Jugendkultur : Ein Gefühl in vier Ziffern
Ob in der Stadt, in der Agglo oder auf dem Land: Wieso nutzen junge Menschen ihre Postleitzahl als Identifikationspunkt?
Begonnen habe alles als Gag. Was folgte, war eine Art Lawine, die das Dorf erfasste. So erzählt es Tätowiererin Svenja Roten, Mitte zwanzig, helles, gestuftes Haar und Piercings. «Die meisten wollen es an den Armen, meist hinten am Oberarm. Die Älteren sagen: ‹Nicht zu gross, nicht dass man das sieht.› Die Jüngeren hingegen: ‹Mach das gross und dick auf den Oberschenkel›», sagt Roten.
Ganze 46 Mal hat sie dasselbe Motiv gestochen: 3942 – die Postleitzahl der Walliser Gemeinde Raron nahe bei Visp. Auch sie selbst trägt das Tattoo auf dem Unterarm: die vier schwarzen Zahlen mittig unter ihrer Armbeuge, von zwei weiteren Tattoos umrahmt. Rarner:innen würden sie teils in Gruppen besuchen, um sich «3942» stechen zu lassen, sagt Roten, die Ältesten Ende fünfzig, die Jüngsten achtzehn.
Das Phänomen, dass sich junge Menschen mit ihrer Postleitzahl identifizieren, beschränkt sich nicht auf die kleine Gemeinde im Wallis. Rapper im Kanton Zürich benennen ihr Musiklabel nach der Postleitzahl ihrer Gemeinde, auf Social Media fluten Jugendliche ganze Kommentarspalten mit dem Code ihres Wohnorts, in der Innerschweiz gibt es eine Kleidermarke namens 6130, benannt nach der Postleitzahl von Willisau.
«Das ist eine Dynamik, die sich unabhängig von uns entwickelt hat», sagt Philippe Mayor in seinem Büro in Zürich-Mülligen, 8010. Er trägt eine viereckige Brille und kurzes, graues Haar. Mayor ist bei der Post für die Postleitzahlen verantwortlich. Er verwaltet die Zahlen und sorgt dafür, dass Sendungen richtig zugestellt werden. Wenn beispielsweise zwei Gemeinden fusionieren und zu einer Ortschaft werden, muss die Post das genehmigen, genauso wie die SBB und der Bund.
Meiner Interviewanfrage hatte ich ein Kurzvideo angefügt. Im Video macht sich der Deutschschweizer Influencer Joel Weyer über den «Postleitzahlfetisch der Schweizer Jungs» lustig und fragt sich, was das soll. «Fragst du einen Schweizer, woher er kommt, kriegst du erst mal irgendwelche lächerlichen, peinlichen Gang-Signs, und dann kommt so was wie ‹Opfikä 8152 Ghetto›», sagt Weyer. Das Video hat sich mit 330 000 Views viral verbreitet. Die Kommentarspalte quillt über mit Zahlenkombinationen. Ein Kommentar zu 4057 Kleinbasel hat mehr als 1000 Likes.
«Die Postleitzahlen gehören ja eigentlich uns», sagt Philippe Mayor, «dann könnten wir doch von denen ein bisschen Geld verlangen, wenn sie unsere Zahlen verwenden.» Postleitzahlen sind nicht urheberrechtlich geschützt, erinnere ich ihn, auch Vereine und Lokale dürfen sie nutzen. «Doch kein neues Marktfeld», sagt Mayor.
Die Schweizerische Post führte die Postleitzahl 1964 ein, um die Sortierung der Briefe und Pakete zu vereinfachen. So konnten erstmals auch Mitarbeitende ohne Geografiekenntnisse eingestellt werden. Für die erste der vier Ziffern wurde die Schweizer Landkarte in neun Regionen aufgeteilt. In unregelmässigem Zickzack steigen die Zahlen von 1 im Westen bis 9 im Osten. Die zweite Ziffer der Postleitzahl grenzt den Ort in der Region genauer ein. Bei der jeweils grössten Stadt findet sich meist eine Null an zweiter Stelle.
