Arbeitswelt : «Das ist Hauen und Stechen»

Nr. 40 –

Warum wählen Arbeiter:innen die AfD? Soziologin Nicole Mayer-Ahuja über verlorenes Klassenbewusstsein – und wie es zurückzugewinnen ist.

eine Person hält ein Schild mit der Aufschrift «TASCHEN LEER – SCHNAUZE VOLL» am Aktionstag des Gewerkschaftsbunds in die Höhe
Aufbegehren gegen die Sozialreformen der deutschen Regierung: Aktionstag des Gewerkschaftsbunds am 26. September 2026, hier in Stuttgart. Harald Dostal, Imago

WOZ: Frau Mayer-Ahuja, jeden Monat verschwinden in Deutschland 15 000 Jobs in der Industrie. Zugleich legt die AfD in grossem Ausmass zu. Führt das eine zum anderen?

Nicole Mayer-Ahuja: Der Druck auf Beschäftigte ist enorm, und teilweise geben diese darauf sehr unappetitliche politische Antworten. Die Zahl der AfD-Wähler:innen unter Gewerkschaftsmitgliedern ist sehr hoch. Das heisst aber auch, dass diese jeden Monat nicht unbeträchtliche Mitgliedsbeiträge bezahlen, um sich als Lohnabhängige für gemeinsame Interessen einzusetzen. Und das ist, glaube ich, eine Grundlage, an die Leute ranzukommen. Auf dieser Selbstwahrnehmung als Lohnabhängige lässt sich vielleicht doch wieder eine Art von solidarischer Politik aufbauen, die in eine andere Richtung geht.

WOZ: Warum schliessen sich so viele Menschen, die sich selber als Arbeiter:innen verstehen, der AfD an?

Nicole Mayer-Ahuja: Da spielen Arbeitsrealitäten eine Riesenrolle. Diese Arbeitserfahrungen werden in Deutschland im Moment von der AfD politisiert, und das ist absolut irre. Die AfD hat nämlich zum Thema «Arbeit und Soziales» nichts zu sagen. Ihr Wahlprogramm würde die Armen ärmer werden lassen und die Reichen reicher. Die AfD will Gesamtarbeitsverträge kassieren und Gewerkschaften zerstören.

Die Arbeitssoziologin

Nicole Mayer-Ahuja (53) ist Professorin für die Soziologie von Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft an der Universität Göttingen. Sie erforscht dort Veränderungen in der Arbeitswelt.

2021, inmitten der Coronapandemie, publizierte sie zusammen mit Oliver Nachtwey den Suhrkamp-Sammelband «Verkannte Leistungsträger:innen» über die Arbeitsrealitäten von Fahrradkurieren, Altenpflegerinnen oder Erntehelfer:innen. 2025 erschien von ihr «Klassengesellschaft akut. Warum Lohnarbeit spaltet – und wie es anders gehen kann» im Verlag C. H. Beck.

 

Portraitfoto von Nicole Mayer-Ahuja

WOZ: Das scheint die Arbeiter:innen, die sie wählen, aber nicht zu stören.

Nicole Mayer-Ahuja: Es ist offensichtlich, dass die AfD keine Alternative für Beschäftigte ist. Ich glaube aber, dass das bei der Wahlentscheidung keine grosse Rolle spielt. Und das ist interessant, weil wir auf der einen Seite aus Umfragen wissen, dass Erfahrungen in der Arbeitswelt – also steigender Druck, Angst um den Arbeitsplatz, mangelndes Mitbestimmungsrecht, keine Anerkennung für die Leistung zu erhalten – die Treiber für die eigene Unzufriedenheit sind. Die Leute schlagen um sich, was sich dann eben auch an der Wahlurne bemerkbar macht.

Gleichzeitig ist es aber auch so, dass viele Beschäftigte einfach die Hoffnung aufgegeben haben, dass sich substanziell irgendwas ändern lässt. Dabei wissen, glaube ich, die allermeisten, die die AfD wählen, dass sie ihre Probleme nicht löst. Aber die AfD haut dann wenigstens mal auf den Tisch.

WOZ: Warum lassen sich diese Arbeitserfahrungen nicht von links politisieren? Wie hat die Sozialdemokratie ihre Leute verloren?

