CU there : Grüsse aus der Weihnachtsallee!

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Weil es zu Halloween eine Halloweenkolumne gab, braucht es zu Weihnachten auch eine Weihnachtskolumne. Kurz vor dem Staffelfinale, so wie in den amerikanischen Sitcoms der 1990er bis 2010er Jahre: Irgendwer trägt eine Samichlausmütze, der obligatorische «turkey» passt nicht in den Ofen, die Schwiegereltern sind schwierig, irgendwer trinkt zu viel, oder gar nicht, weil: schwanger?! Omg! Merry Christmas!

Okay, das klingt kulturpessimistischer, als es gemeint ist. Tatsächlich liebe ich dieses Weihnachtszeug, den ganzen opulenten Kitsch, die Lichterketten, glühweinklebrige Hände, Kerzenziehen, «Wiehnachtsguetsliluft» etc. Wie sonst durch die grauen Tage bis Neujahr kommen?

Die Vorweihnachtszeit ist bei mir sehr positiv abgespeichert, vermutlich, weil ich sie in meinen Kindheitserinnerungen zu einem einzigen Weihnachtsmarktbesuch bei der Münchner Verwandtschaft eingedampft habe. Die komplette, schimmernde Reizüberflutung mit Punsch in der einen und Lebkuchen in der anderen Hand. Als Kind mein Paradies, heute bin ich eher «aus soziologischer Perspektive» interessiert, was ich immer sage, wenn ich nicht zugeben will, dass ich etwas heimlich geil finde, so wie Fussball-Public-Viewings und den ESC.

Und damit rein in Zürichs berüchtigtste Begegnungszone: die Europaallee aka «Zürcher Weihnachtsallee». I mean: Come on! In Basel gibts ein «Adventsgässli», in Bern den «Sternenmarkt», und die Lausanner Version «BôNoël» ist nach einem Kuchen benannt. Nur wir haben wieder mal High End inklusive «Rooftop», «Brands» und DJ-Sets. We get what we deserve, schliesslich ist die Europaallee auch an allen anderen Wochen im Jahr die glasfassadenklare Manifestation kapitalistischer Raumplanung.

Wo auf dem restlichen Kontinent Europa im Namen häufig irgendeine Form von gesellschaftlicher Vision Zusammenhalt etc.  markiert wird, ist in der Schweiz der Helvetiaplatz immer irgendwie relevanter und alles mit Europa ein Unort. Oder? Kontrastierende soziologische Beobachtungen gerne an mich.

So viel zum Weihnachtsmarkt, den wir grundsätzlich nicht mehr so nennen sollten, allein schon, um alle Markus Söders bis Andreas Glarners zu provozieren. Nach Berner Vorbild zum Beispiel «Endjahres-Sternenstände» oder «Lichterglitzergasse» oder «Begegnungszone Punsch». In München habe ich letztes Jahr den queeren «Pink Christmas»-Markt entdeckt, mit Dragshows und Proseccobar. Ja, ja, Pinkwashing, schon klar, aber die Veranstalter:innen verstehen «Pink Christmas» auch als «eine Plattform des Widerstands und der Sichtbarkeit» in Zeiten «des erstarkenden Rechtsextremismus». Ich möchte das gerade schön finden und mir pink glitzernde Marktstände auf dem Helvetiaplatz vorstellen, alkoholfreie Spassgetränke und Küche für alle, Strassenkunst und Soli-Merch für Seenotrettung. Und als Soundkulisse der ganz unweihnachtliche Banger «Helvetia» von Capslock Superstar feat.ENL:

Ich schmiege mi a die Fressbalke/ Ich bin im Stüürparadies/

Betty Bossi im Regal/ Du süfzisch: Ruag Ruag/

Ich fessle dich a mini dritti Süüle

Schubidubidu AHV/ Tralala SBB/ Schubidubidu Cervelat

Schriftsteller:in Laura Leupi (29) streift in der Kolumne «CU there» durch Begegnungszonen und schreibt nächste Woche das letzte Mal über öffentlichen Raum, Zugänglichkeit und Verdrängung.