Durch den Monat mit Nora Bussmann (4) : Nervt Sie der Ruf der Hippieschule?
Schulleiterin Nora Bussmann sorgt sich um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Ein Pyjamatag schaffe aber Abhilfe.
WOZ: Nora Bussmann, Sie setzen an der Zürcher Volksschule Nordstern reformpädagogische Konzepte um, die mitunter für Erstaunen sorgen. Braucht das Mut?
Nora Bussmann: Es braucht viel Kommunikation, um zu erklären, was wir machen. Und es braucht Mut. Man kann auch als einzelne Lehrperson vieles anders organisieren: Als Lehrerin habe ich ausser im Zeugnis zum Beispiel auch keine Noten gegeben. Aber es ist einfacher, wenn man es zusammen macht.
WOZ: Dem Nordstern eilt zuweilen der Ruf einer Hippieschule voraus. Nervt Sie das?
Nora Bussmann: Nein. Als ich das Gymnasium besuchte, unterrichteten dort viele Alt-68er mit reformpädagogischen Konzepten. Viele der heutigen Reformgedanken sind ja uralt. Die Ideen von Maria Montessori etwa sind zum Teil immer noch hochaktuell!
WOZ: Die Idee der Volksschule ist gar über 200 Jahre alt, und jene einer guten Bildung für alle ist seit jeher mit sozialen Kämpfen verbunden: 1871 führte etwa die Pariser Kommune eine allgemeine Schulpflicht und unentgeltlichen Unterricht ein. Warum halten Sie heute die Volksschule für einen der wichtigsten Pfeiler der Gesellschaft?
Nora Bussmann: Es ist der einzige Ort, an dem wir uns alle begegnen. Die Kinder lernen: Was ihnen als normal erscheint, ist in anderen Familien ganz anders. Das zu merken, tut auch den Eltern gut.
WOZ: Die Schule Nordstern hat ein Kinderparlament, das alle zwei Wochen tagt. Welche Ideen bringen die Kinder ein?
Nora Bussmann: Zum Beispiel einen Pyjamatag. Alle kommen im Pyjama zur Schule, ich natürlich auch! Oder die Kinder möchten sich einfacher gegenseitig besuchen können. Wie aber lässt sich das – ohne viel Unruhe – umsetzen? Das besprechen wir gerade mit den Kindern. Ich versuche, mit Fragen aus ihnen herauszukitzeln, was sie sich dazu überlegt haben, welche Argumente sie haben. Das ist total spannend.
WOZ: Zweimal im Jahr versammelt sich ausserdem die ganze Schule …
Nora Bussmann: … zu einer Vollversammlung in der Turnhalle. Die Kinder, die im Parlament sitzen, leiten die Versammlung und stellen das Programm zusammen, sie berichten von den Ergebnissen aus dem Kinderparlament, und es gibt verschiedene Aufführungen. Das sind Hühnerhautmomente, die bleiben in Erinnerung. Es ist supersuperschön, jedes Mal. Alle sind ganz ruhig, hören zu – und wie stolz die Kinder des Parlaments sind, wenn sie vor 500 Kindern und Erwachsenen moderieren! Sie machen das grandios.
WOZ: Seit der Coronapandemie haben psychische Probleme unter Kindern und Jugendlichen enorm zugenommen. Wie erleben Sie das?
Nora Bussmann: Das finde ich sehr beängstigend. Auch die Rolle der Digitalisierung: Fast alle Primarschüler:innen haben ein eigenes Handy, verbringen nach der Schule teilweise Stunden damit. Es sind oft die privilegierten Kinder, deren Eltern Bildschirmzeiten durchsetzen können, die sich also eher auch mit anderen Inhalten auseinandersetzen. Aber was ist mit den Kindern, deren Eltern diese Energie schlichtweg fehlt? Die froh sind, wenn ihre Kinder beschäftigt sind? Ich befürchte eine noch grössere Bildungsschere und eine enorme Benachteiligung vieler Kinder. Auch deshalb sind Selbstwirksamkeitserfahrungen wichtig, um gegenzusteuern.
WOZ: Was meinen Sie damit?
Nora Bussmann: Es ist wichtig, dass ein Kind merkt: Wegen mir – weil ich mitgeholfen habe – ist etwas gelungen. Selbstwirksamkeit baut Ich-Stärke und Selbstbewusstsein auf. Heutzutage nimmt man Kindern vieles ab, weil es schwierig oder anstrengend sein könnte. Aber damit nimmt man ihnen auch die Erfahrung, sich gebraucht zu fühlen. Diese wollen wir den Kindern an der Schule vermitteln. Im Kinderparlament lernen sie: Ich kann den Tagesschulalltag und die Regeln des Zusammenlebens mitgestalten.
WOZ: Mit dem Lernformat «Frei Day» der deutschen Bildungsinnovatorin Margret Rasfeld entwickeln die Kinder zu wöchentlich eingeplanten Zeiten eigene Projekte – entlang der siebzehn Nachhaltigkeitsziele der Uno.
Nora Bussmann: Die Kinder lieben diesen Morgen. Sie starten oft mit einem Lied und einer Runde, in der sie sich gegenseitig Komplimente machen. Anschliessend haben sie Zeit für ihre Projekte. Bei der letzten Vollversammlung berichtete etwa ein Viertklässler, wie er versuchte, einen Windgenerator zu bauen. Die Kinder wachsen da über sich hinaus. «Frei Day» verweist auf die Klimabewegung Fridays for Future: Es stimme nicht, sagt Rasfeld, dass die Jungen sich nicht mehr engagierten, man müsse sie einfach bei ihren Themen abholen. Und das beginnt im Kleinen: Wofür möchte ich mich einsetzen – in meinem Umfeld, meiner Schule, meinem Quartier?
WOZ: Was für eine Schule braucht das gute Leben für alle?
Nora Bussmann: Eine gute Schule bietet abwechslungsreiche Lernerfahrungen – im kreativen, handwerklichen und kognitiven Bereich. Und sie bietet Freiheit, damit die Kinder ihr Potenzial entfalten können. Das Ziel ist, dass aus Kindern zufriedene, selbstbewusste Erwachsene werden, die ihr Leben selbst bestreiten können – mit einer Tätigkeit, die ihnen hoffentlich Freude bereitet. Wir brauchen keine Roböterchen, sondern Leute mit starkem Ich und gleichzeitig einem sozialen Bewusstsein. Das ist mein humanistisches Bildungsideal. ●
Die Historikerin Nora Bussmann (51) leitet seit 2024 die Schule Nordstern in Zürich Seebach. Ihre freie Zeit verbringt sie mit Joggen im Wald, Wandern im Glarnerland sowie mit ihrer Familie.