Nicole Mayer-Ahuja: Das ist eine lange Entwicklung, und es ist auch nicht nur eine deutsche oder eine Schweizer Entwicklung. Die französischen Sozialist:innen, die Labour Party in Grossbritannien, die SPD in Deutschland – sie alle haben ungefähr zur selben Zeit beschlossen, dass sie keine Arbeiter:innenparteien mehr sein wollen, sondern Volksparteien in der politischen Mitte. Die Idee war, dass die alten Interessengegensätze, also Klassengegensätze, im 20. Jahrhundert keine Rolle mehr spielen. Damit hat man aufgehört, Lohnarbeitserfahrungen zum Gegenstand von Politik zu machen.

WOZ: Hat sich deshalb die kollektive Identität der Arbeiter:innen, wie das der französische Autor Didier Eribon in «Rückkehr nach Reims» beschreibt, in eine nationalistische Richtung verschoben?

Nicole Mayer-Ahuja: Ich bin mir gar nicht sicher, wie viel sich da verschoben hat. In den Köpfen von Arbeitenden steckte immer beides drin. Auch wenn Eribon über seine kommunistische Arbeiterfamilie in Reims spricht, waren die im Betrieb schon gegen das Kapital. Aber im Wohngebiet hatte man dann Skepsis gegenüber den algerischen Einwander:innen. Die wollte man nicht so gern als Nachbar:innen haben.

WOZ: Dann ist die Frage, welche dieser beiden Identitäten sich durchsetzt?

Nicole Mayer-Ahuja: Wenn die Tatsache, dass man Arbeiter:in ist, in der Politik keine Rolle mehr spielt, dann ist die Gefahr gross, dass sich der Nationalismus durchsetzt. Was im Moment bei vielen Leuten politisch aktiviert wird, ist die Abgrenzung gegen Migrant:innen und Sozialhilfeempfänger:innen, also gegen all diejenigen, denen es noch schlechter geht. Bloss kein Treten nach oben, denn die sind ja zu weit weg, da kommt man sowieso nicht ran.

WOZ: Aber die bestimmenden Themen sind ja in Deutschland wie in der Schweiz im Moment solche, bei denen die Linke profitieren sollte: die Angst vor Jobverlust, gesunkene Kaufkraft, die Absicherung im Alter. Es geht gar nicht immer um Migration. Wäre nicht alles für eine offensive linke Politik bereit?

Nicole Mayer-Ahuja: Was wir im Moment auf der Agenda haben, sind Themen, die mit den Zwängen von Lohnarbeitsexistenz zusammenhängen. Also die Angst vor Arbeitslosigkeit, die Ahnung, dass man die ganze Zeit andere Leute reicher macht, die Erfahrung, dass man in der Arbeit trotz erkämpfter Mitbestimmungsrechte zu wenig zu sagen hat. Das ist die gemeinsame Erfahrung von Leuten, die arbeiten gehen müssen, um ihre Existenz zu sichern. Gleichzeitig haben wir in der Arbeitswelt überall eine enorme Konkurrenz, weil die Leute, die diese gemeinsamen Erfahrungen machen, natürlich miteinander konkurrieren.

WOZ: Also um Arbeitsplätze?

Nicole Mayer-Ahuja: Zum Beispiel, aber das ist nur das Offensichtlichste. Sie konkurrieren auch innerhalb des Betriebs, mit ihren Kolleg:innen. Und das ist das Gefährliche. Im Moment werden diese Lohnarbeitserfahrungen aufgegriffen, um rechte Politik zu machen. Die Rechten geben den Beschäftigten zu verstehen: Tretet nach unten, wenn ihr Angst um euren Job habt. Und wir sorgen dafür, dass nicht mehr so viele Leute ins Land kommen, die ihn euch wegnehmen könnten. Das Problem damit ist, dass so die Konkurrenz zwischen Beschäftigten immer weiter auf die Spitze getrieben wird. Was wir wirklich bräuchten, wäre eine Abgrenzung nach oben, also gegenüber Unternehmen und gegenüber den Reichen.

