Trockenheit : Aufwachen im Wasser-Luftschloss
In der Schweiz verschärfen sich die Verteilkämpfe um eine Ressource, die lange als selbstverständlich galt.
Der Tessiner SP-Nationalrat Bruno Storni steht auf einer rechteckigen Rasenfläche am Ufer des Lago Maggiore in Tenero, eingeklemmt zwischen zwei Campingplätzen. «Jetzt ist der Pegel fast wieder beim Alten», sagt er. Anfang August war der See auf einen der tiefsten Wasserstände seit Jahrzehnten gesunken. Die Spuren sind noch sichtbar: Schwarze Rohre ragen aus dem Wasser, an den verfärbten Bootsanlegern lässt sich ablesen, dass der Pegel normalerweise höher liegt.
Ohne Eingriffe wäre er noch tiefer. Seit Jahren halten die italienischen Behörden den Wasserstand des Sees künstlich hoch, damit im trockenen Sommer genügend Wasser für die Landwirtschaft in der Poebene bleibt. Als es diesen Sommer dennoch knapp wurde, verlangte Italien zusätzliches Wasser aus den Tessiner Stauseen. Der Kanton lehnte ab: Auch die eigenen Reserven waren tief.
Spätestens seit diesem Sommer hat der Mythos vom Wasserschloss Schweiz Risse bekommen. Flüsse und Seen erreichten durch die anhaltende Hitze und Trockenheit Tiefstände, Fische mussten aus austrocknenden Gewässern umgesiedelt werden. Wegen Futtermangel und versiegender Quellen in den Alpen wurden so viele Rinder getötet, dass die Bauern teils kaum noch einen Termin im Schlachthof bekamen.
Die Frage, wie mit der Ressource Wasser in Mangelzeiten umgegangen werden soll, stellt die Schweiz zunehmend vor Herausforderungen. Mit häufigeren Trockenperioden werden sich Nutzungskonflikte verschärfen. Einerseits mit den Nachbarländern, andererseits aber auch im Inneren des Landes.
Vom Wohnzimmerbalkon des Wasserforschers Klaus Lanz kann man auf der einen Seite den Bielersee sehen. Auf der anderen liegt das Seeland – eines der wichtigsten Landwirtschaftsgebiete der Schweiz. Wasser und Landwirtschaft – für Lanz, der in Evilard nahe Biel als Gründer und Leiter des Instituts International Water Affairs seit mehr als dreissig Jahren zu Wasserthemen forscht, ist das ein Spannungsfeld, in dem sich einer der brisantesten Konflikte anbahnt.
Landwirt:innen produzieren unsere Lebensmittel. Doch wie Landwirtschaft betrieben wird, gerät zunehmend in Konflikt mit der Schonung der Wasserressourcen. Das zeigte sich diesen Sommer besonders deutlich, als Landwirt:innen teils auf Trinkwasser zurückgreifen mussten, um ihre Kulturen zu bewässern.
Sinkende Grundwasserpegel
Für Lanz lässt sich der Konflikt zwischen den Bedürfnissen der Landwirtschaft und einem nachhaltigen Umgang mit der Grundressource an drei Messgrössen festmachen: der Wasserqualität, der verbrauchten Wassermenge und der Flächennutzung. In der Öffentlichkeit am breitesten diskutiert wird das Qualitätsproblem. Dünger und Pflanzenschutzmittel belasten das Grundwasser – vor allem jenes unter intensiv genutzten Landwirtschaftsflächen. Viele Trinkwasserfassungen wurden deshalb in den vergangenen Jahrzehnten bereits aufgegeben. Laut einem Fachartikel des Bundesamts für Umwelt von 2020 hatten 42 Prozent der befragten mit der Wasserversorgung befassten Organisationen innerhalb von zwanzig Jahren mindestens eine Fassung aufgegeben. Eine Umfrage der NZZ unter allen Schweizer Wasserversorgern ergab 2019, dass rund zwölf Prozent der Bevölkerung aus Fassungen versorgt werden, deren Schutzzonen – wo gemäss Bundesrecht weniger oder gar keine Pflanzenschutzmittel und Dünger ausgebracht werden dürfen – zu klein und somit «unzulänglich» sind.
