Emissionsreduktion : «Methan ist so was wie der Trumpfbauer beim Jassen»

Nr. 39 –

Die Erderhitzung lässt sich kaum in den Griff bekommen, wenn der Atmosphäre nicht rasch und viel CO₂ entzogen wird. Der Klimaforscher Reto Knutti präsentiert dafür einen überraschenden Katalysator.

Portraitfoto von Reto Knutti
Engagierte Expertenstimme: Reto Knutti (53) hat als Teil einer Forschungsgruppe jüngst mit neuen Klimaszenarien die Basis für den nächsten Bericht des Weltklimarats gelegt. Manuel Rickenbacher

WOZ: Reto Knutti, mit dem Pariser Klimaabkommen haben sich die Staaten darauf verständigt, alles zu unternehmen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Ein eben veröffentlichter Bericht der Uno zeigt: Das wird nicht gelingen, wir werden diese Grenze noch vor 2030 überschreiten. Was bedeutet das?

Reto Knutti: Also zuallererst ist das nicht neu: Die Wissenschaft prognostiziert schon seit Jahren, dass dieses ambitionierte Klimaziel aufgrund von ungenügenden Massnahmen zur Emissionsreduktion verfehlt wird. Das bedeutet aber auch noch nicht den Weltuntergang: Der Klimawandel ist keine Klippe, über die man springt. Er entspricht eher einer Geröllhalde, die immer steiler wird, und je schneller man rutscht, umso mehr tut es weh. Und um das zu verhindern, zählt jede Tonne CO₂, die weniger ausgestossen wird. Konkret bedeutet das Überschreiten der Grenze also erst einmal, dass die Szenarien, die wir seit Jahrzehnten vorhergesagt haben, jetzt eintreffen: Hitze, Trockenheit, Starkniederschläge, wie wir es in diesem Sommer erlebt haben. Und das wird so lange weitergehen, bis wir aufhören, fossile Energieträger zu verbrennen.

WOZ: Die Uno sagt, salopp formuliert: Alles nicht so schlimm, solange wir am Ziel von Netto-null-Emissionen festhalten. Wir müssen jetzt einfach den «Overshoot», also das Hinausschiessen über die 1,5-Grad-Erwärmung, begrenzen und möglichst rasch auf einen verstärkten Absenkungspfad einschwenken, damit wir im Jahr 2100 wieder auf Kurs sind. Wie soll das funktionieren?

Reto Knutti: Vom Konzept her stimmt das – aber in der Praxis stellen sich Fragen: In was für einem Massstab müsste das geschehen, und ist das technisch überhaupt möglich? Wer bezahlt das? Und wie lange dauert es? Denn eins ist klar: Bereits um auf netto null zu kommen, müssen wir CO₂ aus der Atmosphäre entfernen, weil sich gewisse Emissionen, etwa aus Dünger in der Landwirtschaft, kaum vermeiden lassen. Und auch wenn wir von einem optimistischen Szenario ausgehen, in dem der Overshoot die Grenze von 1,8 Grad nicht übersteigen würde, sind die für die Einhaltung einer solchen Obergrenze nötigen Negativemissionen gewaltig: Bis in ein paar Jahrzehnten müssten dafür bis zu 20 Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr aus der Atmosphäre entfernt werden. Und selbst dann wären wir bis ins Jahr 2100, wahrscheinlich noch weit darüber hinaus, im Overshoot.

WOZ: Und das bedeutet?

Reto Knutti: Es wird für mehrere Generationen sehr unangenehm werden – das Extremwetter fordert Opfer, wir verlieren weiter an Biodiversität –, diese Overshoot-Idee ist kein Quick Fix. Und sie ist auch ein bisschen irreführend, weil die schönen Kurven in der Zusammenfassung der Uno, die veranschaulichen, wie es etwas hoch- und dann wieder runtergeht, keine Zeitachse haben. Die Menschen erfahren so nicht, wie lange dieses Hinausschiessen über die 1,5-Grad-Grenze dauert. Und noch weit gravierender ist die symmetrische Darstellung der Kurve in anderen Berichten, denn die suggeriert, dass man gleich schnell wieder runterkann. Das bedeutet, dass man später jedes Jahr gleich viel CO₂ aus der Atmosphäre entfernen muss, wie man heute ausstösst.

WOZ: Und das ist nicht realistisch?