WOZ: Wenn sich das zentrale Versprechen des Kapitalismus in dieser als alternativlos dargestellten Lage nicht erfüllt, nämlich der Aufstieg durch Leistung: Warum wenden sich die Leute dann nicht linken Ideen zu?

Nicole Mayer-Ahuja: Früher gab es die «Verelendungstheorie», also die Vorstellung, dass die Leute schon nach links gehen, wenn es ihnen schlechter geht, sie immer weniger verdienen und immer mehr Leistungsdruck erleben. Das hat aber noch nie so funktioniert. Das hängt damit zusammen, dass Kapitalismus vor allem auf Konkurrenz beruht: Unternehmen konkurrieren, Nationalstaaten tun es und arbeitende Menschen halt auch. Sie wetteifern permanent um Jobs, um Beförderung, um Projekte, um irgendwas. Und indem man das zuspitzt, wird diese Logik einfach stärker. Das Spaltende wird stärker. Und das ist, was wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben.

WOZ: Wie zeigt sich das im Arbeitsalltag?

Nicole Mayer-Ahuja: In den Unternehmen nehmen Steuerungsformen zu, die Arbeitende gegeneinander in Stellung bringen. Vorgesetzte formulieren Ziele und teilen dann Beschäftigte in Arbeitsgruppen ein, damit sie selber Wege finden, diese Ziele zu erreichen. Meist reichen die Ressourcen aber nicht. So fangen Beschäftigte an, sich gegenseitig anzutreiben und zu überbieten, damit man das noch irgendwie hinkriegt mit dem Projekt. Deswegen ist es kein Wunder, dass die Leute ihre Ellenbogen ausfahren und schauen, wie sie sich da im Betrieb, in der Gesellschaft, auf dem Arbeitsmarkt gegen andere am besten durchsetzen – durch Arbeiten ohne Ende oder für weniger Lohn oder in schlechten Beschäftigungsverhältnissen. Das ist Hauen und Stechen oder, wie Friedrich Engels es genannt hat, der allgegenwärtige Krieg aller gegen alle.

WOZ: Kann es angesichts dieser Entwicklung überhaupt Solidarität unter Arbeiter:innen geben?

Nicole Mayer-Ahuja: Wir hatten in diesem Jahr Betriebsratswahlen in Deutschland, da haben die rechten Listen bemerkenswert schwach abgeschnitten. Sonst geht die AfD durch die Decke, aber im Betrieb nicht. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass man in Betrieben mit einem grossen Anteil an migrantischen Beschäftigten nicht gegen Ausländer:innen hetzen kann. Das geht einfach nicht. Die werden als Kolleg:innen wahrgenommen, mit denen man gemeinsam dem Management gegenübertritt, und nicht als jemand, der oder die irgendwann irgendwo eingewandert ist. Nach Feierabend sieht es anders aus. Da überwiegen Haltungen wie bei Eribon im Wohnbezirk, wo dann die Algerier:innen ein Ärgernis sind.

WOZ: Wie lässt sich diese Logik durchbrechen?

Nicole Mayer-Ahuja: Leute aus allen Betrieben erzählen eigentlich, dass das mit diesem «Wir sind alle gleich» nur dann funktioniert, wenn sie im Betrieb nicht über Politik reden. Das muss sich ändern. Aber wie, das ist eine interessante Frage, die wir in gewerkschaftlichen Kreisen viel diskutieren. Wie kann man dafür sorgen, dass man als Lohnabhängige zusammensteht, aber unterschiedliche politische Haltungen nicht einfach vor die Tür schiebt?

Wirklich wichtig wären klare Botschaften gegen Rechts. Doch im Moment sagen teilweise Gewerkschaften gerade im Osten Deutschlands: Das können wir nicht machen; wenn wir politisch klare Positionen beziehen, dann verlieren wir Mitglieder. Wir brauchen eine Politisierung von Arbeitsbeziehungen – nicht nur gegen Rechts, sondern wir brauchen sie tatsächlich auch gegen Unternehmen.

WOZ: Muss die politische Veränderung aus den Arbeitswelten kommen?

