Schaukämpfe : Im Fight Club der Liebenden

Nr. 37 –

Zwischen Bodyslam und Emositzung: Das Kollektiv Brigade Brut aus Luzern zeigt, dass Wrestling links gedacht umso interessanter ist.

Bossy Betty gibt Tender Bonnie beim Training in Kriens eins auf die Finger
Man hört schon fast die Knöchel knacken: Bossy Betty gibt Tender Bonnie beim Training in Kriens eins auf die Finger.

Ein Samstagabend Ende August in Bern. Eine Moderatorin verspricht den «heissesten Abend des Sommers». Durch die grosse Halle der Anstadt, des Wagenplatzes auf dem Gaswerkareal, wummern Technobeats. Das ehemalige Feuerwehrgebäude ist bis auf den letzten Platz besetzt. Rund 300 Besucher:innen stehen auf den Rängen, wagen sich aber noch nicht dicht an den Wrestlingring.

Es sind die ersten Minuten des Auftritts des Luzerner Wrestlingkollektivs Brigade Brut. Durch einen Seiteneingang betritt Tender Bonnie die Halle. Sie tänzelt in den Ring. «Möchte noch jemand ein Bier?», fragt sie ins Publikum. Ihr rückenfreies Outfit zeigt ein grosses Tattoo: «Eat the Rich». Ihre Gegnerin, Bossy Betty, mit Flammenbandana und karierter Hose, steht schon rauchend bereit und hat für Tender Bonnies People Pleasing keine Nerven. Sie blafft Bonnie an, schlägt ihr ins Gesicht. Mit verschmiertem Make-up startet diese den Gegenangriff. Die beiden Kämpferinnen setzen Würgegriffe ein, ihre Köpfe knallen gegen die Seile. Das Publikum jubelt und schlägt sich auf Bonnies Seite.

Das Publikum kämpft mit

Einige Tage zuvor am Fuss des Sonnenbergs in Kriens. «Urbanes Wohnen im Grünen mit viel Privatsphäre», wirbt eine Immobilienfirma für eine glänzende Überbauung hier am Südhang. In einer Mehrzweckhalle in einiger Entfernung von der exklusiven Wohngegend steht ein schwarzer Kampfring. Hier probt die Brigade Brut – auch bekannt als «Lovers Fight Club». Ehe das Training beginnt, setzen sich fünf der mehrheitlich weiblichen Mitglieder zum Gespräch zusammen.

Die meisten von ihnen hatten anfangs wenig Ahnung von Wrestling. Manche schauten die Shows nach langen Schichten in der Gastronomie, um sich zu entspannen, andere kamen in den neunziger Jahren als Jugendliche damit in Berührung. «Die schlönd sich ab!», sagten die Eltern der Künstlerin Claudia Berg abschätzig, wenn ihr Bruder die Kämpfe im Fernsehen schaute und sie dabeisass. Fasziniert war sie trotzdem – auch wenn sie Typen wie The Undertaker, eine düstere US-Legende, die jahrelang die Arenen dominierte, schlimm fand. Seit sieben Jahren steht Berg nun selbst im Ring – als Blue Bagheera, eine psychotisch-aggressive Katze.

Wrestling, die inszenierten Kämpfe, bei denen sich zwei Athlet:innen theatralisch die Köpfe einschlagen, will vor allem eins: unterhalten. In der Schweiz eine Randerscheinung, ist der Schaukampf vor allem in den USA dank Übertragungsrechten, Live-Events und Merchandising ein Milliardengeschäft. Die Shows handeln von Manipulation, Fehden und Gewalt, zelebrieren stereotype Rollenbilder, Gut gegen Böse. «Es kommt zwar niemand mehr mit der Iranflagge in den Ring und wird vom All-American-Hero niedergeschlagen», sagt Anaïs Bourgogne, die sich als Bossy Betty durch den Ring kämpft. «Aber Wrestling in den USA bleibt eine Trump-Welt.»

Brigade Brut grenzen sich davon bewusst ab. «Wir nehmen etwas, das dreist und zugänglich ist, wollen aber nichts Schädliches verbreiten», so Bourgogne, die gegen Ende ihres Filmstudiums zur Gruppe stiess. Wer gegen wen kämpft, wird ausgelost; alle schreiben an der Dramaturgie der Matches mit. Eine entscheidende Rolle kommt dabei dem Publikum zu, das jubeln, buhen, protestieren, ja ausflippen soll.

Die Gruppe nutzt die rohe Energie des Rings, um zum Nachdenken anzuregen. Inhalt und Inszenierung hängen vom jeweiligen Aufführungsort ab. So wurden bei einem Auftritt Geschlechterrollen, wie man sie aus Märchen kennt, kritisch überzeichnet – etwa wenn ein übergriffiger Ritter eine bewusstlose Prinzessin küsst. Ein anderes Mal inszenierte die Truppe eine Geschichte um die Kunstfigur Wario Botta – eindeutig erkennbar als Schweizer Architekt Mario Botta.

Kitty Lambrusco und Tender Bonnie beobachten, wie Ölbert Stocki auf die Matte geht
Flugstudie: Kitty Lambrusco und Tender Bonnie beobachten, wie Ölbert Stocki auf die Matte geht.

