Leser:innenbriefe
Nicht mehr dazu zu sagen?
«Wahlkampf in São Paulo: Eine ganz eigene Logik», WOZ Nr. 37/26
Im grössten und bevölkerungsreichsten Land Lateinamerikas wird bald gewählt. Brasilien ist eines der wenigen Länder in Lateinamerika mit progressiver Regierung. Anscheinend hat die WOZ nicht mehr dazu zu sagen, als die verschrobenen Weltsichten von Teilnehmern (Frauen kommen nur als Statistinnen vor) an einer rechtsextrem-nationalistischen Demo wiederzugeben.
Kein Wort zur Politik der Regierung Lula, die als eine der wenigen weltweit dem trumpschen Delirium relativ erfolgreich die Stirn geboten hat. Kein Wort dazu, dass dank Regierungsprogrammen wie schon während der ersten Amtszeiten von Lula erneut Millionen die Armut überwunden haben (und keine Analyse der Tatsache, dass sich dies nicht im Wahlverhalten spiegelt). Nichts zur Drogentransitzunahme und zur steigenden Kriminalität (und Polizeigewalt gegen Arme, vor allem junge schwarze Männer) als Nebenprodukt der Drogenpolitik aus dem Norden. Auch nichts dazu, dass Lula mit Rechts paktieren muss, um Wahlen gewinnen zu können.
Schade um eine der wenigen WOZ-Auslandsseiten.
Beat Schmid, Caslano
Wer sind die «Mitbewohner»?
«Leitartikel: Wie weiter diesseits der Brandmauer?», WOZ Nr. 37/26
Die Autorin beendet ihren Leitartikel mit einem Satz von Georg Seesslen: «Was zum Teufel soll eine Brandmauer, wenn man zugleich die Brandstifter als Mitbewohner akzeptiert?» Diese Frage ernsthaft zu stellen und strategisch neu zu beantworten, sei die linke Herausforderung der kommenden Monate. Dann sollte man die Frage allerdings auch zu Ende denken.
Wer sind die «Brandstifter»? Im Kontext des Artikels liegt es nahe, darunter das gesellschaftliche Milieu zu verstehen, das den politischen Aufstieg der AfD trägt. Wer aber sind dann die «Mitbewohner»? Eine Partei ist keine Mitbewohnerin. Mitbewohner sind Menschen. Wenn also die «Brandstifter» nicht länger als «Mitbewohner» akzeptiert werden sollen, stellt sich eine einfache, aber unbequeme Frage: Was soll mit diesen Mitbewohnern geschehen?
Gerade darin liegt das Problem dieser Metapher. Eine Brandmauer trennt, ein Brandstifter legt Feuer, und einen Brandstifter, den man nicht länger als Mitbewohner akzeptiert, entfernt man aus dem Haus. So bekommt dieses Bild eine höchst problematische Bedeutung.
Ich unterstelle der Autorin ausdrücklich nicht, dass sie die «Entfernung» von AfD-Wähler:innen fordert. Aber gerade deshalb wäre zu erklären, was die von ihr zustimmend zitierte Formulierung konkret bedeuten soll. Politische Auseinandersetzung? Gesellschaftliche Ächtung? Ausschluss aus dem demokratischen Diskurs? Oder etwas anderes?
Demokratie muss aushalten, dass Menschen politische Entscheidungen treffen, die anderen unerträglich erscheinen. Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht gerade umgekehrt: Wie verhindert man den Brand, ohne einen Teil der Bewohner aus dem gemeinsamen Haus hinauszudenken?
Simon Kuert, per E-Mail
Nicht untergehende Sonne
«Aus der Küche des Wahnsinns: Universum Trumpianum», WOZ Nr. 37/26
Es ist richtig, dass Karl V. römisch-deutscher Kaiser war. Es ist auch richtig, dass ihm der Ausspruch zugeschrieben wird, dass in seinem Reich die Sonne nie untergehe. Diese beiden Aussagen hängen aber nur bedingt miteinander zusammen. Er war nämlich auch spanischer König, und dieses Reich erstreckte sich über mehrere Kontinente. Die Ausdehnung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation schwankte über die Jahrhunderte, war aber immer auf Europa beschränkt, und da wird das mit einer nicht untergehenden Sonne schwer.
Matthias Botzen, per E-Mail