Das beeinträchtigt die Versorgungssicherheit, denn gut achtzig Prozent des Schweizer Trinkwassers stammen aus Grundwasserquellen. Hier verschränken sich Qualitäts- und Mengenproblem: Trocknen im Sommer Bäche und Flüsse aus, steigt der Druck auf Landwirt:innen, für die Bewässerung stärker auf das Grundwasser oder die öffentliche Wasserversorgung zurückzugreifen. «Die Trinkwasserversorgung ist aber nicht darauf ausgelegt, in kurzer Zeit jene Mengen bereitzustellen, die die Landwirtschaft an heissen Tagen für die Bewässerung benötigt», sagt Lanz. Solche Verbrauchsspitzen könnten Grundwasservorkommen zusätzlich absenken. Wie stark dies im vergangenen Sommer geschehen ist, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Aus früheren Trockenjahren ist aber bekannt, dass es mehrere Jahre dauern kann, bis sich die Pegel erholen.
Die Landwirtschaft hat auf die Trockenheit der letzten Monate unter anderem mit dem Ruf nach mehr Bewässerung reagiert. Der Bauernverband forderte etwa regionale Speicher, vernetzte Leitungen und einen «gesicherten Wasserzugang». SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh verlangte gar, neue Strassen zu bauen, um Wasser auf die Alp transportieren zu können.
Innert Tagen aufgebraucht
Am Ufer des Lago Maggiore zeigt Bruno Storni nach Süden. Bei Sesto Calende fliesst der See in den Ticino ab. Und dort steht auch die Miorina, jenes Wehr, mit dem Italien den Seepegel reguliert. Der eigens für die Landwirtschaft künstlich hoch gehaltene Wasserstand habe Nebenwirkungen, sagt Storni: Überschwemmungen bei Starkregen, aber auch ökologische Schäden am Seeufer.
Storni ist neben seinem Nationalratsamt auch Gemeinderat in Gordola und dort für die Wasserversorgung zuständig. Für ihn ist die Wasserfrage vor allem ein Effizienzproblem. Besonders scharf kritisiert er die Bewässerung in Norditalien. «In der Lombardei gibt es rund 40 000 Kilometer Bewässerungskanäle. Rund 75 Prozent davon sind nicht abgedichtet.» Viel Wasser gehe verloren, bevor es die Felder erreiche. Zudem werde vielerorts noch mit Überflutungs- oder Furchenbewässerung gearbeitet: «Dabei braucht man ungefähr zehnmal mehr Wasser als bei Sprühbewässerung.» Seit Jahren spreche man davon, lokale Wasserreservoirs für die Landwirtschaft zu bauen, aber es passiere nichts.
Der Widerspruch ist für Storni offensichtlich: Der Seepegel wird erhöht, um Reserven zu schaffen, die anschliessend durch ineffiziente Bewässerung innert Tagen wieder aufgebraucht werden. «Man plündert den See geradezu aus.»
In der Schweiz sei die Lage zwar weniger dramatisch, doch auch hier werde reichlich Wasser verschwendet. Es führe kein Weg daran vorbei, dass die Landwirtschaft künftig Kulturen und Bewässerungsmethoden an die knapper werdenden Wasserressourcen anpasse. Gleichzeitig müsse Wasser länger in Böden, Feuchtgebieten und renaturierten Flusslandschaften gehalten werden.
Raum für Wasser
Wie das aussehen kann, zeigt der Aargau. Norbert Kräuchi, Leiter der Abteilung Landschaft und Gewässer des Kantons, steht auf einer Lichtung bei Rupperswil. «Hier war früher ein Fussballfeld, rundherum Fichtenwald», sagt er. Heute fliesst ein Fluss durch eine neu geschaffene Auenlandschaft. Sie ist Teil des Auenschutzparks Aargau, in dem der Kanton seit 1994 auf rund 1600 Hektaren die letzten vorhandenen Auen gesichert und neue geschaffen hat.