Reto Knutti: Aktuell emittieren wir um die 40 Milliarden Tonnen, fangen aber nur 2,2 Milliarden Tonnen wieder ein, und zwar zu fast hundert Prozent mittels Wiederaufforstung und anderer Verbesserungen im Ökosystem. Mittels technischer Massnahmen lassen sich nur gerade 2 Millionen Tonnen rausfischen. Die Diskrepanz ist absurd hoch – wie sollen wir es schaffen, 40 Milliarden Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre zu entfernen?

WOZ: So viele Bäume können wir auf der Erde gar nicht pflanzen …

Reto Knutti: Nein, und die Aufforstung ist auch zu wenig dauerhaft. Deshalb kommen wir nicht darum herum, auf technologische Lösungen zu setzen und diese so rasch als möglich zu skalieren. Denn bis wir eine neue Technologie wie etwa Direct Air Capture, also das Einfangen und Verpressen von CO₂ im Boden, im grossen Massstab einsetzen können, braucht es zwanzig bis dreissig Jahre. Da müssen Anlagen gebaut, Löcher gebohrt, Leitungen verlegt werden. Die Technik funktioniert, sie ist sicher, doch sie ist anspruchsvoll – und teuer. Aber es ist absolut zwingend, dass jetzt darin investiert wird. Lagerstätten gibt es genug.

WOZ: Eine Studie von 2025 kommt zum umgekehrten Schluss: Es gibt zu wenig zugänglichen Speicherplatz für die sichere Verpressung von CO₂ – um mehr als 0,7 Grad liesse sich die Erderwärmung damit nicht reduzieren.

Reto Knutti: Die Studie ist umstritten, für mich ist das noch nicht die finale Antwort. Die Geschichte zeigt immer wieder, dass die «Grenzen des Wachstums» sich verschieben können: «Peak Oil» ist immer noch nicht eingetreten; je mehr man sucht, desto mehr findet man. Und ich vermute, das ist auch im Fall des Speicherplatzes für CO₂ so.

WOZ: Ein limitierender Faktor ist also die Zeit: Wie gross ist das Zeitfenster, das uns bleibt, um den Overshoot überhaupt noch rückgängig zu machen?

Reto Knutti: Wir denken intuitiv, dass das Problem weggehen sollte, wenn wir etwas tun, so wie bei der Luftverschmutzung, der Wasserqualität oder wenn bei Covid alle daheim bleiben. Das CO₂-Problem ist anders: Die Erwärmung stoppt nicht bei null Emissionen, sondern erst, wenn wir alle historischen Emissionen wieder entfernt haben. Das muss das Ziel sein, aber die Zeitskalen des Erdsystems sind langsam, und die Skalierung der Technologie dauert lange. Ein Projekt über viele Generationen. 2 Grad sind im Moment also wahrscheinlicher als 1,5 Grad, und für die Anpassungsmassnahmen empfehlen wir, sogar mit einer Erderwärmung von 3 Grad zu rechnen.

WOZ: Bereitet das alles nicht den Boden für hochumstrittene und gefährliche Eingriffe ins globale Klimasystem? Etwa das solare Geoengineering, bei dem Flugzeuge Aerosole in der Stratosphäre ausbringen, die das Sonnenlicht reflektieren und so die Erdoberfläche kühlen sollen.

Reto Knutti: Diese Gefahr besteht. In der Wissenschaft ist man sich weitgehend einig, dass solares Geoengineering eine schlechte Idee ist. Risiken und Nebenwirkungen wie etwa drastische Veränderungen im Wasserkreislauf sind schlecht verstanden und kaum kontrollierbar. Es ist ein Eingriff, der permanent fortgeführt werden müsste, weil er nur das Symptom der Erwärmung bekämpft, aber nicht die Ursache des steigenden CO₂-Gehalts in der Atmosphäre. Und was in der Diskussion oft vergessen geht, ist das Problem der Governance: Wir werden uns kaum je darauf einigen können, wo und in welchem Ausmass diese Technik zum Einsatz kommen soll, weil nur einige davon profitieren, während es anderen schadet. Und wir müssen uns bewusst sein, dass jedes Land solares Geoengineering einsetzen kann: Es ist technisch nicht kompliziert, und es ist billig. Wir müssen damit rechnen, dass es ein Land wie China irgendwann einfach macht.

