Geopolitisches Wettrüsten : Rennen wollen nur die USA

Nr. 39 –

Demokratie und Autorität liefern sich einen Wettlauf um die KI-Vormacht, so lautet die gängige Erzählung. Aber stimmt sie auch?

In einer Zeit sich überschlagender Nachrichten und Neuigkeiten, in diesem Fall die Entwicklung von KI und die möglicherweise damit verbundenen existenziellen Risiken betreffend, wäre es gut und wünschenswert, wenn es den Raum gäbe, gesellschaftlich, politisch, demokratisch zu debattieren und zu entscheiden: Wollen wir das?

Aber diesen Raum gibt es nicht, und das hängt auch mit der mehrfach forcierten Dynamik zusammen, die die Entwicklung von KI antreibt – vor allem in den USA, wo die sogenannten Frontier Labs, also die grossen KI-Unternehmen wie Open AI und Anthropic, tonangebend sind.

Sie befinden sich ganz offensichtlich in einem Wettrennen miteinander, das ist die Dynamik des Marktes. Sie befinden sich aber auch gemeinsam in einem Wettrennen oder sogar Wettrüsten mit China. Das ist die geopolitische Dynamik, die an den Kalten Krieg zwischen 1945 und 1989 erinnert, als die USA und die Sowjetunion die Aufrüstung so lange eskalierten, bis eine der beiden Seiten, die Sowjetunion und der gesamte kommunistische Block, auseinanderbrach.

Geht das nun wieder so? Donald Trump jedenfalls sieht die Frage von Technologie in den USA vor allem unter diesem Aspekt: dem der Systemkonkurrenz, der Dominanz der einen Macht über die andere. «Whoever wins AI wins», sagte er nur wenige Tage vor dem Treffen mit Chinas Präsident Xi Jinping am 24. September in Washington. KI, diese komplexe, möglicherweise revolutionäre Technologie, wird damit reduziert auf die Logik des Wettrennens, die Logik des Gewinnens, die Logik, nicht anzuhalten, sich nicht umzuschauen, nicht nachzudenken.

Auf Ruinen gebautes Denken

Und auch Dario Amodei, Chef der KI-Firma Anthropic, die das leistungsstarke und in vielen Bereichen führende Sprachmodell Claude entwickelt, denkt ähnlich, auch wenn Trump mit seinen Bemerkungen Amodei direkt widersprach, der dazu aufgerufen hatte, die Entwicklung von KI zu verlangsamen. Allerdings nur zu einem gewissen Grad, denn: «Wie stark die Demokratien das Tempo drosseln können, wird durch den Vorsprung begrenzt, den US-Unternehmen vor autoritären Regimes haben, in erster Linie vor der Kommunistischen Partei Chinas», schrieb Amodei Mitte September in seinem Text «We Must Pace the Frontier», einem Schlüsseldokument, um die gegenwärtigen Widersprüche der KI-Debatte zu verstehen.

Bereits im Januar hatte der vielschreibende Amodei – auch eine Besonderheit dieser technologisch-politischen Phase, der philosophierende CEO – auf den «autoritären Albtraum» hingewiesen: «Demokratien haben ein legitimes Interesse an manchen KI-gestützten militärischen und geopolitischen Instrumenten, weil demokratische Regierungen die beste Aussicht bieten, dem Einsatz dieser Instrumente durch Autokratien etwas entgegenzusetzen», schrieb er in seinem Text «The Adolescence of Technology». Es gehe darum, Demokratien mit dem auszustatten, was sie bräuchten, um Autokratien im Zeitalter der KI zu besiegen. «Ich glaube schlicht nicht, dass es einen anderen Weg gibt.»

Aber ist das so? Die Wortwahl, die Hektik, die postulierte Ausweglosigkeit erinnert stark an eine andere Zeit und Epoche: an die Spätphase des ersten Kalten Krieges in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren. Damals wurde die Politik der Alternativlosigkeit geprägt von der britischen Premierministerin Margaret Thatcher und ihrem Tina-Prinzip – «There is no alternative» – und dem US-amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan. Die Alternativlosigkeit bezog sich auf das kapitalistische System, auf Massnahmen wie Steuersenkungen und Sparzwänge, die zum Systemerhalt, so die Logik, notwendig waren.