Auen sind nicht nur Lebensräume und natürlicher Hochwasserschutz: Das Wasser fliesst durch sie langsamer ab, kann versickern und das Grundwasser speisen. Seit 2015 bringt der Kanton zudem eingedolte Bäche wieder an die Oberfläche, und bis 2060 sollen 1000 Hektaren neue Feuchtgebiete entstehen. «Wir brauchen mehr revitalisierte Gewässer, den Auenschutzpark, das Schwammland – für einen versorgungssicheren Wasserhaushalt der Zukunft», sagt Kräuchi.
Doch diese Projekte brauchen Flächen; auch solche, die die Landwirtschaft für sich beansprucht. In der Schweiz ist die landwirtschaftliche Fläche durch den sogenannten Sachplan Fruchtfolgeflächen geschützt. Dieser verpflichtet Bund und Kantone, Landwirt:innen mindestens 438 460 Hektaren beste Ackerböden zu sichern. Im Aargau sei diese Fruchtfolgefläche aktuell gut 480 Hektaren grösser als das dort erforderliche Kontingent von 40 000 Hektaren, sagt Kräuchi. Dennoch stossen besonders die Revitalisierungen von Fliessgewässern, die meist durch Landwirtschaftsgebiete verlaufen, auf politischen Widerstand. Argumentiert wird mit der Gefährdung der Ernährungssicherheit.
2019 etwa forderte der damalige SVP-Ständerat Hansjörg Knecht in einer letztlich abgeschriebenen Motion, das Gewässerschutzgesetz so anzupassen, dass auf die Ausdolung von Fliessgewässern verzichtet werden müsse, wenn daraus generelle Nachteile für die landwirtschaftliche Nutzung entstünden und Kulturland verloren ginge. Zwei der schönsten Auengebiete, Chly Rhy und Reussegg, konnten erst nach Bundesgerichtsentscheiden realisiert werden. «Das Unverständnis, dass einem Gewässer Raum gegeben werden soll, ist in den Landwirtschaftsverbänden immer noch weitverbreitet», sagt Kräuchi. Dabei profitierten doch die Landwirt:innen langfristig davon, da sie selbst auf genügend Wasser angewiesen seien.
Wer bekommt wie viel?
Der Schweizer Bauernverband hält dagegen, dass die Landwirtschaft bereits einiges unternehme, um sich an trockenere Bedingungen anzupassen: etwa mit geeigneteren Sorten, Humusaufbau oder gezielterer Bewässerung. Zugleich brauche es angesichts der immer heisseren Sommer eine Sicherstellung der Bewässerung: Wer mehr einheimische pflanzliche Lebensmittel verlange, könne den Produzent:innen nicht zugleich einen verlässlichen Wasserzugang verwehren.
Welche Folgen eine uneingeschränkte Wasserentnahme hat, lässt sich auch deshalb schwer ausmachen, weil der Wasserverbrauch in der Schweiz nicht flächendeckend erhoben wird, erklärt Wasserforscher Lanz: «Wie viel Wasser ist nachhaltig nutzbar? Wie viel kann ich einem See entnehmen? Das hat in der Schweiz bis jetzt niemand ermittelt.» Für ihn steht fest: Ohne neue Rechtsgrundlagen könnten die Kantone den Wasserverbrauch kaum systematisch und zeitnah erfassen – und sich nicht auf die Nutzungskonflikte einstellen.
Dabei ist der Handlungsbedarf seit Jahren bekannt. Ein nationales Forschungsprogramm kam schon 2014 zum Schluss, dass die Schweiz beim aktiven Wassermanagement Nachholbedarf habe und ein stärkeres Eingreifen des Bundes nötig sei. Viel davon sei bis heute nicht umgesetzt worden, kritisieren Fachleute.
So ist es laut Lanz eine einmalige Gelegenheit, dass ausgerechnet nach dem Hitzesommer die Abstimmung zur Ernährungsinitiative ansteht: Sie würde aus seiner Sicht nicht nur die Lebensmittelproduktion verändern, sondern auch gesetzliche Grundlagen schaffen, um den Wasserverbrauch systematisch zu erfassen und eine nationale Strategie zum Gewässer- und Trinkwasserschutz zu formulieren. Damit könne man den Blindflug, in dem sich das Land befinde, endlich beenden. ●