Rüstungsreport 2026 : Lex Rheinmetall

Nr. 40 –

Eine Recherche der WOZ zeigt: Das neue Waffenexportgesetz ist nichts anderes als eine Massanfertigung für den derzeit gierigsten Waffenkonzern der Welt.

Illustration: zwei Marionetten in einem Theaterkasten feilen und hobeln an einer Fliegerbombe aus Holz

Wer profitiert eigentlich, sollte die Lockerung des Kriegsmaterialgesetzes angenommen werden, die in zwei Monaten zur Abstimmung steht? Bislang ist die Antwort auf diese zentrale Frage erstaunlich unscharf: die Schweizer Rüstungsindustrie, heisst es allenthalben. Diese Unschärfe ist kein Zufall. Firmen, die Kriegsmaterial herstellen, scheuen die Öffentlichkeit und schweigen über ihr Geschäftsfeld, den Handel mit Waffen. Die Kommunikation überlassen sie lieber dem bestens vernetzten Industrieverband Swissmem, der die «Verteidigungsindustrie» als Garantin unserer Sicherheit inszeniert.

Trotzdem ist es möglich, die eingangs erwähnte Frage präzise zu beantworten. Von der geplanten Gesetzesänderung wird vor allem ein einziger Konzern profitieren: Rheinmetall aus Deutschland. Dessen Stellung in der Rüstungsbranche ist geradezu dominant.

Schweizer Anteil liegt unter zehn Prozent

Das zeigt eine aktuelle Auswertung des WOZ-Rüstungsreports – einer öffentlichen Onlinedatenbank, die jährlich alle bewilligten Exporte von Schweizer Waffenfirmen dokumentiert und analysiert. Die entsprechenden Rohdaten stammen vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), das für die Kontrolle der Rüstungsexporte zuständig ist. Dabei hatte sich das Seco jahrelang gesträubt, der WOZ diese Daten zu übermitteln; erst ein Urteil des Bundesgerichts brachte im Frühjahr 2019 nach einem fünfjährigen Rechtsstreit den Durchbruch. So ist in den letzten sechs Jahren ein europaweit einzigartiges Transparenzportal entstanden, das die Namen, Adressen und Produktionslinien der hiesigen Rüstungsindustrie offenlegt.

Die Auswertung der Kriegsmaterialexportdaten aus dem letzten Jahr legt nun erstmals die erschreckende Dominanz des deutschen Rheinmetall-Konzerns offen: Insgesamt bewilligte das Seco 2025 Kriegsmaterialexporte im Umfang von 2,77 Milliarden Schweizer Franken. Diese Summe verteilt sich auf etwas über fünfzig verschiedene Waffenfirmen, wobei für über 98 Prozent des Exportvolumens gerade einmal elf Firmen verantwortlich sind. Und innerhalb dieses Blocks entfallen 1,96 Milliarden Franken – das entspricht 71 Prozent der Gesamtsumme – auf drei Rheinmetall-Tochterfirmen und ein Rheinmetall-Joint-Venture. Der deutsche Rüstungskonzern deckt aktuell also beinahe drei Viertel des bewilligten Kriegsmaterialexports ab. Ein enorm hoher Wert, der auch aufzeigt, wie gross die Abhängigkeit der hiesigen Rüstungsindustrie von einem einzigen ausländischen Konzern ist.

Infografik

Infografik: bewilligte Kriegsmaterialexporte 2025 und Exporteure im Besitz von Rheinmetall
Grafik: WOZ; Quelle: Seco

Überhaupt kann von einer «Schweizer» Rüstungsindustrie kaum die Rede sein. Von den erwähnten elf relevanten Kriegsmaterialfirmen haben nur gerade zwei ihren Hauptsitz in der Schweiz: Die B&T AG aus Thun, die im Handel sowie in der Herstellung von Waffen und Ausrüstungsgegenständen für Militär und Polizei tätig ist; und die Hartchrom AG aus Steinach im Kanton St. Gallen, die auf «die Innenverchromung von Geschützrohren mittleren und grossen Kalibers» spezialisiert ist. Die beiden Firmen verfügten letztes Jahr über Exportbewilligungen in Höhe von je 104,2 Millionen Franken.

Die Mutterfirmen der übrigen «Grossen» sitzen im Ausland: beim Panzerbauer Mowag GmbH in den USA, bei den vier Munitionsfirmen SwissP Defence AG in Italien, bei Nammo MTH SA in Norwegen, bei Saltech AG in Tschechien und bei Saab Bofors Dynamics Switzerland Ltd in Schweden. Bezogen auf den Gesamtumfang der Exportbewilligungen machen tatsächliche Schweizer Kriegsmaterialfirmen deutlich unter zehn Prozent aus. Die von den Befürworter:innen der Lockerung des Kriegsmaterialgesetzes heraufbeschworene «Schweizer» Rüstungsindustrie ist ein Phantasma. Vielmehr handelt es sich um eine völlig globalisierte Branche mit einem klaren Primus an der Spitze.