Das Ergebnis dieser Politik war das Ende des sozialdemokratischen Projekts, also des Ausgleichs von Kapital und Arbeit, und einer einigermassen gerechten Gesellschaft. Das Ergebnis war auch eine zunehmende Spaltung, die bis heute reicht und sich in der Unterstützung vor allem rechtsextremer Parteien zeigt. Die Prämissen heute sind andere – aber auf diesen Ruinen sowohl des Denkens wie des Handelns baut ein Umgang mit Technologie, der den eigenen Weg als den einzigen sieht und die Macht vor allem bei den Märkten und den Unternehmen verortet.

Demokratisch ist das nicht. Und so schob Amodei, der bei all den Schurken in diesem Feld – von Elon Musk und Peter Thiel über Trumps «KI-Zar» David Sachs bis zum Investor und Technodarwinisten Marc Andreessen – keine direkte Schurkenrolle einnimmt und eher durch seine taktisch motivierte Ambivalenz fasziniert, seiner Warnung vor der autokratischen KI noch diesen Gedanken hinterher: «Wir dürfen nicht übersehen, dass auch demokratische Regierungen selbst diese Technologien missbrauchen können.»

Die Angst vor der Strafe der Märkte

Was die grundsätzliche Frage aufwirft: Warum sind wir, also die Welt, die sich mit diesem Wettrüsten konfrontiert sieht, überhaupt in dieser Situation? Wie kommt es, dass sich hier ein Systemgegensatz aufbaut, der angesichts der extrem autoritären Entwicklungen der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump immer schwerer zu erkennen ist – und der sich vor allem ökonomisch und technologisch zeigt und erst in zweiter Linie militärisch und geopolitisch? Oder anders gefragt: Von welcher KI ist hier die Rede, und was sagt dieses Wettrennen zwischen den USA und China aus über die KI, die wir haben, die wir bekommen – und die wir vielleicht gar nicht wollen?

Im Wesentlichen beruht die Behauptung, dass es überhaupt einen Systemkonflikt gibt, der über KI ausgetragen wird, auf der Annahme, dass KI in naher Zukunft den Status einer «artificial general intelligence» (AGI), also einer Art Superintelligenz erreicht. Wer immer diese besitzt, so die Logik, der wird ökonomisch und vor allem militärisch die Welt dominieren.

Das Problem dabei: Es ist nicht klar, ob die Entwicklung der KI, wie sie Anthropic, Open AI (Chat GPT) und die anderen US-amerikanischen Techgiganten vorantreiben, wirklich je zu einer Form von Superintelligenz führen wird. Es ist genauso wenig klar, ob die Menschen diese Superintelligenz wollen. Und es ist nicht klar, ob die gigantischen Investitionen, die notwendig sind, um die Datencenter zu bauen, die für die Rechenleistung gebraucht werden, die die aktuelle KI-Entwicklung antreiben, sich jemals rentieren werden.

Mit anderen Worten: Die Logik hinter den dämonischen Worten, die vom Ende der Menschheit handeln, ist tatsächlich eine Logik der Angst vor der Strafe der Märkte. Denn die aktuelle Entwicklung dieser Form von KI wird genauso angetrieben von den Billionen US-Dollars, die die Techgiganten verdampfen lassen, wie sie abhängig ist von den Renditeerwartungen und der Rückzahlung der Kredite, mit denen diese technologische Revolution vorangetrieben wird. Die Gefahr dabei: Die Blase aus Spekulation und Investitionen, die sich hier längst gebildet hat, könnte bald platzen und die USA und die mit ihr verbundenen Volkswirtschaften, womöglich weite Teile der Welt, mit sich in den Abgrund reissen.

Die manisch-chiliastische Warnung also vor dem Ende der Menschheit einerseits und der autoritären Machtübernahme Chinas durch KI andererseits hat sehr reale materielle Grundlagen – die aber in der Diskussion genauso ausgeblendet werden wie die Frage, ob die KI, von der hier die Rede ist, überhaupt die KI ist, die in Zukunft relevant oder die demokratisch nachhaltig ist. Oder anders formuliert: Wenn KI ein Produkt wäre für viele und nicht ein Projekt für wenige, gäbe es dann überhaupt den wahnwitzigen Wettlauf im Stil von Stanley Kubricks Filmfigur Dr. Strangelove, der lernte, die Atombombe zu lieben?

