Fernsehen : Riesenarsch im Faktencheck
Im Dezember gehen bei Jan Böhmermanns «ZDF Magazin Royale» die Lichter aus. Warum bloss?
Schluss mit lustig für Jan Böhmermann, zumindest vorerst: Mitte Dezember zeigt das ZDF zum letzten Mal den Satiriker mit seinem «Magazin Royale». Wie der Sender mitteilte, befinde man sich «aktuell in guten Gesprächen» mit Böhmermann «zu einem möglichen neuen Show-Konzept». Dieser wiederum wird mit den Worten zitiert, dass er «noch mal eine andere Sendung machen» wolle. Der Verdacht allerdings, dass das Aus für die Show Resultat weniger harmonischer interner Vorgänge beim ZDF sein könnte, ist nicht aus der Luft gegriffen.
Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass Böhmermann die wohl grösste Reizfigur ist, die die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland je hervorgebracht haben. Immer wieder sorgte er mit satirischen Aktionen für Wirbel, wobei vor allem ein zehn Jahre zurückliegender Fall heraussticht: Damals beleidigte Böhmermann den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan mit einem wüsten Schmähgedicht, um dem autoritären Staatschef gewissermassen auf die harte Tour die Grenze zwischen legitimer und illegitimer Kritik zu verdeutlichen. Die türkische Regierung erstattete Anzeige, auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel schaltete sich ein, wodurch das Ganze zur Staatsaffäre wurde.
Post vom Medienanwalt
Mit Stunts wie diesem avancierte «Böhmi» zur linksliberalen Galionsfigur – und zum Hassobjekt der Rechten. Wie gross unter Letzteren die Verachtung für den Satiriker ist, zeigt ein aktueller Kommentar im Springer-Blatt «Welt»: Böhmermann wird darin als Spassmacher «für Leute mit abgebrochenem Politikstudium» abgekanzelt, der sein Metier zugunsten eines «reinen Vernichtungsaktivismus» (!) verraten habe. Etwas gemässigter liest sich die Einschätzung der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», derzufolge Böhmermanns Sendung nie wirklich Satire, sondern «eine pseudojournalistische Treibjagd» gewesen sei.
Laut demselben Blatt darf man sich auch nicht von der konziliant klingenden ZDF-Mitteilung täuschen lassen: Intern «brenne» beim Sender «die Hütte». So sollte mit der Böhmermann-Show schon 2025 Schluss sein, doch damals habe die ZDF-Spitze noch nicht gewagt, den Komiker, «der eine linke und laute Blase hinter sich weiss», zu schassen. Nun aber könnte eine Nummer über den Medienanwalt Christian Schertz das Fass zum Überlaufen gebracht haben: Darin war dieser von einem kleinwüchsigen Schauspieler parodiert worden. Schertz wandte sich deswegen mit einem Beschwerdebrief an den ZDF-Intendanten Norbert Himmler.
Dass in dem Witz tatsächlich «über das körperliche Merkmal eines Menschen Komik und Verachtung» erzeugt werden sollten, wie der Anwalt unter anderem beanstandet, ist zweifelhaft. Schertz jedenfalls bat den ZDF-Chef um eine Antwort binnen vierzehn Tagen. Zum Ablauf dieser Frist wurde nun das Ende der Sendung verkündet: naheliegend, hier einen Zusammenhang zu unterstellen.
Andererseits aber könnte es sein, dass Jan Böhmermann tatsächlich selbst nicht mehr so recht an seine Show glaubte. Diese war zunächst auf dem Spartenkanal ZDF Neo gestartet, mit dem Wechsel ins Hauptprogramm 2020 profilierte sich das «Magazin Royale» stärker als investigatives Format nach dem US-Vorbild von John Oliver. Vor allem anfangs gelang das gut, dann aber gab es handwerkliche Fehler, teilweise zähe juristische Auseinandersetzungen folgten.
Böhmi und der Blauwal
Auch wirkte der pädagogische Ansatz mitunter anachronistisch: Nicht zu Unrecht urteilte die «Zeit», dass der Geist der Show «aus jener kurzen Phase» rührte, «als man hoffte, dass ein bisschen Faktencheck als Schutzzauber schon seine Wirkung entfalten würde gegen die Feinde der Aufklärung». Wie trügerisch diese Hoffnung ist, belegen die jüngsten Wahlergebnisse in Deutschland.
Dennoch blieb das «ZDF Magazin Royale» sehenswert, vor allem weil Böhmermann immer wieder Lust zur Selbstironie zeigte. In einer der neusten Folgen liess er etwa den Clip einer Wutbürgerin einspielen, die auf einer rechten Kundgebung schimpfte: «Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der Anus eines Blauwals etwa einen Meter gross ist und somit das zweitgrösste Arschloch der Welt gleich hinter Böhmermann.»
Der geschmähte Showmaster bedankte sich zunächst für die «konstruktive Kritik». Dann machte er sich anhand eines «echten» Blauwalafters, den sein Team an der Ostsee gefunden habe, und eines Zollstocks an den Faktencheck. Ergebnis: «Es stimmt tatsächlich: Ich, Jan Böhmermann, bin das grösste Arschloch der Welt.» Und zudem noch immer ein ziemlich lustiges. ●