Sachbuch : Im Safe Space des Kalten Krieges

Nr. 39 –

Vom idyllischen Refugium für die nukleare Apokalypse zum behördlichen Betonsarg: Silvia Berger Ziauddins Geschichte der Schweiz als «Bunkerland».

Jugendliche im ersten Autonome Jugendzentrum, welches sich einem Luftschutzbunker unterhalb des Zürcher Lindenhofs befand
Radikale Aneignung: In einem Luftschutzbunker unterhalb des Zürcher Lindenhofs zog 1970 das erste Autonome Jugendzentrum ein. Keystone

Die Techschickeria baut sich luxuriöse Bunker, Prepper:innen hoffen, die drohende Apokalypse in selbstgebauten Löchern zu überleben: Die Klimakatastrophe, die Angst vor weiteren Epidemien und sozialen Unruhen sorgen seit einiger Zeit für ein Bunkerrevival – in Europa verstärkt noch durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Die Historikerin Silvia Berger Ziauddin zeichnet in ihrem neuen Buch nach, wie sich die Schweiz nach 1945 zum Kompetenzzentrum für den Bunkerbau gemausert hat – und wie sich die Bedeutung der Schutzbauten ab 1989 wandelte.

Nach den ersten Jahren des Kalten Krieges einigte man sich in der Schweiz 1962 auf eine Zivilschutzgesetzgebung, die einen enormen Ausbau des Untergrunds erforderte. Der Wirtschafts- und Bauboom der Hochkonjunktur begünstigte eine schnelle Umsetzung, der Betonverbrauch explodierte. Schon 1970 standen Bunkerplätze für 2,3 Millionen Menschen zur Verfügung.

In den USA, wo man zuvor die Kubakrise überstanden hatte, erlahmte zur selben Zeit das Interesse am Fallout-Shelter. Edward Teller, Vater der Wasserstoffbombe und Vorbild für die Figur des Dr. Strangelove im gleichnamigen Film von Stanley Kubrick, war bei einem Besuch in der Schweiz deswegen voller Lob für die helvetischen Bemühungen: So sehe vorbildliche «Abschreckung» und «Friedenssicherung» aus. Ein Erfolgsrezept der Schweizer war, wie Berger herausarbeitet, der «optimale» Schutz – womit aber nicht etwa hundertprozentige Sicherheit gemeint war, sondern eine «optimale» Kosten-Nutzen-Abwägung.

Reibungslos in den Untergang

«Bunkerland» beschreibt den Bunker als Privatisierung des Mythos von der weltentrückten Schweiz als «Überlebensinsel». Motivierte Murmeltiere wurden zum Maskottchen des Zivilschutzes, die Bunker wurden der Bevölkerung als behagliche Rückzugsräume für die Kernfamilie präsentiert. Der Betonbau versprach einen «reibungslosen Übergang in die Postapokalypse», wie Berger schreibt, sollte es also leichter machen, die drohende Zerstörung der Welt zu akzeptieren.

Doch die Bunkergesellschaft, wie sie in der Architektur und den dazugehörigen Handbüchern entworfen wurde, erscheint in Bergers Recherchen als hochgradig durchdiszipliniert. Alles war reglementiert, vom Schlafrhythmus bis zum Papierverbrauch auf dem WC: «Nicht mehr als drei Blatt pro Geschäft, bitte.» Und über allem wachte der «Schutzraumchef». Den Behörden war durchaus bewusst, dass das Leben unter der Erde Menschen rasch an ihre Grenzen bringen würde. Man empfahl deshalb die Sedierung durch Schlafmittel oder, für den Fall, dass das nicht nützen sollte, die Drosselung der Luftzufuhr. So würden sich alle Murmeltiere wieder schläfrig auf ihre Liegen legen.

Ab Ende der Siebziger verpuffte die vorgespiegelte Nuklearidylle. Die Schweizer Friedensbewegung verhöhnte den Zivilschutz als blinde Verdrängung der verheerenden Aufrüstungsspirale: «Nichts dagegen tun – sich einigeln – nichts damit zu tun haben» war ein spöttischer Slogan der Aktionsgruppe «Wir wollen nicht zu Tode verteidigt werden» (Wiwonito). Filme wie «The Day After» (1983) machten der breiten Bevölkerung klar, dass ein Atomkrieg eine für Jahre tödlich verstrahlte Welt zurücklassen würde. «Die Überlebenden werden die Toten beneiden», titelte eine Publikation von deutschen Ärzt:innen zu Beginn der Achtziger. In der Schweizer Literatur wurden die Bunker zu Orten von Mutation, Chaos und Tod, zu «Massengruften» und «Betonsärgen».

Amtlich bewilligte Proberäume

Anfang der achtziger Jahre nahm die Dienstverweigerung beim Zivilschutz zu, und Schutzrauminspektoren begegneten immer häufiger eigenmächtigen Umbauten, zubetonierten Notausgängen, abmontierten Panzertüren und Bunkern, die als private Bars und Fitnessräume genutzt wurden. Berger zeigt, wie Schweizer Bunker parallel zu ihrer zunehmend wahrgenommenen Nutzlosigkeit radikal angeeignet wurden. 1971 gründeten Zürcher Jugendliche die «Autonome Republik Bunker» in einem Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Buch streift auch die Punkbewegung, die im Bunker einerseits den Inbegriff von verlogener Zukunftslosigkeit sah – und dem Raum zugleich neuen Sinn als Proberaum verlieh.

Mit dem Ende des Kalten Krieges veränderte sich die Sicht auf den Bunker als einstigen Safe Space grundlegend. 1990 wurde die Funktion des «Schutzraumchefs» abgeschafft. Mit behördlicher Bewilligung wurden aus Bunkern nun Trainingsräume, Schiesskeller und Proberäume für Bands, Chöre, Fasnachtscliquen. Je nach Bedarf wurde der Bunker von der «Lebenszelle» der Nation zur Gerümpelkammer degradiert – und auch zum Abstellraum für Menschen, die man aus den Augen haben wollte. 1990 wurden die ersten Geflüchteten in Untergrundbunkern einquartiert. Ganz verloren die Bunker das Autoritäre nicht.

Parallel zum Niedergang der Bedeutung in der Schweiz suchte die Bunkerbranche nach neuen Interessenten: Saudi-Arabien wurde in den Achtzigern ein wichtiger Absatzmarkt, auch der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi liess für seine Familie einen Bunker nach Schweizer Standards bauen, Saddam Husseins Baath-Partei fühlte sich sicherer dank der Schweizer Firma Zellweger Luwa AG. Der Vermarktungsslogan war: «Switzerland – Your Partner in Civil Defence». Damit begann auch eine neue, internationale Geschichte des Bunkers. Wobei es nun nicht einmal mehr darum geht, eine «optimale» Verteilung der Überlebenschancen anzupeilen: Überleben wird zum Distinktionsmerkmal für Superreiche. ●

▶ Silvia Berger Ziauddin: «Bunkerland. Die Schweiz im nuklearen Zeitalter. Eine Raumgeschichte». Konstanz University Press 2026. 390 Seiten.