Die dritte Ziffer leitet sich aus der Bahnstrecke ab, an der ein Ort liegt. Heute wird der Bahnweg jedoch nur noch genutzt, um Sendungen zwischen den Sortierzentren zu transportieren. Die vierte Ziffer bezeichnet schliesslich die Ortschaft. Mayor erklärt, dass gewisse Postleitzahlen für Firmensitze mit Prestige verknüpft sind, etwa der Paradeplatz, 8001. Dass die vier Ziffern eine neue kulturelle Bedeutung erhalten haben, überrascht ihn: «Ich höre zum ersten Mal, dass einer sagt: ‹Ich komme aus Achtzig-fünfzig-Oerlikon.›»
Rilke, 3942
Ich fahre ins Wallis, um mir ein Bild von Raron zu machen. Unweit des Bahnhofs begrüsst mich Lewin Bregy. Die Strassen sind menschenleer. Touristisch sei Raron nicht, meint Bregy, nur einige Lyrikbegeisterte fänden hierher. Sie wandern zum Grab von Rainer Maria Rilke. Lewin ist 28 Jahre alt und Architekt, er wohnt und arbeitet in Bern, kommt aber regelmässig nach Raron zurück, wo er aufgewachsen ist. Unter seinem orangen Cap wellt sich braunes Haar, die Sonne lässt seinen goldenen Ohrring aufblitzen. Auf seinem Oberarm erkenne ich die vier Zahlen: 3942. Es ist Bregys einziges Tattoo. «Für mich ist es eine Erinnerung an eine schöne Kindheit und an meinen Freund:innenkreis. Ich verbinde viel mit Raron.»
Bregy führt mich durch das kleine Dorf, vorbei an Einfamilienhäusern mit Garten. Wir biegen in einen schmalen Weg ein, hier sind traditionelle steinerne Häuser eng aneinander an den Hang gebaut. Wohin man auch schaut, ragen im Hintergrund Berge in die Höhe. Von der Kirche, bei der Rilke begraben ist, blicken wir aufs Dorf hinab. Bregy zeigt auf Neubauten, die noch nicht da waren, als er ein Kind war. Er überlegt, wie sehr es ihm wirklich um den Ort geht. «Die, die das Tattoo haben, sind mittlerweile in der Schweiz verstreut. Was macht einen Ort aus? Die Menschen, oder?»
Bregy verabschiedet sich. Oberhalb von Raron setze ich mich auf eine Bank bei den Weinreben von St. German. Lämmer hüpfen übers Gras. Ich bin erstaunt, dass meine Suche mich hierher geführt hat. Ich kenne die Postleitzahl als etwas gross Gespraytes, laut Gegröltes, als Statement. Zu idyllisch, zu ruhig, provinziell ist es hier.
Umkämpftes Territorium
Die räumliche Verortung könne Jugendlichen ein Gefühl von Orientierung und Zugehörigkeit geben, erklärt mir Kulturwissenschaftler Walter Leimgruber. Er sitzt in seinem Büro in der Universität Basel, 4001, trägt Brille und Hemd, ist emeritiert. «In der Schweiz ist der Raum für Jugendliche umkämpft. Mit der Aneignung der Postleitzahl markierten die Jugendlichen Territorium auf symbolischer Ebene.»
Die Tattoos interpretiert Leimgruber als Gegenbewegung zu einem breiten Identitätsangebot, das sich den Jugendlichen biete – und auch überfordernd sein könne. «Man will Dinge wieder fixieren und festmachen.»
Der Ausgangspunkt des Postleitzahlphänomens liegt laut Leimgruber bei migrantischen Jugendgruppen, denen eine lokale Zugehörigkeit oft abgesprochen werde. «Mit der Postleitzahl sagen Jugendliche, dass sie an einen Ort gehören, genau wie Familien, die schon seit sieben Generationen da wohnen», sagt er.
Die Aneignung des Hyperlokalen ist eng mit der Hip-Hop-Kultur verbunden. In den USA der siebziger Jahre entstand Hip-Hop in der verarmten New Yorker Bronx. In den Medien wurde diese als Problemviertel diskreditiert; die Hip-Hop-Künstler:innen deuteten die Erzählung um und entwickelten ihre eigene Subkultur, bestehend aus DJing, Rap, Graffiti und Breakdance; eine Kultur, die die Erfahrungen struktureller Benachteiligung und staatlichen Versagens dokumentiert.