Vom Lesezirkel zur Prügeltruppe

Begonnen hat alles mit einem feministischen Lesezirkel, dem sowohl die Goldschmiedin Katrin Kunz als auch die Kulturschaffende Anna Matter angehörten. 2018 hatte Matter alias Kitty Lambrusco die Idee, eine eigene Wrestlingtruppe zu gründen, inspiriert von der Netflix-Serie «Glow», die um die erste weibliche Wrestlinggruppe der achtziger Jahre in den USA kreist. «Seither haben wir kein Buch mehr gemeinsam gelesen», sagt Kunz schmunzelnd. «Die meisten von uns haben mit dem Kämpfen angefangen.»

Für die Auftritte entwickelte Kunz zwei Charaktere: Mal mimt sie im Ring die bösartige Messy Medusa, mal das quirlige Pompom. «Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die beiden wahrgenommen werden», sagt sie. Medusa wird vom Publikum beschimpft, Pompom dagegen wird nach der Show geherzt. Dass das Publikum so intensiv auf die Figuren reagiert, kennt auch Saskya Germann. Mit ihrer pöbelnden Figur Lady Roqueforce ist sie keine Sympathieträgerin. «Das Publikum nimmt meine Figur manchmal so ernst, dass es Realität und Fiktion vermischt.» Es komme vor, dass sie auch noch Stunden nach einem Auftritt von Zuschauer:innen beschimpft werde. Germann braucht Lady Roqueforce, um überhaupt in den Ring zu steigen: «Dann überlege ich keine Sekunde, ob etwas peinlich ist – auch wenn die Lady Dinge macht, die ich persönlich grenzwertig finde.»

Brigade Brut versteht sich als Raum zum Ausprobieren, frei vom ständigen Leistungsvergleich. Gelingt das? «Natürlich vergleichen auch wir uns: sportlich, bei den Charakteren, bei der Sichtbarkeit. Das verursacht Reibungen und wird thematisiert», so Kunz. Deshalb finden jährlich eine sogenannte Emositzung und eine Retraite statt. Bei der Sitzung geht es um die Gefühle der Mitglieder gegenüber der Gruppe. Dazu kommen monatliche Check-ins, Gesprächsrunden zum jeweiligen Befinden.

Wie wichtig der Zusammenhalt ist, betont Bertilla Spinas alias Tender Bonnie. Die Konzept- und Performancekünstlerin kämpfte während eines Auslandsemesters manchmal aus Spass mit ihren Mitbewohner:innen. Zurück in Luzern, stiess sie auf Brigade Brut. «Ich hatte oft kurz vor einer Show Bedenken, ob man meine Bühnenfigur richtig lesen kann. Dann bekomme ich Hilfe aus dem Kollektiv, vom Kostümnähen bis zur Choreografie.» Für Spinas ist das der Kern guter Wrestlingkunst: Eine Darbietung ist gelungen, wenn es allen «Bruts» – so nennen sich die Mitglieder selbst – gut geht. Wrestling bietet ihr zudem die Möglichkeit, ihren Körper zu inszenieren: «Ich kann mir die Sexualisierung meines Körpers aneignen. Ich mache das, weil ich es will. Mit einem oft queeren Publikum fühlt sich das gut an.»

Infernalischer Spass

Zurück zum Kampf in Bern. In der Halle der Anstadt läuft «9 to 5» der kürzlich verstorbenen Countrylegende Dolly Parton, ein Mann in Hotpants wischt die Bühne. Ein Match steht bevor, bei dem sich je zwei Wrestler:innen eines Teams im Ring abwechseln. Als Erstes betritt der Care-Taker die Arena – der Name der Figur ist wohl als ironischer Kommentar auf den hyperaggressiven, wenig fürsorglichen Undertaker zu verstehen. Ihm zur Seite steht Kitty Lambrusco im glänzend roten Top. Ihre Gegnerinnen sind Lady Roqueforce und Blue Bagheera. Letztere ist in schwarzes Leder gehüllt, das Gesicht hinter einer Maske verborgen.

Zunächst schickt Lady Roqueforce ihre Raubkatze Blue Bagheera in den Ring. Diese kämpft mit allen Mitteln, kratzt wie wild, springt ihre Gegnerin an. Es macht infernalisch Spass, ihr dabei zuzusehen – besonders wenn man schon einmal den abwertenden Spruch «Du kämpfst wie ein Mädchen» zu hören bekommen hat. Wie deftig ein solcher Kampf sein kann, zeigt sich hier. Das Publikum, grösstenteils aus der alternativen Szene, schreit immer wieder auf.

War die Stimmung zu Beginn noch verhalten, macht sich mit fortschreitendem Match die Lust am Derben breit. Während die Gruppenmitglieder vor und nach den Kämpfen füreinander sorgen, will das Publikum im Ring anscheinend das genaue Gegenteil sehen. Hat es erst noch gebuht, als sich Lady Roqueforce über jede Regel hinwegsetzte, kippt die Stimmung, als der Care-Taker spontan das Mikrofon ergreift und um Mitgefühl fleht. Niemand hört ihm zu. Für einmal kann man sich mächtig fühlen, ohne dabei Schaden anzurichten. Und ohne an die allgemeine Machtlosigkeit draussen denken zu müssen. ●