Russische Belagerung : Der Schrecken jenseits des Dnipro

Nr. 40 –

In der besetzten Stadt Oleschki nahe Cherson spitzt sich die Hungersnot zu. Die Ukraine fordert eine unverzügliche Evakuierung der Bewohner:innen.

eine Türe auf der die Nachricht «Keine Lebensmittel! Wir sind selbst am Verhungern» geschrieben steht
«Keine Lebensmittel! Wir sind selbst am Verhungern»: Nachricht an plündernde russische Soldaten.
zerstörtes Haus in Oleschki
Immer wieder wird Oleschki von russischen Drohnen angegriffen.
Einmachglas mit Brotvorräten
Die letzten Brotvorräte werden in Einmachgläsern konserviert.
ein Hund liegt neben einem Fressnapf
Auch die Hunde hungern: Der ganzen Stadt geht das Essen aus.

Mykola Melnyk* isst nur einmal am Tag eine richtige Mahlzeit, wie er am Telefon erzählt. Morgens trinkt er Wasser, mittags kocht er eine Suppe, und abends isst er ein paar Wildtrauben. Er hat kein Öl, kein Mehl, kein Fleisch, keine Grütze, keine Eier, keinen Käse und keinen Tee. Vor kurzem hat er auf dem Markt ein Stück Margarine aus dem Jahr 2021 gekauft. Jemand hatte einen Vorrat in einem Keller gefunden, der nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms überflutet worden war.

Melnyk lebt in Oleschki, einer Stadt am Ostufer des Dnipro, im Oblast Cherson, Südukraine. Russische Truppen drangen bereits in den ersten Tagen der gross angelegten Invasion in den Oblast ein. Bald folgte die Gegenoffensive, die ukrainischen Streitkräfte eroberten Cherson im November 2022 zurück, doch kamen sie am Dnipro zum Stehen. Die Brücke, die Cherson mit Oleschki verband, sprengten die Russen beim Rückzug.

Seitdem ist der Ort vom ukrainisch kontrollierten Teil des Landes abgeschnitten. Es gibt nur zwei Wege, auf denen man die Stadt verlassen kann: Richtung Süden zum Schwarzen Meer und nach Osten nach Mariupol. Das sind ebenfalls von Russland besetzte Gebiete. Und jetzt kann man die Stadt auch in diese Richtungen kaum mehr verlassen, denn die russischen Besatzer haben die Strassen vermint. Russland will die verbliebene Bevölkerung so aktiv an der Flucht hindern. Ukrainische Behörden und Menschenrechtsorganisationen werfen dem Regime vor, die Menschen in Oleschki als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen, um nahe russische Stellungen und Unterstände von Drohnenpiloten vor ukrainischen Angriffen zu schützen.

Fast 2000 Menschen stecken in der Stadt fest, fast ohne Strom und Gas – beides gibt es nicht mehr, seit Russland am 6. Juli 2023 den Staudamm am Dnipro sprengte. Sechzig Prozent der Stadt wurden damals überflutet. Wie viele Menschen dabei ums Leben kamen, ist unbekannt. Klar ist nur: Vor der Besatzung lebten in Oleschki fast 25 000 Menschen.

«Die Lage verschlimmert sich täglich»

So schlimm wie heute war es in Oleschki noch nie. Im Dezember 2025 verminten die Besatzer erstmals die Zufahrtsstrassen zur Stadt. Dem letzten geöffneten Laden, «Katjuscha», begannen langsam Batterien, Kerzen, Hygieneartikel und Lebensmittel auszugehen. Die Menschen brachten, was sie hatten, zum Markt: manche Tee, andere ein Glas Eingelegtes. Im März gingen die Medikamente aus.