Das Nennen der eigenen «hometown», der Heimatstadt, des Quartiers und der Strasse ist auch im deutschsprachigen Rap ein bekanntes Motiv und wirkt als Garant für Authentizität und Street Credibility. «Rechne sächzäh mol vier, und du kennsch mis Quartier», singt der Goldauer Rapper Lexi im Song «Quartier». In Berlin spielen verschiedene Künstler:innen auf die Postleitzahlen von vor der Wende an: Ufo361 auf Kreuzberg, Juju44 auf Neukölln. Unter «0711» identifizierte sich in den neunziger Jahren die Stuttgarter Szene. Auch die Telefonvorwahl wirkt im Rap als Markierung, beispielsweise wenn Nura die Berliner Vorwahl 030 nutzt. Auch der wohl bekannteste Deutschrapper, Haftbefehl, rappt immer wieder mit «069» über seine Frankfurter Heimat. Und von Luzern aus prägt die 041-Crew um den Rapper Mimiks nun seit einem Jahrzehnt die Schweizer Szene.
Der Klang ist vertraut
Es ist Wochenende. Ich besuche meine Eltern und fahre mit dem Velo von Aarau, 5000, nach Suhr, 5034. Die Postleitzahl als Identifikationsmerkmal begegnet mir hier überall – «5000» als Graffiti beim Fussballstadion, im Namen einer Partyreihe, in Instagram-Bios. Obwohl ich mittlerweile woanders lebe, ist mir die Suhrer Postleitzahl nah, der Klang der vier Zahlen vertraut. Sprayen oder mir gar tätowieren lassen würde ich sie trotzdem nicht.
Bei migrantischen Gruppen dient die Postleitzahl als Mittel, um Zugehörigkeit zu vermitteln. Ich aber musste mir in Suhr keinen Raum erkämpfen. Wenn Aarauer Bekannte ihre Postleitzahl nennen, tun sie das mit auffallend tiefer Stimme und mit viel Gestik – als würden sie jemanden nachahmen. Sie meinen es ironisch, sagen sie mir. Dafür eignet sich Ironie gut: Man kann Teil eines Phänomens sein und sich gleichzeitig davon abgrenzen. Aber was ist da vom politischen Kampf um Akzeptanz und Sichtbarkeit aus dem Hip-Hop noch drin? Und was für eine Street Credibility ist das?
Aarau ist nun mal kein Ghetto: Quartiere mit einem hohen Anteil an migrantischen Personen wie das Telli grenzen an die hübsche Altstadt mit den historischen Giebeln und die herrschaftlichen Einfamilienhäuser im Zelgli-Quartier. Sowohl vom Telli als auch vom Zelgli proklamieren die Jungs – es sind vor allem Jungs und Männer – ihre Postleitzahlen.
Viele der Geschichten rund um die Postleitzahl kann ich mir schlicht nicht mit Akteurinnen vorstellen. Roten, die Tätowiererin aus Raron, bestätigt mein Gefühl: «Mein Klischeebild einer Person, die sich ein Postleitzahltattoo macht, ist ein Mann.» Warum ist die Postleitzahl gerade für Männer attraktiv?
Die Identifikation mit der Postleitzahl scheint Überschneidungen mit der Performance einer stereotypen toxischen und dominanten Männlichkeit zu haben – wohl teils aus Mangel an anderen Identifikationsmöglichkeiten und weil eine Gemeinschaft fehlt. Im klassischen Rollenverständnis bedeutet Raum einzunehmen im übertragenen Sinn, laut und selbstsicher für sich einzustehen. Mädchen werden anders sozialisiert: Sei möglichst leise, dünn und zurückhaltend. Von Männern besetzter Raum trieft oft von Konkurrenzkampf. Er wird für alle ungemütlich, die da nicht hineinpassen. Sie müssen sich entweder eingliedern, unterwerfen oder den Raum verlassen. Deshalb ist ein zentrales räumliches Bedürfnis von Frauen und Queers, schlicht in Ruhe gelassen zu werden. Wehren sich diese Gruppen gegen die dominante Raumverteilung, reicht die Postleitzahl als Markierung nicht aus. Das feministische Anliegen wird zentral: Gesprayt wird «Ni una menos», nicht 8064.
Aufstand der Dörfer
Ein Blick ins mittlerweile siebenjährige Musikvideo zum Song «Was wotsch du mir sege» von Rapper Sirodoggyd, kurz Siro: Männer posieren mit protzigen Autos. Zieht die Kamera an ihnen vorbei, zeigen sie Mittelfinger sowie Peace-Signs und rauchen. Einige bilden mit einer Hand ein W. Dafür kreuzen sie Mittel- und Ringfinger. Das Zeichen für die Westküste Amerikas benutzte unter anderem Raplegende 2Pac. Hier aber steht es für die Gemeinde Wald. «Das esch Wald, 8636», rappt Siro.
