geworden», sagt María Minera, Kunstkritikerin und Mitglied des in Mexiko-Stadt ansässigen Kollektivs «Defendamos la Colección Gelman» (Lasst uns die Gelman-Sammlung schützen), das derzeit vor Ort juristisch gegen die Kulturbehörde vorgeht. Auch das Internationale Komitee für Museen und Sammlungen Moderner Kunst (Cimam) kritisierte die «Verlagerung von Kulturgütern, die für die Geschichte eines Volkes von grundlegender Bedeutung sind», entlang ehemals kolonialer Routen.
Dennoch überquerte die Kollektion unter ihrem neuen Namen «Gelman-Santander-Sammlung» den Atlantik. Seit dem 8. September wird sie nun im Faro Santander präsentiert, einem neuen Kunstzentrum der Bank in Santander. Anfang 2027 werden Kahlos Werke in die Schweiz (Fondation Beyeler in Riehen) und nach Norwegen (Nationalmuseum in Oslo) weiterreisen. Im Heimatland der Künstlerin bleibt laut Minera unterdessen nur ein einziges bedeutendes Kahlo-Gemälde öffentlich zugänglich: «Die beiden Fridas» von 1939, zu sehen im Museo de Arte Moderno in Mexiko-Stadt.
Doch wie geriet das kulturelle Erbe Mexikos in den Besitz einer spanischen Grossbank?
In den 1940er Jahren lernten Kahlo und ihr Ehemann Diego Rivera in Mexiko-Stadt das Sammlerpaar Jacques und Natasha Gelman kennen. Das Interesse von Jacques Gelman galt Rivera, der zu dieser Zeit bereits einer der einflussreichsten Maler Mexikos war, und er beauftragte ihn mit einem Porträt seiner Ehefrau. Diese hingegen war fasziniert von Kahlos Kunst. «Warum willst du Frida Kahlo kaufen?», fragte Jacques Gelman seine Frau. So erzählte es Natasha Gelman selbst im Jahr 1991 in einem Interview mit der Kunsthistorikerin Sylvia Navarrete. Sie warf ihrem Mann daraufhin Klassendenken vor und bestand darauf, Kahlos Werke zu erwerben. «Sie bereiten mir grosse Freude. Im Fall von Frida traf ich die Entscheidung», erklärte sie.
In den Jahren darauf kauften die Gelmans zehn Werke Kahlos, die zum Herzstück ihrer Sammlung wurden. Einige davon erwarben sie für umgerechnet ein paar Tausend US-Dollar. Heute liegt der Wert der einzelnen Werke im zweistelligen Millionenbereich. Zwischen den Paaren entstand eine Freundschaft, und Natasha verhalf Kahlo zu Ausstellungen im Ausland.
Neben Arbeiten von Kahlo und Rivera erwarben die Gelmans Werke sämtlicher Grössen der mexikanischen Moderne, darunter María Izquierdo, David Alfaro Siqueiros und Rufino Tamayo. «Die Gelmans zählten schliesslich zu den bedeutendsten Sammlern des 20. Jahrhunderts», schrieb der argentinische Kunstkritiker Santiago García Navarro. «Der Aufbau ihres Kunstbesitzes fiel zudem mit einer Zeit zusammen, in der die mexikanische Kultur weltweit besondere Beachtung fand.»
Obskure Vorgänge
Nach Jacques Gelmans Tod im Jahr 1976 rückte ein neuer Protagonist ins Rampenlicht: Natasha Gelman trat mit dem US-Kunstkurator Robert Littman in Kontakt. Mit ihm als Berater führte die Witwe die Sammlung weiter und setzte ihn schliesslich als Nachlassverwalter und Vermächtnisnehmer ein. Testamentarisch hielt sie fest: Die Sammlung muss als Einheit unter dem Namen «Jacques und Natasha Gelman» öffentlich zugänglich sein und darf nur im Einklang mit den mexikanischen Gesetzen zum Schutz von Kulturgütern im Ausland präsentiert werden.
Als Natasha Gelman 1998 starb, schien ihr Wille zunächst Beachtung zu finden. In Interviews sprach Littman davon, dass er ein permanentes Zuhause für die Sammlung in Mexiko finden wolle. Nationale Museen boten an, die Werke aufzunehmen. Es kam jedoch nie zu einer Einigung. Die Sammlung ging stattdessen für mehrere Jahre international auf Reisen. Zwischen 2004 und 2008 kehrte sie nach Mexiko zurück, unter anderem zum 100. Geburtstag Kahlos im Jahr 2007. Danach tauchte sie erneut für fast zwei Jahrzehnte ab – bis sie 2026 letztmals vor der Ausfuhr im Museo de Arte Moderno in Mexiko-Stadt zu sehen war. Die Ausstellung, die im Juli schloss, brach alle Besucher:innenrekorde des Museums.