Die Fabrik als Innovation

Der Blick nach China zeigt jedenfalls, dass das kommunistisch-kapitalistische Land, wenn überhaupt, ein anderes Rennen läuft. Hier geht es weniger um die Frage nach einer möglichen Superintelligenz und den damit verbundenen Investitionsrisiken – es geht sehr viel mehr um die konkrete Anwendung von KI in allen Bereichen der Gesellschaft, um die Entwicklung neuer Produkte, auch im militärischen Bereich. Es gibt also eine reale Konkurrenz, die sich aber eher auf der Ebene der Anwendung ereignet als auf der Ebene der Auslöschung, wie es letztlich auch die Atemlosigkeit eines Dario Amodei suggeriert.

Während also die USA ein Rennen konstruieren, das China gar nicht mitläuft, zeigt sich auch, wie unterschiedlich die Vorstellung davon ist, was Technologie überhaupt ist. In den USA und im Westen generell ist Technologie etwas, das von grossen Männern entworfen wird, weil sie es können, weil sie einem Drang folgen, weil das in der Technologie selbst angelegt ist. In China dagegen, so beschreibt es etwa der Philosoph Yuk Hui in seinem wegweisenden Buch «The Question Concerning Technology in China», ist Technologie etwas, das erst einmal eingebettet ist in ein Verständnis darüber, was eine Gesellschaft will und braucht.

Gestützt auf die Technikphilosophie vor allem von Martin Heidegger, beschreibt Yuk Hui, dass sich in China die Technologie als «Qi» in die überwölbende Ordnung, das «Dao», integriert. Es gibt im Chinesischen, anders als in der westlichen Mythologie, keinen Prometheus, der den Göttern das Feuer stiehlt, keinen Aufstand der Menschen gegen die Ordnung, keine Tragödie – und auch keine Vorstellung eines Weltuntergangs durch Technologie.

Was es gibt, ist eine Vorstellung von gesellschaftlicher Transformation oder Revolution durch Technologie, wie es Dan Wang in seinem Buch «Breakneck. China’s Quest to Engineer the Future» beschreibt: von einem «Ingenieursstaat», der gesellschaftliche Fragen wie eine Rechenaufgabe behandelt und dessen Führung, die in den vergangenen vierzig Jahren zu grossen Teilen aus Ingenieuren bestand, im jeweils nächsten Grossprojekt die Lösung für das jeweilige Problem sieht. Technologie besteht für Wang aus drei Dingen: aus Werkzeugen, aus Anleitungen wie Patenten und Bauplänen und, am wichtigsten, aus Prozesswissen, also allem, was sich nicht aufschreiben lässt.

Dieses Wissen hat China in den Fabriken erworben, in denen Hunderttausende Arbeiter:innen die iPhones und MacBooks des Westens gebaut haben, und es danach für Huawei, für Drohnen und für Batterien verwendet. «In China ist die Fabrik die Innovation», sagt Wang, während sich die USA zu sehr auf den Moment der Erfindung, auf Werkzeuge und Baupläne konzentrierten. Technik gilt in dieser Sicht als Handwerk, das nur erhalten bleibt, wenn es ständig ausgeübt wird.

Wang idealisiert China nicht, im Gegenteil. Er ist als Reporter und als reflektierender Beobachter vor Ort. Dieses Wissen aber über «die andere Seite» nimmt der Debatte über KI ihre manichäische Dimension. Es geht nicht um Gut und Böse, wie es der amerikanische Diskurs von Amodei bis Trump deutet. Es gibt Macht und Interessen. Und die mentalen Voraussetzungen für materielle Mechanismen. «Es gibt keinen Wettlauf», so lautet Wangs Fazit; zu gewinnen sei die Zukunft.

Für Europa, das in der Frage der Rechenleistung genauso abgeschlagen ist wie in der Frage der Anwendung von KI, ist die Herausforderung damit eigentlich klar: Es ginge darum, einen dritten Weg zu definieren, für eine demokratische KI, eine nachhaltige KI, eine sozial wirksame KI, die anders gestaltet ist als die radikalkapitalistische Variante des Silicon Valley und die autoritär angelegte chinesische KI.

Es ist ein demokratischer Design-Space, der sich hier eröffnet. Es liegt an uns, diesen Raum zu vermessen. ●