Seit sieben Jahren produziert das Label 8636 Records im Zürcher Oberland schweizerdeutschen Rap. Riza Gashi, dreissig, voller Bart, geschmeidige Stimme, hat das Label gegründet. Der ausgebildete Gipser meint, die Stadt Zürich habe die Dörfer nie akzeptiert: «Man wird immer kleingeredet, von wegen, es gäbe hier nur Bauern.»
Dass die Postleitzahl im Namen des Labels steht, sei seine Idee gewesen: «Zahlen kann man sich besser merken, und man hat sofort Unterstützung von den Menschen aus dem Dorf.» Ab der fünften Klasse habe die Postleitzahl für ihn an Bedeutung gewonnen: «Ich bin Kosovo-Albaner, aber ich habe immer hier gelebt.» Mit den vier Zahlen 8636 entstand für ihn ein neues Heimatgefühl, das Jugendliche aus zahlreichen Nationen zusammenbrachte. Gashi schwärmt: «In Wald wirst du als Mensch gesehen, egal woher du kommst. Wir sind hier wie eine Familie.»
Oft fehle in Agglomerationsgemeinden oder in kleineren Städten die Infrastruktur, die sich Jugendliche wünschen, sagt Kulturwissenschaftler Walter Leimgruber. Dann geschehe eine Aneignung und Aufwertung von bestehenden Räumen und Lebenssituationen. Eine weitere Herausforderung der kleineren Orte sei das Bild des guten Lebens. «Für junge Menschen ist das ein urbanes, städtisches Bild», sagt er. Anstatt diesem Ideal zu folgen, könne man beginnen, sich den Ort, wo man lebt, nach seinen Wünschen zu gestalten. Leimgruber findet das so entstehende kulturelle Angebot oft spannender als das der Grossstadt: «Die Einschränkung dieser weniger privilegierten Orte ist eine Chance.» Dort könne man selbst etwas machen, kreativ werden und etwas bestimmen.
Alles nicht so ernst
Auch Leo Rölli sagt, dass das Hinterland schweizweit zu wenig Anerkennung erhalte. Das Aufsagen, Schreiben und Sprayen der Postleitzahl zeige, dass Menschen stolz darauf seien, von dort zu sein. Rölli kommt aus Willisau LU, 6130.
Ein Wandbild, auf dem die vier Ziffern in bauchiger Schrift mit Schnörkel erkennbar sind, ziert seine Zimmerwand. «Alle meine Freunde sind aus Willisau. Es geht um Verbundenheit», sagt er. Rölli träumt davon, dass die Luzerner Kleinstadt auch abseits der Willisauer Ringli bekannt wird: «Es soll ein Kulturhotspot werden.» Schon jetzt findet er Willisau spannender als Luzern. «Dort sind alle in ihrer eigenen Szene, in ihrer Bubble. Hier kriegt man von allen Seiten was mit.»
In Luzern wartet Edi Aregger, Fleecejacke und Schiebermütze, eng mit Rölli befreundet – ebenfalls aus Willisau. Er streckt mir sein Handy vors Gesicht und zeigt eine Instagram-Seite: 6130style verkauft schwarze Hoodies mit weissem Aufdruck. Damit trägt man einen Willisauer Löwen auf der Brust, den Schriftzug 6130 an Schulter und Kapuze und das Untertor auf dem Nacken. Die Reissverschlüsse der Jacke sind, passend zu den Stadtfarben, rot-gelb. Aregger kennt die Menschen hinter dem Account nicht. Seine Freundesgruppe war unsicher, als sie den Account 2024 entdeckte. Die Frakturschrift Weiss auf Schwarz und der Kranz um das Stadtwappen wirkten nationalistisch auf sie. Auf Instagram schrieben sie den Account an: «Seid ihr eher Junge Tat oder junge Grüne?» Die Antwort: @6130style sei unpolitisch, jede und jeder sei willkommen. Die Hoodiedesigner:innen würden bloss Willisau vertreten wollen.
Alles gut in dem Fall, befand Areggers Gruppe. Die Chatkonversation endete mit: «6130 für immer.» Edi Aregger lacht, er richtet seine Mütze und erklärt, dass die Geschichte für ihn die Essenz des Postleitzahlphänomens aufzeige. Dass das alles nicht so ernst sei: «Bei der Postleitzahl geht es mehr um Pop als um Patriotismus.» ●
Eine ältere Version dieses Textes entstand im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der ZHdK.