Lukrative Geschäfte mit Nazideutschland

Dieser Primus ist der zurzeit wohl gierigste Rüstungskonzern der Welt: Rheinmetall aus Düsseldorf. Vor zehn Jahren lag der Umsatz des Konzerns, der vor allem Panzerfahrzeuge und Artilleriemunition herstellt, bei knapp fünf Milliarden Euro. Inzwischen hat er sich auf fast zehn Milliarden verdoppelt. Geht es nach Firmenchef Armin Papperger, soll er 2030 gar bei fünfzig Milliarden Euro liegen. Zur Wachstumsstrategie gehören Firmenübernahmen und Joint-Ventures, etwa im boomenden Drohnenbereich. Der Aufschwung hängt unmittelbar mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zusammen. Nur wenige Tage nach Kriegsbeginn im Februar 2022 rief der damalige deutsche Kanzler Olaf Scholz (SPD) eine «Zeitenwende» aus und verfügte ein 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr.

Für Rheinmetall, während des Zweiten Weltkriegs Hauptlieferant von Geschützen für die Wehrmacht, erwies sich das als Sechser im Lotto. Gemäss Papperger dürften bis zu vierzig Prozent des Sondervermögens an seinen Konzern fliessen. Und noch etwas hat sich geändert seit der «Zeitenwende»: Rheinmetall sorgte mit Korruptionsaffären oder einer geplanten Panzerfabrik in der Türkei lange für negative Schlagzeilen. Heute gilt der Konzern als Vorzeigeunternehmen, das etwa eine Werbepartnerschaft mit dem populären Fussballclub Borussia Dortmund unterhält.

Auch in der Schweiz laufen die Geschäfte für Rheinmetall wie geschmiert. Hauptverantwortlich dafür ist ein Tochterunternehmen mitten in Zürich: die Rheinmetall Air Defence AG. Alleine letztes Jahr erhielt die Firma Exportbewilligungen im Umfang von weit über 1,6 Milliarden Franken – ein nie gesehener Wert in den letzten zehn Jahren. Rheinmetall Air Defence stellt begehrte Flugabwehrsysteme her, die gemäss eigenen Angaben in mehr als vierzig Ländern zum Einsatz kommen. Sie tragen Namen wie «Skyguard» oder «Skyranger». Ursprung der Firma ist die einstige Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon, deren damaliger Besitzer Emil Georg Bührle während des Zweiten Weltkriegs Zwanzig-Millimeter-Kanonen für mehrere Hundert Millionen Franken an das Naziregime lieferte. Die Gewinne nutzte Bührle, um eine Kunstsammlung aufzubauen. Dazu gehören auch Gemälde, die ihren jüdischen Vorbesitzer:innen während der NS-Verfolgung entzogen wurden. Die Sammlung wird seit 2021 in einem 200 Millionen teuren Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich präsentiert.

Zum Schweizer Portfolio von Rheinmetall gehören auch die RWM Schweiz AG sowie die RWM Zaugg AG. Erstere stellt hauptsächlich Munition her und betreibt im schwyzerischen Studen das Erprobungszentrum Ochsenboden, einen Schiess- und Testplatz für Waffen, Munition und andere militärische Systeme, zweitere ist auf die Herstellung von Zündern für Mittel- und Grosskalibermunition spezialisiert. Und schliesslich unterhält Rheinmetall zusammen mit dem bundeseigenen Betrieb Ruag AG die Nitrochemie Wimmis AG, eine führende Herstellerin von Treibladungen.

Die Rüstungsreport-Auswertung der WOZ zeigt in aller Klarheit, dass die aktuelle Kriegsmaterialgesetzgebung dem Rheinmetall-Konzern einen Milliardenumsatz in der Schweiz ermöglicht. Die nun vorliegende Revision würde die Geschäftsmöglichkeiten nochmals erheblich erweitern. Und die Gier von Rheinmetall ist gewaltig. Gegenüber SRF sagte Oliver Dürr, der scheidende CEO von Rheinmetall Air Defence, ohne mit der Wimper zu zucken: «Selbstverständlich, wenn wir die Exportbewilligung bekommen, dann liefern wir auch nach Saudi-Arabien.» ●

Hier gehts zur Rüstungsreport-Datenbank: www.rüstungsreport.ch.

In den Seco-Daten tauchen zwei weitere «Firmen» in der Kriegsmaterialkategorie auf: die bundeseigene Ruag AG (Exportbewilligungen für 87 Millionen Franken) und die Beschaffungsbehörde armasuisse (58 Millionen). Aber da geht es nicht um Waffenexporte im eigentlichen Sinn; die beiden Akteurinnen übernehmen Wartungsarbeiten im Ausland, schicken Material für Armeeübungen über die Grenze oder verkaufen alte Militärbestände.

Der Rüstungsreport wird vom Förderverein ProWOZ sowie aus einem Legat des Journalisten Jürg Frischknecht finanziert.