Frag die WOZ: Tomaten, teurer als ein Netflix-Abo?

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«Wieso kosten 500 Gramm Biotomaten im Viadukt mehr als ein Monatsabo für Netflix?»

K. L., via Mail

Das ist eine sehr gute Frage! Um herauszufinden, was sich hinter den Luxustomaten versteckt, wage ich mich in die Viadukt-Markthalle in Zürich. Dort angekommen, mache ich mich zielstrebig auf zur Gemüseabteilung. Ich brauche nicht lange zu suchen: Der Übeltäter sticht mir mit seiner dunkelroten Farbe sofort ins Auge. Honigtomaten aus den Niederlanden für sage und schreibe 45 Franken pro Kilogramm. Nicht nur die kleinen Tomaten hängen an der Rispe, wie man den Tomatenstiel so schön nennt, auch ein edles Produktschild mit der Aufschrift «Looye Honigtomaten – die süsse Verführung» ist daran befestigt. Dazu haben die Luxustomaten dann auch noch eine eigene Website. Auf dieser kann man sich über den Charakter und das Wachstum der Tomate informieren und das überschwängliche Lob von sogenannten Geschmacksexperten lesen. Doch relevante Fragen zum Anbau der Tomaten bleiben unbeantwortet.

Und wieso sind diese Tomaten denn nun so teuer? Wohl kaum, weil die Erntehelfer:innen so gut bezahlt würden. Auch nicht, weil sie mit einer besonders ökologischen Methode angebaut würden, die mit mehr Aufwand verknüpft ist und den Preis in die Höhe treiben könnte. Die Luxustomaten sind wohl aus dem einfachen Grund so teuer, weil es genug zahlungskräftige Menschen gibt, die sich solche Tomaten leisten können. Ich gebe zu: Noch nie zuvor betrat ich die gentrifizierten Viaduktbögen im Herzen des Zürcher Kreis 5 – und hatte es eigentlich auch nicht vor, denn das meiste hier kann ich mir sowieso nicht leisten. Wo wir auch gleich bei einer entscheidenden Frage wären: Wie viel können, wollen und sollten wir für unsere Lebensmittel ausgeben?

Noch vor fünfzig Jahren gab die Schweizer Bevölkerung rund ein Drittel ihres Einkommens für Lebensmittel aus, heute ist es weniger als ein Zehntel. Während sich das Haushaltseinkommen verfünffacht hat, sind die Lebensmittel beim Grossverteiler nur rund dreimal so teuer wie damals. Dabei sind die Kosten bei Lebensmitteln besonders im Bereich der Veredelung und beim Verkauf gestiegen, nicht etwa in der Landwirtschaft. Viele Menschen, die auf Schweizer Feldern Gemüse anbauen, arbeiten jedoch auf einem Lohnniveau wie vor fünfzig Jahren. Von den ausgebeuteten Feldarbeiter:innen in anderen Ländern ganz zu schweigen. Dass wir von günstigen Lebensmitteln profitieren, ist nur möglich durch die Ausbeutung menschlicher und natürlicher Ressourcen.

Statt aber Luxustomaten aus dem Treibhaus zum Statussymbol zu machen, sollte die Stärkung und Erhaltung kleinbäuerlicher Betriebe und ökologischer Anbaumethoden im Zentrum stehen. Sich für ein sozialökologisches Ernährungssystem einzusetzen, kostet, und doch ist es unumgänglich in Anbetracht der ökologischen und klimatischen Krisen. Leider bleibt die Ernährung wie viele Lebensbereiche eine Klassenfrage. Für viele bleibt eine ökologische und gesunde Ernährung unerschwinglich, umso dringender sollten alle, die es sich leisten können, an einem solidarischen Ernährungssystem arbeiten und Alternativen zugänglich machen.

Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!