Im Frühling räumten die Besatzer die Strassen. Im Laden gab es wieder Waren. Mykola Melnyk kaufte Butter. Er stand dafür fünf Stunden lang in der Schlange. Ende Mai verminte die russische Armee die Strassen erneut. Die letzten Güter kamen am 26. Mai nach Oleschki. Alle nachfolgenden Versuche, die Stadt zu beliefern, endeten mit Toten oder Verletzten.

Südukraine

Karte der Südukraine mit besetzten Gebieten
Karte: WOZ

Oleschkis nominelle Bürgermeisterin Tetiana Hasanenko, die ihr Amt wegen der russischen Besatzung derzeit aus der von der Ukraine kontrollierten Stadt Mykolajiw ausübt, aber weiterhin engen Kontakt zur Bevölkerung hält, sagt: «Die Lage verschlimmert sich täglich.» Im Sommer hätten die Menschen ihre Gärten bestellt, doch die Ernte sei jetzt aufgebraucht. «Sie suchen nun in den Trümmern nach alten Einmachgläsern.» In Gurkenwasser rührten die Menschen Natron und Mehl, sagt Hasanenko, «um aus dieser Mischung ein Fladenbrot zu backen». Wer kein Mehl habe, mahle Nudeln zu Pulver. «Das Wenige, das die Menschen haben, wird oft von russischen Soldaten geklaut. Daher schreiben sie an die Türen: ‹Keine Lebensmittel da.›»

Melnyk hat zwar einen Garten, aber die Gartenarbeit ist riskant, da die Russen mit Drohnen Menschen jagen. Ihr Hauptziel ist Cherson. Doch die Rekruten trainieren den Einsatz an den Bewohner:innen Oleschkis. Deshalb erledigt Melnyk seine Gartenarbeit im Morgengrauen. Nach neun Uhr verlässt er das Haus kaum. Aber immerhin stehe es noch, betont er. Wenn ein Haus abbrennt, ziehen seine Bewohner:innen in ein Nachbarhaus, das leer steht, weil jemand gestorben oder geflohen ist.

Verzweifelte Fluchten

Xenia Archipowa arbeitete bei der Polizei. Im Sommer 2022 kam der russische Geheimdienst auf sie zu. «Sie wollten, dass ich für sie arbeite, und gaben mir drei Tage Bedenkzeit.» Sie wusste, sie musste fliehen. Heute lebt sie weiter westlich in Mykolajiw. Bis Mai 2026 half sie ungefähr 200 Menschen, aus Oleschki zu fliehen. Viele seien nach Kriegsbeginn geblieben, weil sie gehofft hätten, die Ukraine würde die Stadt bald befreien, erklärt Archipowa. «Sie wollten auch bleiben, damit ihr Zuhause nicht in russische Hände fällt.»

Wladimir Putin stellte den Bewohner:innen der von Russland besetzten Gebiete im März 2025 ein Ultimatum: Wer bis zum 10. September nicht die russische Staatsbürgerschaft annehme, verliere sein Aufenthaltsrecht. Viele fügten sich, weil sie ohne die Staatsbürgerschaft weder im Alltag zurechtkamen noch ausreisen konnten.

Melnyk hat keinen Pass. 2023 tauchten Soldaten bei ihm auf, schlugen ihn und nahmen ihm seinen ukrainischen Pass ab. Aus Prinzip will er keinen Antrag auf einen russischen stellen. Auf die Frage, wie er sich auf den Winter vorbereite, sagt er: «Selbst den Herbst werde ich vielleicht nicht überleben.»

Die Ukraine fordert die unverzügliche Evakuierung Oleschkis. Möglich wäre dies aber nur mittels eines gesicherten humanitären Korridors durch russisch besetztes Gebiet. Unterdessen versuchen verzweifelte Menschen, auf eigene Faust zu fliehen. Am 10. September gelang es elf Personen, über die verminte Strasse ins 23 Kilometer entfernte Radensk zu gelangen. Wenige Tage später machte sich eine weitere Gruppe auf den Weg, eine Person trat dabei laut Archipowa auf eine Mine.

