Speis & Kampf : Breitbeinig und mild
Wieso hat der Kürbis den aufdringlichsten Auftritt aller saisonalen Gemüse?
Der Kürbis ist der Bulldozer der Gemüseabteilung. Mit seinem pompösen Auftritt zum Herbstanfang stellt er locker jedes saisonale Gemüse oder Obst in den Schatten. Selbst vor mittelgrossen Supermärkten reihen sich gerade mehrere riesige Kisten mit Kürbissen, von alteingesessenen Sorten bis zu neuen Trends aus dem Kürbisland Japan, von Billiglinie bis Demeter. Und die Hochsaison dauert noch bis in den November hinein – es ist also noch nicht einmal die Hälfte geschafft.
Doch wer soll das alles essen? Kochen die Leute nun mehrmals pro Woche Kürbissuppe oder Ofengemüse? Die Antwort ist: Nein, aber.
Tatsächlich wird deutlich mehr Kürbis gegessen als noch Ende der nuller Jahre. In dieser Zeit hat sich die Anbaufläche von Speisekürbissen in der Schweiz verdreifacht. Die Statistik des Landwirtschaftlichen Informationsdiensts erfasst aber nur den Anbau für den Handel, viele Kürbisse werden zusätzlich auf Märkten oder ab Feld verkauft. Woran man auch sieht, wie geschickt dieses Produkt positioniert ist: Obwohl US-amerikanische Kultur in Form von Halloween oder Pumpkin Spice Latte – ein von Starbucks popularisiertes Kaffeegetränk mit Kürbiskuchengewürz – viel zum hiesigen Boom beigetragen hat, gilt der Kürbis gleichzeitig als bodenständiges heimisches Gemüse.
Tatsächlich wird Kürbis fast ausschliesslich lokal produziert, zudem ist er günstig und lange haltbar und hat einen anständigen Ballaststoffgehalt. Es ist sicher sinnvoll, Kürbis zu essen. Aber macht es auch Spass?
Natürlich kann man Kürbis schmackhaft zubereiten (und der Spaghettikürbis soll Kindern sehr viel Spass bereiten). Doch er ist auch eine kulinarische Zumutung. Seine breitbeinige, erdige Süsse und seine bindende Stärke tendieren dazu, andere Aromen und Texturen zu übertönen (was im Übrigen auch punkto Farbe gilt). Gerichte mit Kürbis schmecken oft vor allem nach Kürbis. Was paradox ist, weil der Kürbis im Vergleich zu anderen Gemüsesorten ein mildes, wenig differenziertes – man könnte sagen langweiliges – Aroma aufweist.
Trotz gestiegenem Verzehr ist dieser im Vergleich zu dem von Rüebli oder Zucchetti immer noch klein. Wie also die riesigen Kisten vor den Supermärkten erklären? Kürbisse werden in einem kleinen Zeitraum geerntet, lassen sich aber ungekühlt mindestens zwei, manche Sorten sogar bis zu acht Monate lagern. Viele Exemplare liegen wohl also eine Weile vor dem Laden, wo sie eine auffällige – man könnte sagen aufdringliche – Herbstdeko abgeben.
Und noch ein Tipp für den Fall, dass die Kürbissuppe für diese Saison bereits verleidet oder die Lust gar nicht erst aufgekommen ist, aber noch eine fast volle Flasche edles Kürbiskernöl herumsteht: In der Steiermark träufeln sie es über Vanilleeis. ●