Gloria Steinem (1934–2026) : Die radikalste Emotion
Die bekannteste US-Feministin kämpfte mithilfe von Allianzen und Bonmots. Und ärgerte Richard Nixon.
Nach den warmen Elogen kam postwendend die Polemik. Das linke US-Magazin «Jacobin» schimpfte die Anfang September mit 92 Jahren verstorbene Gloria Steinem eine «Patentante des neoliberalen Feminismus». Die Autorin warf ihr vor, politisch nicht radikal genug gewesen zu sein – und kompromisslosere Kämpferinnen verdrängt zu haben. Die Kritik, die kein gutes Haar an Steinem liess, ist aufschlussreich, weil sie zeigt, wie heute in einem ideologischen Furor feministische Geschichte demontiert oder zumindest verfälscht wird.
Steinem, die aus einfachsten Verhältnissen kam, früh für ihre psychisch kranke Mutter sorgte und durch eine – 1957 noch illegale – Abtreibung politisiert wurde, hätte solche Vorwürfe vermutlich weggelächelt. Sie gehörte einer Generation an, die für fast alles kämpfen musste: das Recht auf Sex ausserhalb der Ehe, das Recht auf Arbeit, das Recht, so ernst genommen zu werden wie die Männer.
Als Galionsfigur der sogenannten zweiten Welle des Feminismus stand sie Seite an Seite mit so unterschiedlichen Ikonen wie Shirley Chisholm, der ersten afroamerikanischen Abgeordneten im US-Repräsentantenhaus, der Anti-Pornografie-Aktivistin Andrea Dworkin, der Bürgerrechtlerin Angela Davis oder der lesbischen Schwarzen Dichterin Audre Lorde. In den Siebzigern stellte sie sich dem mächtigen Backlash gegen ein Gleichheitsgesetz in den Weg. Man kann diesen Fight gegen das ultrakonservative US-Establishment, verkörpert von der rechten Aktivistin Phyllis Schlafly, in der Serie «Mrs. America» nachschauen.
Bahnbrechende theoretische Schriften hinterliess Steinem kaum, sondern vor allem journalistische und biografische Texte – und pointierte Slogans: «Wenn Männer schwanger werden könnten, wäre Abtreibung ein Sakrament.» Oder: «Eine Frau hat zwei Möglichkeiten: Entweder sie ist Feministin – oder Masochistin.» Empathie war für sie «die radikalste menschliche Emotion». US-Präsident Richard Nixon hasste nicht nur Steinem innig, sondern explizit auch das 1972 von ihr mitgegründete feministische Magazin «Ms.», wie auf einem der berüchtigten Nixon-Tapes nachzuhören ist. Die Zeitschrift existiert bis heute.
Was Steinem auszeichnet, ist ihre aktivistische Breitenwirkung als prominente öffentliche Figur. Diese Strahlkraft nutzte sie ein Leben lang, um grundlegende feministische Forderungen laut zu machen – auf Frauenmärschen und Demos wie an edlen Galadinners. Dank ihrer Bekanntheit und dem Talent, Feminismus auch als witziges Wortgefecht zu begreifen, hinterliess sie viele Spuren in der Popkultur. Sie trat in Serien wie «The L Word» oder «The Good Wife» auf oder wurde im Bestseller «Das weibliche Prinzip» von Meg Wolitzer leicht camoufliert porträtiert.
Steinems Leben zeigt auch: Eine breite soziale Bewegung muss keine reine Lehre verfolgen, sondern baut Allianzen; nicht über alle, aber über einige Differenzen hinweg. Steinem ist dabei sicher nicht fehlerfrei geblieben. Aber sie ist nie in reaktionäre Denkschablonen gekippt wie die fast gleich alte Alice Schwarzer – und mutierte über die Jahre auch nicht zur vornehm gegen unten abgedichteten Teppichetagenfeministin à la Sheryl Sandberg. ●