«Die Lücken» : Hundert Jahre Schweigen

Nr. 40 –

Shida Bazyar erzählt in ihrem grossen neuen Roman von einem deutschen Dorf und seinen Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus. Gewinnt sie damit den Deutschen Buchpreis?

Portraitfoto von Shida Bazyar
Mit wenigen Strichen nur verbindet sie die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft: Shida Bazyar. Tabea Treichel

Es ist Bahmans erster Sankt-Martins-Umzug in Heimesbach. Er steht auf dem Platz vor der katholischen Kirche, während seine drei kleinen Töchter die Laternen in ihren Händen halten und darauf warten, dass der Umzug losgeht. Es ist das Jahr 1989, Bahman ist mit seiner Familie aus dem Iran geflüchtet und in diesem Dorf im deutschen Hunsrück gelandet, wo seine Familie in einer kleinen Wohnung im Haus eines älteren Einheimischen untergebracht wurde. Was Bahman an diesem Tag im November nicht weiss: «dass in der hässlichen Häuserreihe schräg gegenüber einmal die Synagoge gestanden hatte» und dass «die Bomben nicht nur die Synagogen zerstört hatten, sondern die ganze Häuserreihe. Seitdem fehlte einem kleinen Jungen ein Bein und einem kleinen Mädchen die Mutter.» Und was Bahman auch nicht weiss: «dass die Laterne, die seine mittlere Tochter in der Hand hielt, am Ende des Abends der kleinen Kerze zum Opfer gefallen sein würde.»

In solchen Sätzen zeigt sich die grosse Erzählkunst von Shida Bazyar, deren 500-seitiger Roman «Die Lücken» auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht – und zu Recht als Favorit gehandelt wird. Mit wenigen Strichen nur verbindet sie die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft und schafft eine faszinierende Gleichzeitigkeit von Ereignissen aus völlig unterschiedlichen Zeiten. Zugleich schreibt sie scheinbar beiläufig über die schlimmsten Gräuel und vermittelt gerade durch diese vermeintliche Banalisierung immer wieder deren unfassbare Brutalität.

Ein Geist als Erzählerin

«Die Lücken» erzählt die fiktionalisierte Geschichte des Dorfes, in dem Bazyar aufgewachsen ist. Hermeskeil – im Buch Heimesbach genannt – war eines der ersten «Gaumusterdörfer», und man war stolz darauf, bereits 1939 «judenfrei» gewesen zu sein. Später wollte sich niemand mehr daran erinnern, die Dorfgeschichte wurde aktiv umgeschrieben: In einer Chronik von 1970 ist zu lesen, die jüdischen Familien von Hermeskeil seien nach den Novemberpogromen 1938 «bedrückt durch diese Ausschreitungen und Zwangsmassnahmen» nach Amerika ausgewandert. Das ist nachweislich falsch, wie man aus dem Roman erfährt: Neun der elf Jüdinnen und Juden, die damals noch im Ort lebten, wurden ermordet. Bazyar bezieht sich auf Heinz Ganz-Ohligs Buch «Juden im Gaumusterdorf» (2018), in dem erstmals an die Biografien der Hermeskeiler Jüdinnen und Juden erinnert wird. Dieses Buch, so schreibt Bazyar im Nachwort, habe sie dazu bewogen, ihren Roman zu schreiben.

Erzählerisch knüpft sie in «Die Lücken» an ihr eindringliches Debüt «Nachts ist es leise in Teheran» (2016) an, mit dem sie es dieses Jahr auf die Shortlist des International Booker Prize schaffte. Darin erzählte sie eine iranisch-deutsche Familiengeschichte aus der Perspektive verschiedener Familienmitglieder, jeweils im Abstand von zehn Jahren (siehe WOZ Nr. 12/16). Auch «Die Lücken» ist multiperspektivisch erzählt, doch der Personenkreis hat sich zu einem ganzen Dorf vergrössert. Bazyar verbindet dokumentarisches Material mit fiktivem, lässt Menschen auftreten, die tatsächlich in Hermeskeil lebten, aber auch eine grosse Anzahl fiktiver Personen. Das Buch umfasst fast hundert Jahre und ist, anders als «Nachts ist es leise in Teheran», nicht chronologisch erzählt.

