Kommentar : Klotz am Heimplatz

Nr. 40 –

Knapp gut gegangen: Das Kunsthaus Zürich erhält zusätzliche Subventionen. Und könnte dafür in Zukunft gern weniger reichenfreundlich auftreten.

«Kunsthaus Zürich dankt für das Vertrauen.» Kaum war der letzte Stadtkreis ausgezählt, kam postwendend das Dankschreiben per Mail vom Zürcher Heimplatz. Darin ist viel von Verantwortung die Rede. Dass es trotz der nun demokratisch abgesegneten jährlichen Subventionserhöhung von 7,3 Millionen Franken für das Kunsthaus in Zukunft nicht einfach werden wird, hatte die Direktorin Ann Demeester bereits im August im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» betont: «Unser Defizit wird sich nicht einfach in Luft auflösen.»

Ein aus tiefem Herzen kommender Vertrauensbeweis war das städtische Abstimmungsresultat nicht. Gerade mal 55,5 Prozent stimmten der Subventionserhöhung zu, am nördlichen SVP-Rand von Zürich gabs ein Nein. Und hätte der ganze Kanton abgestimmt, wäre das Ergebnis vermutlich anders herausgekommen, wie im Juni in Bern, als dort ein Projektierungskredit für die Erneuerung des Kunstmuseums in einer kantonalen Abstimmung bachab geschickt wurde. Die Stadt Bern allein hätte den Betrag von 15,7 Millionen Franken bewilligt.

Sicher ist: Das aktuelle Zürcher Leitungsteam ist nicht hauptverantwortlich für die finanzielle Schieflage. Direktorin Ann Demeester und der einstige Nationalbankchef Philipp Hildebrand als Präsident der Kunsthausgesellschaft müssen sich mit dem herumschlagen, was ihre heute auffallend schweigsamen Vorgänger Christoph Becker und der Topmanager und «sanfte Machtmensch» (NZZ) Walter Kielholz anrichteten: mit dem protzigen Erweiterungsbau von Stararchitekt David Chipperfield, der nicht rentiert, obwohl die Besucher:innenzahlen sogar über den Prognosen liegen.

Konfliktreich verknüpft ist das teure neue Haus ausserdem mit der Kunstsammlung des Waffenfabrikanten Emil Bührle, die aus negativen Schlagzeilen weiterhin nicht herauskommt und für die das Museum im Wesentlichen erstellt wurde. Bührles «Meisterwerke des Impressionismus» tragen den Namen ihres Sammlers penetrant auf ihren fetten Bilderrahmen. Die Sammlung ist ein Klotz am Bein des Kunsthauses, aber halt auch ein Publikumsmagnet. Um zeitgemässe Ansprüche an die Provenienzforschung zu erfüllen, musste der Zürcher Gemeinderat 2025 drei Millionen Franken zusätzlich bewilligen. Was hinter den Kulissen aufgewendet wird, um die Bührle-Stiftung als selbstherrliche Leihgeberin bei Laune zu halten, ist wohl nicht so einfach zu beziffern.

Aber eben: Die Hauptschuldigen an der falschen Bührle-Einschätzung und anderen Fehlkalkulationen sind andere. Und doch ist es irritierend, dass der sicher bestens vernetzte Blackrock-Vize Hildebrand und Direktorin Demeester (Jahreslohn 310 000 Franken, mehr als der Stadtpräsident) nun die hohle Hand machen, unter anderem, um ihr Personal anständiger bezahlen zu können. Auch dass die Kunsthausgesellschaft als privater Trägerverein des Hauses für den Fall eines Neins mit der Schliessung der Kunsthausbibliothek drohte, hat einen unangenehmen Beigeschmack: Ausgerechnet den öffentlichen Rechercheort wollte man also im Notfall opfern.

Die Suche nach privaten Geldgebern gestalte sich schwierig, heissts aus den Teppichetagen des Hauses. Was auch damit zu tun hat, dass Millionär:innen lieber grosse Ausstellungen sponsern, die viel mehr Aufmerksamkeit generieren als ordentliche Löhne für Reinigungsfachkräfte, Aufsichtspersonen und Kassierer:innen. Der Abglanz von Marina Abramović und Vincent van Gogh leuchtet in diesen Kreisen auch stärker als Bibliotheken oder Provenienzforschung.

Gegen Kultursubventionen zu argumentieren, ist gerade für Leute, die als progressiv gelten wollen, trotz allem keine Lösung. Was bleibt, ist ein altes und viel grundlegenderes Dilemma. Kunst ist nicht reich, jedenfalls nicht in einem monetären Sinn – und stammt meist nicht von Reichen. Sie ist aber unterdessen gerade in den grossen Kunsthäusern auffallend oft zum Spielball und Safe Space der Wohlhabenden geworden. Das Fussvolk darf auch ein bisschen mitspielen, klar, muss dafür aber verhältnismässig tief in die Tasche greifen. Ein Eintritt ins Kunsthaus kostet stolze 31 Franken. Das ist zu viel.

Ausserdem dürfte das Kunsthaus gern auch mit anderen Aktionen an das echte – und so zwingend ungemütliche – anarchische und klassenkämpferische Potenzial von Kunst erinnern. Damit der Chipperfield-Bunker nicht auch noch zum gutbürgerlichen Steuergeldmausoleum wird. ●