Nicole Mayer-Ahuja: Als Arbeitssoziologin würde ich natürlich sagen: Ja. Es spricht tatsächlich vieles dafür, weil sich im Betrieb Arbeit und Kapital direkt begegnen. Jeden Tag gibt es deswegen Auseinandersetzungen. Aber es beschränkt sich nicht auf den Betrieb. Arbeitszeiten, die nicht zum eigenen Leben passen, sind zum Beispiel eine kollektive Erfahrung. Diese verbindet Beschäftigte in total unterschiedlichen Branchen.

Ein gutes politisches Projekt wäre die «kurze Vollzeit» für alle, also Arbeitszeitverkürzung etwa für IT-Spezialist:innen, die ohne Ende arbeiten und Überstunden anhäufen, und zugleich längere Arbeitszeiten für jene, die in «Minijobs» festhängen und nicht sozialversichert sind. Arbeitszeitverkürzung geht nur mit Lohn- und Personalausgleich, also mit Umverteilung von Reichtum und Eingriff in Direktionsrechte. Und wenn alle dreissig Stunden pro Woche arbeiten, braucht es unter dem Strich mehr Leute.

WOZ: Gibt es Entwicklungen, die Ihnen Mut machen?

Nicole Mayer-Ahuja: Zum Beispiel hat ein breites Nachdenken darüber eingesetzt, wie sich die Arbeitswelt entwickelt und was politisch daraus folgen muss, gerade auch unter jungen Leuten. Die «Studis gegen Rechts» füllen bei uns in Göttingen die grössten Hörsäle und haben einen klaren Blick dafür, dass die politische Entwicklung etwas mit Veränderungen in der Arbeitswelt zu tun hat. Jedenfalls haben sie QR-Codes für den Gewerkschaftseintritt eingeblendet.

WOZ: Und in den Betrieben?

Nicole Mayer-Ahuja: Vor ein paar Monaten veröffentlichten die Vertrauensleute bei Daimler-Benz in Untertürkheim ein Flugblatt, in dem sie beschrieben, wie Unternehmen und die Regierung Politik gegen sie machen. Wenn die Gewerkschaften jetzt nicht in die Offensive gehen würden, dann würden sie das selber übernehmen. Es gab Berichte über erste wilde Streiks. Und auch die Gewerkschaften haben sich bewegt. Am 21. September nahmen 175 000 Beschäftigte aus der Automobilindustrie an einem Aktionstag teil, und fünf Tage später demonstrierten nun ungefähr genauso viele Menschen aus allen Gewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbunds gegen die Sozialreformen der Regierung. Das passiert in Deutschland nicht so oft.

WOZ: Das kann auch schnell wieder in sich zusammenfallen.

Nicole Mayer-Ahuja: Ich glaube, die Situation ist so offen wie lange nicht mehr. Die dominierende Tendenz ist, dass Leute sich völlig ohnmächtig fühlen, weil sie nicht wissen, wie es anders gehen könnte. Aber es regt sich etwas.

WOZ: Liegt in den Betrieben der Schlüssel, um die extreme Rechte zu stoppen?

Nicole Mayer-Ahuja: Ich denke schon. Aber dazu braucht es eine Doppelstrategie. Sie kennen die Diskussion über die Brandmauer. Das erste Problem ist, dass die Brandmauer bröckelt. Das sehen wir ja die ganze Zeit, nach jeder Wahl. Tatsache ist aber auch, dass man hinter der Brandmauer teilweise mit Leuten zusammensitzt, mit denen man politisch nichts gemeinsam hat. Also zum Beispiel mit Leuten, die im Bereich Arbeit und Soziales keinen Stein auf dem anderen lassen und dafür sorgen, dass Lohnabhängige immer stärker unter Druck geraten. Und das ist ein Problem, wenn man eine grundsätzlich andere Politik der Arbeit entwickeln will.

Wir müssen Arbeitsleid, den Leistungsdruck und die Ohnmacht von Beschäftigten ernst nehmen und auf dieser Grundlage Politik machen – und wenn die Leute, die wir meinen, teilweise AfD wählen, dann müssen wir den Kampf um die Köpfe aufnehmen. Aber gegen organisierte Rechte, gegen überzeugte Rassist:innen und Menschenfeinde müssen wir uns wehren. Da gilt nach wie vor: Kein Fussbreit. ●