Über die Jahre wurde Littmans Nachlassverwaltung angezweifelt – bis vor Gericht. 1993 hatte Natasha Gelman noch ein neues Testament unterzeichnet, das ihr Testament von 1989 widerrief: «Natashas Familie verklagte Littman und legte ärztliche Beweise vor, dass sie an Alzheimer erkrankt war, als sie das neue Testament unterschrieb», sagt María Minera. «Der Notar, der das Testament aufgesetzt hatte, starb auf mysteriöse Weise. Kurzum: Es gibt viel Undurchsichtigkeit, viele Elemente, die von Missbrauch zeugen.»
Im Jahr 2023 verkaufte Littman schliesslich rund 160 Werke an Marcelo Zambrano. Für das Kollektiv, dem Minera angehört, verstiess er damit endgültig gegen den Willen der Sammlerin: «Nirgendwo stand, dass er verkaufen durfte.» Zudem wurde die Kollektion gegen Natasha Gelmans Willen aufgeteilt.
Zambrano finanzierte den Kauf über einen Kredit und hinterlegte die Sammlung, darunter dreissig als mexikanische Kulturgüter geschützte Werke, als Sicherheit. Als 2024 die Zinszahlungen ausblieben, bot der Kreditgeber Sotheby’s dreissig Stücke zum Verkauf an, von denen drei unter nationalem Schutz standen. Anfang 2026 löste die Bank Santander das Darlehen ab und schloss wenig später mit Zambrano und der mexikanischen Kulturbehörde eine «Vereinbarung zur Zusammenarbeit». Laut dieser gehen unter anderem zehn Kahlo-Gemälde in die Verwaltung der Bank über. Santander selbst spricht offiziell von achtzehn Werken Kahlos. Welche die zusätzlichen acht sind, ist unklar.
Nach wachsendem lokalem Widerstand betonte die mexikanische Kulturministerin im Juli 2026, die Sammlung werde 2028 zurück in der Heimat im Museo de Arte Contemporáneo in Monterrey zu sehen sein. Das Museum dementierte das jedoch kurz darauf: Eine entsprechende Vereinbarung bestehe bislang nicht.
Die Aktivist:innen von «Defendamos la Colección Gelman» fordern vor allem Transparenz im Hinblick auf die nationalen Kulturgüter. «Der mexikanische Staat ist verpflichtet, diese Werke zu schützen, selbst wenn sie in privater Hand sind», sagt Minera. «Wir sind keineswegs dagegen, dass sie in Basel oder Oslo gezeigt werden – aber im Einklang mit dem Gesetz.»
Das steht auf wackeligen Füssen: Der Oberste Gerichtshof prüft derzeit die Klage eines Privatsammlers gegen das dauerhafte Exportverbot für Kahlo-Werke. Sollte der Kläger damit Erfolg haben, dürften die Werke Mexiko bald per One-Way-Ticket verlassen. Der Anreiz ist gross: Die Werke, die Zambrano für 187 Millionen US-Dollar kaufte, könnten bei Auktionen im Ausland geschätzt 600 bis 800 Millionen Dollar erzielen. Der Kapitalmarkt droht einen wesentlichen Teil der mexikanischen Identität zu schlucken.
Was sagt die Fondation Beyeler?
In Mexiko lässt sich der Wert der Sammlung nicht mit Geld bemessen. Die Debatte dreht sich dabei nicht nur um die geschützten Werke. Der Transfer der Gelman-Sammlung ist ein moderner Beutezug entlang historischer Ungleichgewichte. «Es geht um Frida, die eine riesige Bedeutung für Mexiko hat», sagt Minera. «Aber es geht auch um künstlerisches Erbe, das Recht der Völker auf ihre Kultur, um die ungleiche Konfrontation zwischen dem Globalen Süden und dem Globalen Norden. Die europäischen Museen, die Frida empfangen, sollten sich dieser Diskussion anschliessen.»
Die Fondation Beyeler sagt auf Anfrage, dass man von den Kontroversen wisse und den kulturpolitischen Diskurs in Mexiko «aufmerksam, neutral und respektvoll» verfolge. Zudem stehe man in Kontakt mit den zuständigen Behörden im Kulturministerium von Mexiko: «Die Fondation Beyeler respektiert den Schutz des nationalen kulturellen Erbes ebenso wie den universellen Wert internationaler Kooperationen.» ●