Hundeleben : Welt in Trümmern

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Eine junge Frau mit kugelsicherer Weste und Militärhelm auf dem Kopf. Versonnen lächelnd hält sie einen Welpen im Arm. Peta Schweiz sammelt mit dem Bild Spenden. Das Geld soll ihrer Partnerorganisation Animal Rescue Kharkiv (ARK) zugute kommen, dem Tierrettungsdienst der ukrainischen Stadt Charkiw. Vor vier Jahren startete die russische Vollinvasion. Seither müssen Menschen aus umkämpften Gebieten fliehen – und können ihre Hunde oder Katzen nicht mitnehmen.

Das erinnert an Tschernobyl. Am 26. April 1986 explodierte nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw ein Reaktorblock des damals noch sowjetischen AKW Tschernobyl. Nach ungewissen Stunden wurde die Bevölkerung der Stadt Pripjat mit Bussen evakuiert. In der Stadt, die nur einen Steinwurf vom geborstenen Reaktor entfernt liegt, lebten etwa 50 000 Menschen. Ihre Hunde mussten sie zurücklassen. Die zahlreichen Hunde streunten durch die verseuchte Stadt. Die Strahlenbelastung war immens. Viele Hunde verloren deswegen ihr Fell. In der geräumten Zone hielten sich nur noch Armeeangehörige auf, die sich bemühten, die Nuklearkatastrophe einzudämmen. Die verlassenen Hunde wurden ihnen mit der Zeit gefährlich. Soldaten bekamen den Auftrag, sie zu erschiessen. Die Stadt sei noch lange mit Tierkadavern übersät gewesen, wurde mir erzählt, als ich Mitte der neunziger Jahre während mehrerer Monate in Kyjiw weilte, um für mein Tschernobyl-Buch zu recherchieren.

Zurück zu Peta: Die Organisation schreibt, sie habe in den letzten vier Jahren zusammen mit Animal Rescue Kharkiv mehr als 30 000 Tiere aus den stark zerstörten Ortschaften nahe der Front gerettet und biete «sichere Unterkünfte für 600 Katzen sowie für 1200 Hunde». Aber würde man nicht besser Menschen helfen, statt Hunde zu retten? Peta präzisiert. Auf Anfrage schreibt eine Mitarbeiterin: Man habe den ethischen Anspruch, Menschen und Tieren zu helfen. Sie würden sie zusammen aus den umkämpften Zonen holen. «Oder das Militär evakuiert die Menschen, aber die Tiere können nicht mit.» Viele dieser Evakuierten würden sich melden, sobald sie nach der ersten ungewissen Zeit in einer stabileren Situation angekommen seien: «Fast 300 Mal am Tag klingelt unser Nottelefon.» Verzweifelte Menschen, die ihre Tiere aus dem Kriegsgebiet rausholen möchten. Dann machten sich ARK-Mit­ar­bei­ter:in­nen auf, damit «die Menschen ihre vierbeinigen Freunde nicht an den Krieg verlieren». Bei allem Pathos haben sie recht: Wer Tiere rettet, hält ein kleines Stück Zuversicht fest – wo alles andere in Trümmern liegt.

WOZ-Redaktorin Susan Boos hält seit Jahrzehnten Hunde. In ihrer neuen Kolumne schreibt sie über das Vermenschlichte am Hund und das Politische im Tier. Die Serie erscheint jeden Mittwoch. Ihr Buch «Beherrschtes Entsetzen. Das Leben in der Ukraine zehn Jahre nach Tschernobyl» ist 1996 im Zürcher Rotpunktverlag erschienen.