13.12.2015

Deal!

Von Marcel Hänggi

Jubel im Plenarsaal. Bild: UNFCCC

Es ist geschafft. Vielleicht bin ich jetzt, im ersten Moment der allgemeinen Euphorie, der langen stehenden Ovationen, der Freudentränen und grossen Worte, ja überoptimistisch.

Aber es ist gut, was hier gelungen ist. Das in Paris verabschiedete Abkommen ist nicht ausreichend angesichts der Herausforderung, bei weitem nicht; aber es ist sehr gut gemessen an den Schwierigkeiten, ein solches Abkommen zu erzielen. Jetzt beginnt die noch viel schwierigere Umsetzung.

Es war ein Tag der langen Verspätungen; zuletzt wegen Schwierigkeiten mit der juristisch und linguistisch korrekten Übersetzungen in alle Uno-Sprachen. Doch nachdem diese ausgeräumt waren (nach zehn langweiligen Minuten im Stil: «Artikel sowieso Absatz sowieso, chinesischer Text, Wort X wird durch Wort Y ersetzt» – aber in dieser staubtrockenen Aufzählung verbargen sich auch mindestens zwei substantielle Änderungen, die zu diesem Zeitpunkt niemand wahrnahm), machte es Konferenzpräsident Laurent Fabius kurz: «Ich gebe allen das Wort, die es wünschen – ich schaue in den Saal und sehe zufriedene Gesichter – l'accord est adopté – [Hammerschlag].» Grosser, langer Applaus und Jubel im Plenarsaal und auch im Pressezentrum. Danach witzelte Fabius: «Das ist ein kleines Hämmerchen, aber ich glaube, es kann grosse Dinge tun.»

Danach gibt es Wortmeldungen, darunter auch Misstöne – Nicaragua beklagt sich, der Verhandlungsprozess sei nicht demokratisch gewesen und das Abkommen ungenügend. Die Türkei deutet an, das Parlament könnte den Vertrag nicht ratifizieren. Aber die anderen sind zwischen zustimmend und euphorisch, fast alle danken der französischen Konferenzleitung, und es gibt immer wieder langen Applaus und Jubel.

Und hier ist es, das Abkommen: http://unfccc.int/resource/docs/2015/cop21/eng/l09r01.pdf (PDF-Dokument, englisch).

Das Abkommen verfolgt das Ziel, die Erwärmung «deutlich unter 2 Grad» zu halten und «Anstrengungen zu unternehmen, um sie unter 1,5 Grad zu begrenzen».

Ich verzichte an dieser Stelle auf eine Zusammenfassung oder gar Analyse, jetzt ist Feier-Abend. Bier mit KollegInnen von NZZ und RTS (merci, Nathalie!). Gute Zusammenfassungen gibt es beispielsweise hier (Klimaretter), hier (Carbon Brief), hier (The Guardian), hier (New York Times) und, kritisch, hier (reporterre.net) sowie, noch etwas kritischer, hier (Foreign Policy in Focus). Und, ebenfalls wie immer kritisch, hier ein Kommentar meines Lieblingskolumnisten George Monbiot. Analysen folgen in der Sonntagspresse, in der Tagespresse – und in der nächsten WOZ Nr. 51 vom Donnerstag.

Aber es war diesen Samstag auch einiges los in den Strassen von Paris. Während einer der langen Pausen habe ich einen Abstecher an die (unbewilligte) Kundgebung auf dem Champs de mars beim Eiffelturm gemacht. Es gab nicht eine, sondern zwei Grossdemos heute in Paris: Um Mittag – da war ich noch im Konferenzgebäude – fand eine erste Demonstration auf der Avenue de la grande armée statt, 15'000 TeilnehmerInnen waren's laut den Organisatoren. Ab 14 Uhr traf man sich auf dem Champs de mars, wobei um 15 Uhr 30, als ich die Gegend wieder verliess, noch immer viele Leute hinzu strömten. Es waren sicher viele Tausend. Man skandierte «Pas le climat – changeons le système», «Etat d'urgence climatique» oder «Les 1, les 2, les 3 degré – c'est une crime contre l'humanité» (Slogans wirken ja selten so richtig gut...); viel Farbe und phantasievolle Kostüms. Stimmung friedlich; sehr viel Polizei rundherum, die die unbewilligte, aber tolerierte Demo gewähren liess. Um auf den Champ de mars gelangen, musste man Personenkontrollen passieren, doch dortselbst hielten sich die PolizistInnen sehr im Hintergrund – ich sah nur zwei. Ein englischer Klimaaktivist erzählt mir aber, er habe es nicht an die Mittagskundgebung geschafft, weil die Métro – offenbar auf Anweisung der Polizei – die Haltestellen um die Ave. de la grande armée nicht bedient habe. Weitere Informationen gibt es auf der Seite der OrganisatorInnen.