Als Erzählstimme führt eine Verstorbene durch den Roman, die als Geist nach Heimesbach zurückkehrt, wo sie als Kind ein paar Jahre gelebt hat. Mit ihr hüpfen wir wild durch die Zeiten und begleiten die zahlreichen Protagonist:innen. Ende der 1920er Jahre laufen wir mit der schönen Lore durch Heimesbach und erleben, wie sie ihre beste Freundin an die Nazis verrät. Wir sitzen in den neunziger Jahren im Klassenzimmer mit Stefan, der mit seinen Freunden ein Zelt angezündet hat, in dem Türken – oder doch Albaner? – geschlafen haben, und dessen Mutter Rita nun vor der Schuldirektorin behauptet, ihr Sohn sei kein Nazi. Wir sehen Rita, wie sie als verliebter Teenager in den siebziger Jahren den Rummelplatz besucht. Wir sehen Resi, die sechzig Jahre lang fast durchgehend im selben Kaufhaus arbeitete – doch als dieses der später ermordeten jüdischen Familie Lichter gehörte, reichte sie die Kündigung ein. Wir sehen ihre Tochter Petra, die mit ihren Schüler:innen über den Holocaust redet, doch ihre Mutter nie fragt, wo sie damals genau stand. Wir sind dabei, wenn Dorfbewohner in der Synagoge wüten, und Jahrzehnte später stehen wir mit Bahman auf dem Platz, auf dem schräg gegenüber diese Synagoge stand.

Wir begleiten Täter:innen und Opfer, Mitläufer:innen und Vertriebene, Verratene und Verräter, Mörder und Ermordete, Heimatlose und Heimatsuchende. Bazyar erzählt von deren individuellen Verstrickungen in den Nationalsozialismus und davon, wie sie nach dem Krieg ihre Geschichten relativiert und umgeschrieben haben. Genial an diesen Zeitsprüngen ist, dass sich oft nach vielen Seiten Geschichten neu erschliessen, Zusammenhänge und Beziehungen klar werden, sich verschieben und Figuren in neuem Licht erscheinen.

Keine Antworten auf alles

Was die zahlreichen Protagonist:innen eint, ist ihr Schweigen – sei es aus Scham, aus Schmerz, weil sie Reden für unnötig halten oder weil es für das, was es zu sagen gäbe, schlicht keine Worte gibt. Dieses Schweigen hat Bazyar schon bei ihrem ersten Roman begleitet, wie sie vor kurzem dem «Spiegel» erzählte. Damals habe sie ihren Eltern, die Ende der achtziger Jahre aus dem Iran geflohen waren und denen sie «Nachts ist es leise in Teheran» widmete, bei der Recherche für den Roman viele Fragen gestellt, aber nie Antworten auf alles bekommen: «Auch wegen dieser Geschichte verstehe ich das Schweigen in deutschen Familien so gut. Ich glaube, alle Familien halten sich mit Schweigen über Wasser.»

Einzelne dieser verschwiegenen Lücken füllt nun Bazyar mit ihrem Buch. Sie macht das sprachlich unaufgeregt, mit Einfühlungsvermögen und doch mit Distanz zu den Figuren. Und schliesslich macht sie es auch unerbittlich: Wenn sie beschreibt, wie die Gewalt aus den Löchern kriecht, der Nachbar zum Folterer wird, die unsichere kleine Schwester zur Rädelsführerin, der Tenorsänger zum Steinewerfer.

Jede Gegenwart glaube, die einzige zu sein, sagt die Erzählerin zu Beginn: «Dabei haften die Zeitgeschichten aneinander wie dünnes Pergamentpapier, ergeben einen einzigen, wabernden Block, und wer an Chronologie glaubt, der glaubt auch an Erklärung.»

Tatsächlich verzichtet Shida Bazyar in ihrem Roman vollkommen auf Erklärungen. Vielmehr erzählt sie, was war – und eben auch, was ist. Wie sehr «Die Lücken» immer auch von der Gegenwart erzählt, wird bei Sätzen, die von den Novemberpogromen handeln, erschütternd klar: «Was war man stolz. Was war man sicher, es verdient zu haben. […] Das Land, der Acker, der Weg, die Wälder, es ging um alles und man würde siegen. Man war viele, man war stark. Man war ein ganzer Ort, ein ganzes Dorf, ein ganzes Gaumusterdorf.»

Dieser Roman ist nicht nur grosse Literatur, er ist auch das Buch der Stunde. ●

Buchcover von «Die Lücken»
▶ Shida Bazyar: «Die Lücken». Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 2026. 512 Seiten.