Oleschki ist kein Einzelfall, wie die aus dem Ort stammende Journalistin Maria Sementschenko berichtet. Über Oleschki wisse man relativ viel, weil das ukrainische Mobilfunknetz bis dorthin reiche. «Es gibt Orte, von denen seit Monaten keine Nachricht nach aussen dringt.»

Vergangenen Sonntag warf die ukrainische Armee vier Tonnen Lebensmittel über Oleschki ab. Für die Bewohner:innen der besetzten Gebiete sei die Annahme solcher Pakete jedoch äusserst riskant, sagt Sementschenko. «Das ist bereits ein Grund für Verhaftung und Folter.» ●

* Name geändert.

Die hier gezeigten Bilder wurden der WOZ von Oleschkis Exilbürgermeisterin Tetiana Hasanenko zur Verfügung gestellt.

Russlands Krieg gegen die Ukraine : Dauerbeschuss als neue Normalität

Am Montag traf es das Herz der ukrainischen Hauptstadt. Mitten am Tag schlugen Drohnen in eine Klinik und in die Nationale Akademie der Wissenschaften im Zentrum Kyjiws ein. Auf einem Video, das Präsident Wolodimir Selenski verbreitete, waren Feuer und dichter Rauch im Innern des historischen Gebäudes zu sehen; auf Social Media kursierten Videos von Menschen, die sich in den oberen Stockwerken auf die Fenstersimse flüchteten.

Seit Wochen eskaliert die russische Armee ihre Angriffe auf die Ukraine. Vor allem Kyjiw steht dabei im Zentrum, wird praktisch täglich beschossen – so heftig wie noch nie seit Beginn der Vollinvasion. Ständiger Luftalarm als neue Normalität, mit gravierenden Auswirkungen auf die Stadtbewohner:innen: Unterbruch von Arbeit und Schulunterricht, schlaflose Nächte und leere Supermarktregale. Primäres Ziel der russischen Attacken sind Tankstellen, Lagerhäuser, Datencenter und die Energieinfrastruktur, aber auch Wohnhäuser, Einkaufszentren oder staatliche Gebäude werden getroffen. In den letzten drei Monaten wurden allein in Kyjiw viele Dutzend Menschen getötet und mehrere Hundert weitere verletzt.

Laut Expert:innen setzt Moskau vermehrt neuartige Drohnen mit Düsenantrieb ein. Ein wirksames Gegenmittel hat die Ukraine bisher nicht gefunden: Lag die Abfangquote bei früheren Modellen bei 95 Prozent, ist sie bei den neuen auf unter 50 gesunken. Hinzu kommt, dass Russland die Drohnenproduktion zuletzt stark hochgefahren hat.

Auch die ukrainische Bahn wird seit einiger Zeit verstärkt angegriffen; vor allem Lokomotiven stehen im Visier der Drohnen. Inzwischen werden die Züge bei Luftalarm jeweils vollständig evakuiert – was die Fahrten teilweise um ein Vielfaches verlängert. Auf ein Signal der Zugbegleiter:innen hin müssen die Passagier:innen den Zug verlassen und sich (falls vorhanden) in einen Schutzraum begeben; meist bedeutet das, teilweise stundenlang im Nirgendwo auszuharren.

Die Gründe für die Eskalation sind unter anderem in der Situation an der Front zu suchen, wo es für Russland derzeit nicht gut läuft: Seine Sommeroffensive gilt als gescheitert, teilweise konnte die ukrainische Armee gar Geländegewinne verzeichnen. Entsprechend terrorisiert Moskau nun den zivilen Alltag der Menschen, will nicht nur die Wirtschaft des Landes zerstören, sondern auch die Hauptstadt unbewohnbar machen. In den kommenden Wintermonaten dürfte sich die humanitäre Notlage verschärfen – die Sorge, bei Minusgraden ohne Strom, Heizung und Wasser durchkommen zu müssen wie im letzten Winter, ist gross.