WOZ: Sie und Ihr Team haben eben eine Studie publiziert, die einen bislang vernachlässigten Hebel zur Reduktion von Treibhausgasemissionen vorschlägt: Methan. Was kann es leisten?

Reto Knutti: Methan ist nebst CO₂ das zweitwichtigste Treibhausgas. Es wird primär in der Landwirtschaft emittiert, in der Rinderzucht und im Reisanbau. Ein einzelnes Methanmolekül wirkt zwar viel stärker erhitzend als ein CO₂-Molekül. Anders als CO₂ baut sich Methan aber in der Stratosphäre rasch, in rund elf Jahren, wieder ab. Und das bedeutet: Wenn wir bei der Reduktion von Methan ansetzen, haben wir innert kurzer Zeit einen grossen Nutzen. Normalerweise werden in Klimamodellen sämtliche Treibhausgasemissionen als CO₂-Äquivalente zusammengefasst, und da muss man implizit einen Zeitraum wählen, in dem man die Wirkung der beiden Gase vergleicht. Wir haben das auseinanderdividiert und CO₂ und Methan getrennt betrachtet, um sie in ihrem Wirkungspotenzial gegeneinander abzuwägen.

WOZ: Sie argumentieren, dass Methan eine Art Zünglein an der Waage spielen könnte, wenn es darum geht, den Overshoot zu minimieren und rascher auf einen Absenkpfad zu kommen.

Reto Knutti: Genau, Methan ist so was wie der Trumpfbauer beim Jassen: Man kann ihn einmal ausspielen und hat schnell einen grossen Nutzen. Je rascher man ihn einsetzt, desto effektiver lässt sich der Overshoot begrenzen. Umgekehrt gilt, dass sich tiefe Temperaturziele bei der Erderwärmung, also unter 2 Grad zu bleiben, ohne die Reduktion von Methan gar nicht erreichen lassen. Deshalb ist es so wichtig, hier auch anzusetzen.

WOZ: Konkret rechnen Sie vor, dass es ausreichen würde, die Methanemissionen um ein Drittel zu reduzieren, und dass dies darüber hinaus noch praktisch gratis wäre – ein veritabler Klimahack also?

Reto Knutti: Methanemissionen muss man nicht zwingend auf null runterbringen, weil Methan eine relativ kurze Lebensdauer hat und sich deshalb anders als CO₂ nicht in der Atmosphäre akkumuliert. Und gewisse Massnahmen zur Emissionsreduktion kosten wenig, ein Beispiel ist der Reisanbau: Wenn man ihn statt im stehenden Wasser mittels Tropfenbewässerung anbaut, ist das unter Umständen sogar vorteilhaft. Ähnlich in der Tierhaltung: Gewisse Rinderrassen stossen weniger Methan aus, mit Futterzusätzen lässt sich das weiter verringern, beides ist nicht mit viel höheren Kosten verbunden. Ein weiterer Punkt, an dem anzusetzen wäre, ist das Problem von Methanlecks bei der Gewinnung von Erdgas oder beim Fracking. Dichtet man die Leitungen dort besser ab, lässt sich sogar Geld sparen.

WOZ: Nach der extremen Hitze und Trockenheit dieses Sommers reden alle von Anpassungsmassnahmen. Das ist doch bloss Symptombekämpfung.

Reto Knutti: Natürlich ist es das – und trotzdem muss man es zu einem gewissen Grad machen. Aber es kann nicht das Einzige sein. Denn die Anpassung hat Grenzen. Gerade der vergangene Sommer sollte uns gezeigt haben, wie stark die Schweiz von der Klimaerhitzung betroffen und wie verwundbar sie ist. Das sollte auch jenen klar werden, die sich bisher mit wissenschaftlichen Argumenten nicht zum Handeln bewegen liessen: Für die Schweiz ist es ein Vorteil, wenn sie auf erneuerbare Energien setzt, auf den eigenen Innovationsstandort, statt Milliarden ins Ausland zu senden für Öl und Gas, das zudem von sehr zweifelhaften Geschäftspartnern kommt. Energie- und Klimapolitik kann auch Wirtschaftspolitik sein, Standortförderung, Versorgungssicherheit. Das ist eine rein egoistische strategische Argumentation – die auch in Mitte-FDP-Kreisen verstanden werden sollte. ●